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Das Ende ist nah

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Wie konnte Calvin, um diese Uhrzeit, so gut drauf sein? Oder bildete er es sich nur ein, weil er sich selbst so jämmerlich fühlte? Vielleicht amüsierte sich Calvin gar über seinen Zustand.
Nein, das konnte es nicht sein, denn Calvin selber machte auch keinen guten Eindruck. Das mochte daran liegen, dass er keine längeren Aufenthalte in einem Sattel gewohnt zu sein schien. Dementsprechend saß er verdreht und verkrampft auf seinem Pferd. Mike wollte gar nicht wissen, wie wund Calvins Schenkel dadurch schon waren.
Auch sein übriges Äußeres konnte man nicht mehr das, eines erfolgreichen "Geschäftsmannes" nennen. Er trug zwar noch sein weißes Hemd und seine schwarzen Seidenweste, doch nachdem die Sachen nun so lange Sand, Staub und Dreck ausgesetzt waren, besaß nichts mehr seine ursprüngliche Farbe.
Das Weiß des Hemdes hatte sich, in der Zwischenzeit, in einen hellen Braunton verwandelt und auch die Weste konnte, im besten Falle, noch als dunkles grau durchgehen. Doch egal, um welches Kleidungsstück es sich handelte, alles war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Ja, die Gegend war berühmt berüchtigt für ihren Staub. Man konnte versuchen ihn abzuklopfen, doch ein Windstoß genügte, um einen wieder zu bedecken.
Dieses Phänomen machte auch nicht vor anderen Körperregionen halt. Egal ob Hände, Hals oder vor allem das Gesicht. In jede Pore kroch der aufgewirbelte Dreck hinein. Gerade bei den Haaren bildete sich eine besonders dicke Schicht. Das wurde sogar noch begünstigt, wenn man wie Calvin längeres, fettiges Haar besaß. Daher war es stets ratsam, seine Haare so kurz wie möglich zu halten. Anders verhielt es sich jedoch mit einem Bart. Hier konnte man sich viel ungewollten Staub in Mund und Nase ersparen, wenn man nur lange genug auf einen Rasierer verzichtete. Leider sollte es bei Calvin noch eine Zeit dauern, bis sich der schwarze Schnurrbart zu einem Vollbart verwandeln würde.
Mike hingegen befand sich in der glücklichen Lage, dass er mit den hiesigen Umständen schon längst vertraut war. Deshalb machte Mike auch einen viel besseren Eindruck, mal von dem sichtbaren Kater abgesehen.
Alleine bei der Wahl der Bekleidung sah man, dass er sich hier auskannte. Im Grunde genommen, bestand sein Outfit aus den selben Einzelteilen wie Calvins, allerdings setzte er auf bessere Materialien. So war sein weit geschnittenes Leinenhemd zwar auch mit einer dicken Staubschicht überzogen, aber darunter befand sich ein ebenso dicker Stoff. Bevor dieses Hemd erneuert werden musste, brauchte Calvin bestimmt vier neue. Ähnliches konnte man auch über seine dicke, braune Stoffhose sagen. Seine Lederweste machte sogar den Eindruck, ihn selber zu überleben.
Noch stolzer war er jedoch auf seinen Bart. Dieses Gestrüpp ließ wirklich keinen Dreck durch. Wie sehr er hingegen bei der Hitze half, darüber ließ sich streiten. Allerdings vertraute Mike darauf, dass ihn sein breitkrempiger Filzhut vor der erbarmungslosen Sonne schützen würde.
Auch hier sah man einen Unterschied, zwischen Calvin und ihm, denn dem ehemaligen Kriminellen fehlte jegliche Form von Kopfbedeckung. Zu Calvins Verteidigung musste man erwähnen, dass er, bis vor einigen Tagen, noch eine schwarzen Stetson besaß. Dafür, dass ihn ein kräftiger Windstoß davongetragen hatte und Mike ihn nicht zurückreiten lassen wollte, konnte er ja nichts. Für die Sonne machte das natürlich keinen Unterschied. Sie würde Calvins Gehirn unbarmherzig Tag für Tag kochen.
Wie Mike über all diese Dinge nachdachte, durchlief die Gegend rund um sie eine Reihe an Farbpaletten. Zuerst war noch alles in das Schwarz und Grau der Nacht gehüllt. Dann kam die Sonne langsam am Horizont hervor und ließ alles in Rot und Orange erstrahlen, ehe sie sich weiter in die Höhe kämpfte und schlussendlich allem dessen wahre Farben zurückgab.
Mike durfte dieses Naturschauspiel schon so oft beobachten, dass es die Magie verloren hatte. Vielleicht lag es, an diesem Tag, aber auch daran, dass Calvin einfach nicht still sein wollte.
„Wie war der Name der Frau noch gleich?“, quälte ihn Calvin wieder mit seiner lauten Stimme.
„...“
„Ich muss dich doch nicht daran erinnern, oder?“
„...“
„Hast du etwa alles schon wieder vergessen?“
„...“
„Zu Schade. Die Kleine wird sich nämlich noch lange erinnern.“
„Hm.“
„Ah! Endlich mal ein Lebenszeichen. Hilf mir mal auf die Sprünge. Wie heißt die Kleine nochmal?“
„...“
„Die war wirklich nicht groß, ist dir bestimmt nur bis zur Schulter gegangen. Dafür aber relativ kräftig gebaut und mit kräftig mein ich jetzt wirklich kräftig und nicht fett. Sprich, man glaubt, die kann einem den Kopf mit ihren Händen zerquetschen. Ah, wie heißt die? Ich glaube, ich hab dich ihren Namen sagen gehört. War irgendetwas mit B.“
„Hm.“
„Betsie? Nein. Betty? Klingt auch nicht richtig. Ähm, vielleicht Bonnie.“
„Ach sei still.“
„Du verrätst dich so schön einfach. Herrlich.“
„...“
„Jetzt lass mich nicht wieder hängen. Wie kann man nur so mürrisch sein? Du hast bei dieser Bonnie gut zugelangt. Also freu dich doch.“
„Hör zu, Calvin! Bonnie ist eine gute Freundin und wenn du nicht schleunigst deinen Mund hältst, dann werde ich mir andere Wege einfallen lassen, um dich ruhig zu stellen!“
Blöde Idee. Ganz blöde Idee, schrie er innerlich, wie sich sein Kopf in zwei Teile spalten wollte. Dabei hatte er doch gewusst, dass er nicht reden sollte. Nur so war es ihm bisher gelungen, dass ihn sein Kopf nicht doch noch umbrachte. Und es war auch die einzige Möglichkeit, um Calvin das Interesse an einer Unterhaltung zu nehmen.
„Ruhig stellen? Na, das will ich sehen. Bis jetzt ist das noch keinem gelungen.“
„Calvin! Ich zähle jetzt bis drei und wenn du dann nicht still bist, dann...“
„Was dann? Du sagst immer: Dann! Aber es steckt nichts dahinter. Wie ein kleiner Hund der zwar furchtbar bellt, aber nie zubeißen würde.“
„Eins!“
„Du willst dieses klischeehafte Runterzählen also wirklich durchziehen?“
„Zwei!“
„Eigentlich wollte ich schon immer herausfinden, was passiert, wenn man nach drei weiterredet.“
„Drei!“
„Dann lass mal sehen.“
 
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Er wünschte Calvin hätte das nicht getan. Wieso musste ihn dieser nur immer so provozieren? Warum konnten sie nicht in Ruhe zusammen zum Außenposten reiten? Durch das ganze Gerede spürte Mike, wie bereits die ersten imaginären Risse in seinem Schädel entstanden. Trotzdem wäre er niemals auf die Idee gekommen, Calvin etwas anzuhaben. So lief es doch immer ab. Calvin nervte ihn, also drohte Mike im Gegenzug. Wenn der Störenfried dann eine Ruhe gab, stand einem friedlichem Zusammenleben nichts im Wege. Aber nun hatte Calvin gegen diese Regel verstoßen. Was blieb Mike anderes übrig, als ihm eine Lektion zu erteilen?
Es mochte wahr sein, dass sich Mike in keinem guten Zustand befand. Lange Reden oder schwierige Rätsel wären für ihn momentan ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Vielleicht hatte Calvin gerade damit gerechnet, dass er aufgrund seines Katers nichts unternehmen würde. Das sah man bereits an der Selbstsicherheit, die Calvin besaß, um gleich neben ihm zu reiten. Doch sein Körper funktionierte ohne Probleme. Nichts hinderte Mike daran all seine Kraft und Schnelligkeit zu entfalten. Die Überraschung auf Calvins Gesicht wird Mike wohl nie vergessen, wie er sein Gewehr bereits fest in Händen hielt, ehe sein Gegenüber überhaupt daran denken konnte abzuschwenken. Mike holte aus und mit voller Wucht traf der Kolben Calvin über seiner linken Braue.
Dieser schaffte es nicht einmal, seine Hände schützend in die Höhe zu reißen, bevor ihn der Schlag traf. Beinahe tat es Mike leid, wie er sah, dass es Calvin völlig unerwartet getroffen hatte. Aber nur beinahe. Das änderte sich jedoch, wie er beobachten musste, wie bei Calvin die Lichter ausgingen und er in sich zusammensackte. Danach fühlte er sich schon etwas schuldiger. Doch erst als Calvins schlaffer Körper das Gleichgewicht verlor und hart zu Boden stürzte, fühlte sich Mike wirklich schlecht.
Calvin hatte zwar nach einer Abreibung gefragt, aber ganz so hart wollte Mike dann doch nicht vorgehen. Er dachte bereits darüber nach von seinem Pferd abzusteigen und zu helfen, wie er sah, dass sich Calvin im Dreck langsam wieder aufrappelte. Calvins Arme und Beine zitterten unter seinem Gewicht, wie er einige Male vergeblich versuchte sich aufzurichten. Jedes Mal schien das Gewicht, seines eigenen Körpers, zu groß für ihn zu sein. Mike wusste, dass er ihm helfen sollte, aber er saß wie angewurzelt auf seinem Pferd und konnte nur zuschauen. Zu dem Zeitpunkt, als es Calvin endlich gelang aufrecht stehen zu bleiben, thronte Mike noch immer starr auf seinem Ross.
Vielleicht ahnte er, dass Calvin ihn nur fortgescheucht hätte. Der Stolz eines Mannes litt in einer solche Situation am meisten und da wollte man bestimmt nicht die Hilfe des Peinigers annehmen. Mike kannte sich damit aus. Dennoch konnte er sich selber nicht davon überzeugen, dass er nur deswegen tatenlos bei Calvins Mühen zugeschaut hatte. Tief in seinem Inneren gab es einen Teil von ihm, der sich über den Anblick heimlich freute. Nach all den Anstrengungen, die Mike unternehmen musste, um Calvins Macht zu brechen, fühlte es sich gut an zu sehen, wie er ihm als Mann überlegen war. Dieser Gedanke existierte in ihm, auch wenn er es nur ungern zugab.
Der Rest von ihm bemitleidete Calvin und dabei durfte er noch gar keinen Blick, auf das Gesicht des ehemaligen Verbrechers, werfen. Doch lange blieb ihm der Anblick nicht erspart, als Calvin erst einmal auf den Füßen war. Man konnte förmlich zusehen, wie Calvins linke Gesichtshälfte anschwoll. Dieser Umstand wäre womöglich ertragbar gewesen, hätte der Kolben nicht auch noch Calvins Haut aufplatzen lassen. Nun klebte, auf der immer größer werdenden Gesichtshälfte, eine dicke Kruste aus Blut und Dreck, die es dennoch nicht schaffte die Blutung zu stoppen. Es tropfte munter weiter, auf den Boden und später sein Pferd, wie Calvin wieder in den Sattel stieg.
Mike war gespannt, was Calvin nun unternehmen würde. Ihm Idealfall würde er klein beigeben und zusammen mit Mike weiter zum Außenposten reiten. Doch wer wusste schon, auf welche blöde Ideen Calvin kommen könnte? Womöglich wollte er sogar Reißaus nehmen.
Zum Glück machte Calvin jedoch keine Anstalten, sich von ihm zu entfernen. Anscheinend hatte ihm der Schlag nicht nur Manieren beigebracht, sondern auch alle Flusen aus dem Kopf getrieben. Für Mikes schlechtes Gewissen war das allerdings reinstes Gift. Wie Calvin, so jämmerlich weit vorne über sein Pferd gebeugt, ritt, erinnerte er Mike an einen geprügelten Welpen. Wenigstens sah er Mike nicht auch noch mit großen Hundeaugen an.
Dennoch kam Mike nicht darum herum, sich selbst zu fragen: Ist es das wirklich Wert gewesen? Den restlichen Ritt verbrachten die beiden zwar in völliger Stille, aber war es diese Ruhe wirklich wert, ihr gemeinsames Leben im Außenposten so einzuläuten?
 

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Die Mittagssonne brannte erbarmungslos auf das Zweiergespann herab, als sie endlich am Außenposten ankamen. Selbst Mike und den Pferden machte die Hitze zu schaffen. Man konnte nur ahnen, in welchem Zustand sich Calvin befand. Seine kreidebleiche Haut schien auf jeden Fall kein gutes Zeichen zu sein. Was jedoch schon die Geier am Horizont auftauche ließ war sein Gesicht. Die Kruste über seiner Braue wuchs wie ein gigantischer Tumor, während auch das Fleisch darunter mehr und mehr anschwoll. In der Zwischenzeit konnte sich Mike kaum vorstellen, dass Calvin mit dem Auge überhaupt noch etwas sah.
Sie hatten kaum die ersten Schritte, auf den Grund ihres neuen Zuhauses, getan, als sich Calvin aus seinem Sattel rutschen und auf den Boden fallen ließ. Mikes Herz setzte einen Schlag aus. War Calvin etwa tot umgefallen? Bei seinem Anblick hätte es ihn nicht gewundert. Zum Glück merkte Mike jedoch schnell, dass sich Calvins Brust hob und senkte, während sein gesundes Auge weit geöffnet gen Himmel blickte.
Dabei gab es bei dem wolkenlosen Himmel am wenigsten zu beobachten. Es war die hiesige Oase, wie man es in einer Wüstengegend genannt hätte, die Jedermann in den Bann zog. Der im Westen liegende Teich stellte die Lebensader des Geländes dar. Es handelte sich wahrscheinlich um das einzige grüne Fleckchen, das man hier in der Gegend anfinden konnte. Die Natur gedieh rund um das Wasser. Gras, Schilf und Wildblumen, alles wuchs in einem breiten Streifen, rund um das kühle Nass. Ein Fleck des Lebens, in der sonst so kargen Prärie.
Mike genoss den Anblick dieses Ruhepols jedes Mal, wenn er ihn sah. Doch nun wollte es ihm nicht so recht gelingen. Das Grün erstrahlte noch in der selben Pracht vor ihm, aber etwas lenkte ihn zu sehr ab. Er wollte es anfangs ignorieren, einfach zum Teich gehen und seinen unbändigen Durst stillen. Leider erwies sich sein schlechtes Gewissen als stärker. Es brach ihm das Herz, wie er hinter sich Calvin leise schluchzen hörte. Da konnte seine Kehle noch so trocken sein, er musste seinem Mitbewohner einfach helfen.
„Komm. Auf mit dir.“, sagte er zu Calvin. Im nächsten Moment packte er ihn bereits unter die Achseln und half ihm auf die Beine. Es dauerte nicht lange, bis Mike einsah, dass es damit allerdings noch nicht getan war. Hätte er seine Hände weggenommen, dann wäre Calvin sofort wieder am Boden gelandet. Es blieb Mike nichts anderes übrig, als eine Stütze zu spielen. So bewegten sie sich langsam, Schritt für Schritt, Richtung Teich. Calvin als lebendiger Sandsack und Mike als der, der einen Sandsack zum Wasser schob.
Nicht, dass sich Mike hätte beschweren können. Er wusste, dass er hier der Schuldige war. Ja, Calvin besaß ein Talent dafür Leute zu provozieren und jemandem, mit einem Kater, zur Weißglut zu bringen, aber musste sich Mike auch so leicht ärgern lassen? Sollte er nicht über so etwas stehen, wenn er vorhatte mit diesem Mann zusammenzuleben? Mike wusste die Antwort darauf.
Zum Glück ging man nicht lange bis zum Teich, denn er spürte bereits, wie seine Schulter unter Calvins Gewicht zu schmerzen begann. Was dann als nächstes geschah, wollte Mike jedoch kaum glauben. Calvin, der Kerl, der gerade noch wie ein Sack Mehl an ihm hing, rappelte sich auf und stand plötzlich kerzengerade vor ihm. Freudig, wie ein kleines Kind zu Weihnachten, ließ er sich am Uferrand auf die Knie fallen und fing an...ja, Mike würde es am ehesten Planschen nennen. Voller Energie bewegte er sich und doch hatte ihn Mike gerade einige Meter schleifen dürfen. Hatte ihm Calvin das alles etwa nur vorgespielt? Diesen Gedanken zerschlug Mike allerdings schnell wieder. Er wusste schließlich um die Kraft des kühlen Nass, einem Mann wieder neue Lebensenergie einzuhauchen. Außerdem hielt er es für unmöglich, dass Calvin das Blut und die Leichenblässe simulierte.
Bei diesen Gedanken an das Wasser, merkte Mike wieder, welchen Durst auch er verspürte. Ihm war wohl bewusst, dass er es eigentlich zuvor abkochen sollte, aber das interessierte ihn in diesem Moment nicht. Ohne lange darüber nachzudenken, was womöglich in dem Wasser schwamm, kniete auch er sich an das Ufer und durfte dieses Gefühl der Erfrischung erfahren. Auf einmal schien sein Kater verschwunden. Die Welt sah plötzlich wieder viel schöner aus.
Selbst ihre Pferde zog es magisch zum Wasser. Obwohl tatsächliche Magie wohl weniger damit zu tun hatte, als ihr natürlicher Instinkt. Doch egal woran es lag, am Ende tranken sie genauso gierig, wie Calvin und Mike vor ihnen. Mike schaute dem Schaffen der Tiere gerne zu. Es ließ ihn ein seltsames Gefühl verspüren, dass das Leben eigentlich so einfach war.
Außerdem bewunderte er gern seine Tiere. Zugegeben, bei den beiden handelte es sich um keine Prachtexemplare. Niemals würde er einen Preis oder eine Wette mit ihnen gewinnen. Aber was interessierte ihn das? Hier in der Einöde legte er Wert auf Kraft und Treue. Sein eigener Brauner besaß gewiss beides. Das wusste Mike nach dem jahrelangen Training. Bei Calvins schwarzen Hengst konnte er sich dagegen nicht so sicher sein. Kraftvoll war das Tier, oh ja. Das durfte vor allem Calvin selbst spüren, wie es ihn, nach dem ersten Aufsteigen, im hohen Bogen durch die Luft geschleudert hatte. Die Treue hingegen machte Mike Bedenken. Calvin besaß einfach keine Kontrolle über das Tier. Wenn er es nicht mit den Sporen malträtierte, tat es, was es wollte. Deshalb bekam er auch ein mulmiges Bauchgefühl, wie er den schwarzen Hengst frei herumlaufen sah. Ein kleiner Schreck und sie würden nie wieder etwas von dem Tier sehen. Es musste ein Pflock her und zwar schnell.
Alles was einer Lagerung wert war, fand man in einem Schuppen, den Mike liebevoll Materialhütte nannte. Es war die südlichste von drei Hütten und dazu auch noch die Größte. Wie Mike die Tür öffnete, wunderte es ihn nicht wieso. Er wurde förmlich erschlagen von der Menge an Bretter und Hölzern in allen möglichen Größen. Daneben gab es aber auch noch Seile, Ketten, Sägen, Schaufeln, Hämmer, Mistgabeln und Nägel. Fässer voll mit Nägeln. Eine größere Herausforderung, als das Finden eines geeigneten Holzes, stellte das eigentliche Herankommen dar. Allerdings brachte er selbst das Zustande und das nur ein paar Splitter, blaue Flecken und Flüche später.
Die eigentliche Arbeit war dagegen im Nu erledigt. Ein paar Handgriffe genügten und Calvins schwarzer Hengst stand angebunden in der Nähe des Teiches. Schließlich wollte er dem Tier weder Gras noch Wasser vorenthalten.
Mike entkam ein langer Seufzer. Bald, bald könnte er sich endlich hinlegen und das Schlafdefizit, der letzten Nacht, ausgleichen. Es gab zuvor nur noch eine Aufgabe zu erledigen. Er musste die Sättel im Stall verstauen. Der Stall befand sich im Norden und stellte das kleinste Gebäude des Außenpostens dar. Das lag leider daran, dass seine Freunde beim Bau nur mit einem Pferd gerechnet hatten. Zum Glück erlaubte das hiesige Klima, dass die Tiere für einen Großteils des Jahres im Freien bleiben konnten. So blieb genug Zeit alles auszubauen, ehe der Winter hereinbrach. Im Moment interessierte es ihn jedoch nur, die Sättel irgendwo unterzubringen, egal wie groß oder klein die Hütte nun sein mochte.
Insgesamt besaß der neue Außenposten drei Hütten. Zwei davon hatte Mike bereits von innen betrachten dürfen. Damit blieb die letzte für ihn selber übrig. Und genau diese, das östlichste Gebäude, suchte Mike nun auf. Endlich würde er sich hinlegen können. Das war alles, das ihn gerade interessierte. Er sah sich nicht einmal ordentlich in seinem neuen Zuhause um. Was interessierte es ihn schon, ob es einen Tisch mit dazu passenden Stühlen, einen Kasten oder einen metallenen Ofen zum Heizen gab? Er hatte sowieso nur Augen für das Bett. Mit einem letzten Seufzer ließ er sich, auf die mit Stroh gefüllte Matratze, fallen und hoffte, dass noch genug Alkohol durch seine Adern floss, um gut einzuschlafen.
 

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„Verdammter Hund!“, murmelte Calvin vor sich hin. Langsam konnte er wieder klar denken, auch wenn sein Schädel, nach dem Hieb, noch immer brummte. Doch das war bereits eine enorme Verbesserung. Von dem restliche Morgenritt besaß er so gut wie keine Erinnerung mehr und die, die er noch hatte sah er, wie durch einen grauen Schleier. Erst als er sich das kühle Wasser in sein Gesicht spritzte, kehrten nach und nach seine Sinne wieder zurück. Ein herrliches Gefühl, anfangs wenigstens. Denn damit spürte er auf einmal auch die Schmerzen, die er bis jetzt erfolgreich hatte ausblenden können.
Aber nun holten sie ihn ein. Es fühlte sich an, als würde jemand mit einem brennenden Hammer unermüdlich gegen seine Braue schlagen. Nur auf die Weise konnte er sich erklären, wieso die Wunde so stark pochte und gleichzeitig brannte. Wenigstens waren die Schmerzen ertragbar. Allerdings wusste Calvin da noch nicht, dass die Kruste über seine Wunde verhinderte, dass das Wasser hinzu kam. Je länger er sich die Stelle jedoch wusch, desto dünner wurde diese Schicht, bis der Moment kam, als zum ersten Mal das kühle Nass seine offene Haut benetzte. Da dachte Calvin, dass es um ihn geschehen sei. Das Brennen wurde auf einmal so stark, dass ihm bereits schwarz vor Augen wurde. Gerade noch rechtzeitig kehrten seine Sinne zurück, dass er nicht mit dem Gesicht voran ins Wasser fiel.
Seit wann bin ich eigentlich so verweichlicht, fragte sich Calvin deprimiert. Wenn er an seine Anfänge zurückdachte, wie er, in der Bande seines Ziehvaters, die Städte unsicher gemacht hatte, musste er doch auch einiges an Prügel einstecken. Wie konnte ihn da plötzlich ein kleiner Hieb dermaßen zurichten?
Während er über diese Frage nachdachte, befreite er seine Wunde mehr und mehr von Staub und Dreck. Es war eine Wohltat, wie die Schmerzen dadurch allmählich nachließen. Doch lange hielt die Freude darüber nicht an, denn in Calvins Innerem kochte bereits etwas anderes hoch. Eine unbändige Wut. Sie machte sich nach und nach in ihm breit. Mit jedem Mal Auswaschen dachte er weniger über seine Wunde und mehr über den Verursacher nach.
Wo steckt der Mistkerl eigentlich?, wunderte sich Calvin, als er sich nach Mike umsah. Es gab nicht wirklich viele Möglichkeiten sich, in diesem Loch von Einöde, zu verstecken. Gerade einmal drei kleine Hütten standen dort, wo früher einmal das Militär Vorstöße in Richtung Westen geplant hatte. Eine kleiner als die andere. Wobei Calvin damit noch hätte leben können. Ihn störte, dass jede einzelne aussah, wie von einem Kleinkind zusammen geschustert. Wenn er daran dachte, wie stolz das Gelände früher gewesen sein musste, war er sich nicht sicher, ob er lachen oder weinen sollte. Früher hatte er sich noch darüber gefreut, seinem Rivalen einen solchen Streich spielen zu können, indem er dessen Zuhause niederbrennen ließ . Welche Ironie, dass er nun selber in diesem Bretterhaufen leben musste, wenn er doch eine militärische Einrichtung hätte haben können.
Was heißt hier eigentlich müssen?, führte er sein Gedankengang weiter. Es war nicht das erste Mal, dass Calvin solche Überlegungen durch den Kopf gingen. Seit dem Moment, als ihm Mike die Entscheidung mitgeteilt hatte, dass sie zusammen im Außenposten leben würden, dachte er darüber nach, was er wirklich davon halten sollte. Für seinen Geschmack hörte es sich auf jeden Fall besser, als ein Gefängnis an. Das musste er zweifelsohne zugeben. Er war anfangs auch wirklich dazu gewillt, der Sache eine Chance geben. Wenn Mike irgendwelche Kindereien wiedergutmachen wollte, die bereits eine Ewigkeit zurücklagen, wieso nicht? Aber sah so eine Wiedergutmachung aus? Müsste er sich etwa jedes Mal in Acht nehmen, wenn Mike etwas nicht passte, um keine Hiebe zu erhalten? Oh nein! Dafür war Calvin sicherlich nicht hierher gekommen. Wenn ihn sein „Wärter“ nicht fair behandeln wollte, dann war er auch nicht gewillt, hier auch nur einen Tag zu verbringen.
Außerdem handelte es sich jetzt, um seine Chance. Schließlich würde er selten eine derart gute Gelegenheit bekommen. Mike war nirgends zu sehen und dessen brauner Hengst stand lose in der Gegend herum. Sein eigenes Pferd stand zwar auch da, aber wenn, dann wollte sich Calvin schon in Würde verabschieden. Da war es ja wohl erlaubt, sich ein kleines Abschiedsgeschenk mitzunehmen? Sollte sich doch Mike mit dem schwarzen Mistvieh abmühen. Ja, das würde funktionieren, davon war Calvin überzeugt. Welche Chance hatte Mike schon, ihn zu erwischen, wenn erst einmal verschwunden war?


Mike sah es ganz genau. Dort am Horizont kam jemand. Seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf den weißen Punkt, der immer größer wurde. In der Zwischenzeit waren sogar schon erste Konturen zu erkennen. Zeit schien keine Rolle zu spielen. Es mochten gerade ein paar Sekunden vergangen sein, als die Person bereits vor ihm stand. Mikes Neugier steigerte sich ins Unermessliche und doch konnte er kaum in die Richtung des Reiters blicken. Wenn er es versuchte, wurde er geblendet von der schneeweißen Wollrobe, die die Person trug. Wer stand da nur vor ihm? Eine Kapuze verschleierte das Gesicht des Fremden. Es machte Mike wahnsinnig. Er musste einfach fragen, doch aus seinem Mund wollte kein einziges Wort kommen. Egal was er sich vornahm, sein Körper schien ihm nicht zu gehorchen. Stumm und regungslos stand er da und konnte nichts anderes machen, als den Neuankömmling zu bewundern. Da fuhr die rechte Hand des Unbekannten in die Höhe. Da rutschte der Ärmel der Robe zurück und gab eine Hand preis. Sie blendete Mike genau wie der Rest des Wesen, mit ihrer zart blassen Haut. Bewundernd folgte er der Bewegung, wie die Finger sacht die Kapuze packten und nach hinten zogen.
Seine Augen brannten von der Helligkeit, die von der Frau ausging, die unter der Wollrobe zum Vorschein kam. Doch er musste sie anschauen! Ihr kantiges, schmales Gesicht und das dunkelblonde Haar, das ihr über die Schultern auf den Rücken fielen. Alles zog ihn in ihren Bann. Tief in seinem Inneren wusste er jedoch, dass etwas nicht stimmte. Er kannte diese Person, aber anders. Nicht so strahlend und vor allem mit kurzen Haaren.
„Bonnie?“, hörte er sich selbst fragen, obwohl er in diesem Moment überhaupt nichts sagen wollte. Am Ende machte es jedoch keinen Unterschied, denn ihre Lippen blieben verschlossen. Stattdessen streckte sie ihm einfach ihren Arm entgegen. Ihre schlanken Finger befanden sich direkt vor seinem Gesicht. Wie konnte er die Einladung einer solchen Göttin ablehnen? Überglücklich reichte er ihr seine Hand. Jeden Moment würde er die Wärme ihrer Haut spüren, doch in dem Augenblick, als sich ihre Finger endlich berührten, löste sie sich in Rauch auf.
Mike verstand die Welt nicht mehr. Warum spielte ihm das Leben so einen furchtbaren Streich? Wieso verschwand diese unglaubliche Frau und hinterließ ihm lediglich ihr Pferd? Aber selbst dieser Trost schien ihm nicht vergönnt. Ehe er sich versah, sprang das Tier in langen Sätzen davon. Mike konnte ganz genau hören, wie die Hufe, jedes Mal aufs Neue, auf die trockene Erde schlugen. TackTack TackTack. TackTack TackTack.
Auf einmal verschwand auch der Außenposten um ihn herum. Laut schnaufend schnellte er aus seinem Bett empor. So viel zum guten Schlaf, stellte Mike verbittert fest, während er sich langsam beruhigte. Es war alles nur ein Traum gewesen. Bonnie, das Pferd und dieses verflucht laute TackTack TackTack. Wobei! Das hörte er ja immer noch.
 

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Binnen Sekunden stand der von Panik getriebene Mike vor der Eingangstür seiner Hütte. Er musste umgehend wissen, woher das Geräusch des galoppierenden Pferds kam. Leider machten ihm sein verschlafenes Gehirn und die grell scheinende Sonne einen Strich durch die Rechnung. Benommen und geblendet torkelte er, aus seinem dunklen Zuhause, ins Freie.
Die frische Luft weckte endlich sein Gehirn auf und auch seine Augen gewöhnten sich allmählich an die Helligkeit. Und das keinen Moment zu früh. Nun erkannte er, von wo dieser Krawall herkam. Keine fünfundzwanzig Meter vom Außenposten entfernt raste ein schwarzes Pferd, in Richtung Osten. Aber nicht nur das. Auf dem Tier saß auch noch ein Reiter, gewillt vom Außenposten abzuhauen. Mike musste nicht lange nachdenken, um zu wissen, um wen es hierbei ging.
Ihm blieb nur noch wenig Zeit. Er musste augenblicklich die Verfolgung aufnehmen oder Calvin würde entkommen. Das durfte er nicht zulassen. All seine Freunde verließen sich auf ihn. Schließlich hatte er ihnen versprochen, dass Calvin sein restliches Leben im Außenposten verbringen würden, fernab von der Gesellschaft. Es blieb ihm nicht einmal Zeit, sich seinen Sattel zu holen. Zugegeben, das Reiten ohne Sattel war für ihn ungewohnt, aber keinesfalls unmöglich und in dieser Situation zählte Schnelligkeit einfach mehr als Komfort. Geschwind sah er sich nach seinem Hengst um, doch egal, wo er auch suchte, sein Brauner war nirgends zu erblicken. Wo konnte der nur stecken? Doch Mike hatte keine Zeit, um sich solche Fragen zu stellen. Wenn er nicht die Verfolgung aufnehmen konnte, dann musste er Calvin auf andere Art und Weise stoppen.
Vierzig, vielleicht fünfundvierzig Meter, schätzte Mike, als er mit seinem Gewehr in Richtung des Pferdes zielte. Ihm blieb keine Zeit, um es genau anzupeilen. Ein paar Sekunden mehr und das Pferd wäre seiner Reichweite entwichen. Er musste jetzt schießen oder er konnte es ganz bleiben lassen. Hektisch versuchte Mike Kimme und Korn, in etwa über Calvins Oberkörper, auf eine Linie zu bringen, ehe er abdrückte.
Wie er den Druck, des Kolbens auf seiner Schulter, spürte, wusste er, dass nun der quälende Teil begann, denn nichts fühlte sich für Mike schlimmer an, als der Moment nach dem Schuss. Der Moment in dem es ungewiss war, ob er getroffen hatte. Der Moment, der einen Sekundenbruchteil dauerte und sich in seinen Gedanken doch stundenlang hinzog. Dieser Moment begann, erfüllte ihn voller Selbstzweifel und verstrich wieder. Und Calvin? Der saß noch immer unverletzt auf seinem Pferd. Hilflos musste Mike zuschauen, wie Calvin der Reichweite seines Gewehrs entkam.
Es war vorbei. Calvin hatte tatsächlich gewonnen. Dabei wollte Mike doch nur seine Fehler wiedergutmachen, das Unrecht, das er Calvin einst zugefügt hatte, ausgleichen. Er hatte mit seinen Freunden gestritten und dem Gesetz verhandelt, damit Calvin hier her kommen konnte. Und nun? Keinen Tag befanden sie sich im Außenposten und Calvin nahm bereits Reiß aus. Was für eine Schande.
Die Selbstvorwürfe begannen ihn bereits zu erdrücken, wie ihm plötzlich etwas auffiel, dort im Osten, in der Ferne, wo gerade Calvins Pferd entlang raste. Er konnte, aufgrund der Entfernung, nicht ganz ausmachen, was da draußen vor sich ging, aber etwas stimmte nicht. Bewegte sich etwa das Tier auf einmal ziemlich unregelmäßig?
Dann überschlugen sich die Ereignisse oder besser gesagt Calvins Hengst tat es. Der Reiter flog in einem hohen Bogen nach vorne, ehe er hart auf dem Boden aufprallte. Alles passierte viel zu schnell, als dass Mike es sofort begreifen konnte. Hatte er tatsächlich getroffen? Es schien ganz danach, aber so richtig wollte er es noch immer nicht glauben. Während sein Gehirn erst sein Glück zu verstehen begann, reagierte sein Körper intuitiv. Ohne darüber nachzudenken, nahm Mike die Beine in die Hand und nahm die Verfolgung auf. Keine Sekunde zu früh, denn auch Calvin rappelte sich bereits wieder auf und setzte seine Flucht zu Fuß fort.
Der Abstand war noch immer groß, aber nun bestand wenigstens wieder Hoffnung, dass er Calvin erwischen konnte. Mike setzte seine ganze Energie frei und raste über den staubigen Boden. Die Lücke fing an sich langsam zu verkleinern, auch wenn es nicht nur an Mikes Sprint lag. Bei dem Sturz schien sich Calvin das rechte Bein verletzt zu haben. Er konnte noch immer laufen, aber man bemerkte, dass er es viel steifer als das Linke bewegte. Trotz dieses Handicaps setzte er, mit einer von Mike bis dahin nicht beobachteten Verbissenheit, seinen Weg fort. In der Zwischenzeit trennten die beiden nur noch dreißig Meter. Da wechselte Calvin überraschend die Richtung.
Anstatt die weite Prärie im Osten anzustreben, wendete er sich Richtung Norden. Keinen Kilometer entfernt erhob sich dort das ebene Grasland und stieg in mehreren Stufen steil an, ehe es weiter oben wieder abflachte. Mike konnte sich nur über den Flüchtenden wundern. Wieso wollte er nicht endlich einsehen, dass es vorbei war? Ihn trennten noch gut einen Kilometer von diesem Anstieg und Mike befand sich lediglich dreißig Meter hinter ihm. Ein Kinderspiel Calvin davor zu fangen. Das dachte Mike wenigstens. Leider hatte er sich da zu früh gefreut. Anfangs gelang es ihm die Lücke sogar auf zwanzig Meter zu verkleinern, doch dann ging es auch für ihn bergab. Er konnte sich rühmen, dass er eine Vielzahl an Talenten besaß, aber er war stets ein besserer Reiter als Läufer. Langsam ließ seine Ausdauer nach. Sein Atem wurde immer schwerer, während seine Beine anfingen fürchterlich zu brennen.
Wie kann der noch immer so schnell sein?, schoss es Mike durch den Kopf, wie er Calvin beobachtete. Es kam bald der Punkt, an dem der Flüchtende trotz Verletzung schneller rannte als Mike. Wobei man es bei ihm kaum noch rennen nennen konnte. Es handelte sich mehr um ein gemütliches Joggen. Ehe er sich versah vergrößerte sich die Lücke zwischen den beiden wieder. Dreißig Meter. Vierzig. Fünfzig. Irgendwann hörte Mike gänzlich auf, den Abstand zu schätzen. Seine gesamte Konzentration galt nur noch sich selber und dem Ziel, nicht plötzlich tot umzufliegen. Aber er musste weiterlaufen! Alle zählten auf ihn. Er durfte Calvin unter keinen Umständen entkommen lassen. Doch wieso musste der so schnell rennen können?
Verzweifelt blieb Mike nichts anderes übrig, als zuzuschauen, wie Calvin bereits bei der natürlichen Treppe ankam, während er noch ein Viertel des Weges vor sich hatte. Jetzt trennten den Flüchtenden nur noch ein paar Stufen von der Sicherheit. Wäre er erst einmal oben, glaubte Mike nicht mehr daran ihn zu erwischen. Die Gegend hinter dem Anstieg stellte einen wahren Irrgarten, aus Felsritzen und Spalten, dar. Einmal versteckt hätte Calvin in Ruhe abwarten können, bis Mike die Verfolgung aufgeben müsste. Wenn Calvin schlau genug war, um sich eine Karte mitzunehmen, stand nichts mehr zwischen ihm und der Freiheit. Zum Glück schien ihm seine Verletzung beim Klettern jedoch mehr Schwierigkeiten zu bereiten, als beim Laufen. Das gab Mike wichtige Zeit um aufzuholen
Dennoch befand sich Calvin bereits bei der dritten Stufe, als Mike endlich beim Anstieg ankam. Nun musste auch er spüren, wieso Calvin der Aufstieg so schwer fiel. Zugegeben, die hart gebackene Erde machte einem bereits beim Rennen Schwierigkeiten. Allerdings handelte es sich dabei nur um eine Unannehmlichkeit. Ein richtiges Problem wurde es erst jetzt, wenn man, wie Mike, Halt zum Klettern brauchte.
Einzig und alleine ein paar Büschel Gras halfen beim Aufstieg. An ihnen konnte man sich verbissen festkrallen, nur um regelmäßig ein Bündel abzureißen und wieder hinunterzurutschen. Aber Mike musste nicht mehr laufen und das war momentan alles, was ihn interessierte. Außerdem handelte es sich bei der ersten Stufe noch um die Flachste. Damit konnte er sich an die Verhältnisse gewöhnen, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Die zweiten Stufe stellte danach keine große Herausforderung dar.
Sein Blick wanderte nach oben. Bei der vierten und letzten Stufe sah man einen fluchenden Calvin hängen. Er befand sich am steilsten Stück des Anstiegs. Ohne einen ordentlichen Halt kam man an dieser Stelle unmöglich voran. Doch jedes Grasbüschel, das er ausprobierte, schien sofort abzureißen. Dennoch arbeitete er sich mühselig nach oben und viel fehlte ihm wahrlich nicht mehr.
Mike musste sich unbedingt beeilen. Sein erschöpfter Körper machte ihm diese Aufgabe allerdings kaum einfacher. Auch er musste sich jetzt an der dritten Stufe, seinem bislang steilsten Stück, beweisen. Hier brauchte man schon mehr, als bloßen Willen, um nach oben zu kommen. Ihm blieb notgedrungen keine andere Wahl, als seine Finger in die trockene Erde zu rammen, um etwas Halt zu erlangen. Wenigstens versuchte er es auf diese Weise. Er wollte gar nicht daran denken, dass es Calvin scheinbar ohne diese Taktik geschafft hatte. Nirgends konnte man derartige Spuren des Flüchtenden erkennen.
Dieses Teilstück war der Grund, dass er die Kletterei bald nicht mehr dem Laufen vorzog. Beides laugte ihn bereits im selben Maße aus. Nicht nur seine Ausdauer litt unter der Anstrengung, auch seine Muskeln spürten die Beanspruchung. Von seinen Beinen abgesehen, die schon vom Rennen stark mitgenommen waren, fingen nun auch seine Arme wie verrückt an zu zittern.
 

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In dem Moment, als er sich endlich auf dem Grad, zwischen dritter und vierter Stufe, befand, wusste er nicht mehr, wie er überhaupt aufstehen sollte. Aber er musste weiter. Calvin durfte nicht entkommen! Er durfte einfach nicht! Mit letzter Kraft rappelte sich Mike auf. Über ihm war Calvin nur noch ein paar Handgriffe von der Freiheit entfernt. Jetzt hieß es alles oder nichts. Mike nahm die zwei Schritte Anlauf, die ihm die Ebene zwischen den Stufen zuließ und flehte seine Muskeln ein letztes Mal an, alles zu geben. Dann schoss er nach vorne. Er versuchte gar nicht mehr zu klettern. Zuerst setzte seine rechter Fuß auf die Steilwand auf, dann einen Schritt weiter sein Linker und zum Schluss zog er auch noch einmal seinen Rechten nach vorne. Damit war sein Anfangsmomentum allerdings aufgebraucht und der eiserne Griff der Schwerkraft schloss sich um Mike. Ein letztes Mal stieß er sich mit seinem Bein ab und machte sich lang. Nur noch ein paar Zentimeter fehlten ihm.
Nun hielt ihn nichts mehr in der Luft. Mike rutschte den Hang hinunter und doch konnte er lächeln. In seiner Hand befand sich nämlich Calvins Knöchel und den würde er unter allen Umständen festhalten. So stürzten beide, Verfolger sowie Flüchtender, den Hang hinunter. Sie waren viel zu schnell, als dass sie irgendwo hätten stoppen können. Die vierte Stufe sauste unter ihnen hinweg und ehe sie sich versahen auch die Dritte. Ab der Zweiten versuchte Mike gar nicht mehr dagegen anzukämpfen. Stattdessen ließ er sich, mit Calvin zusammen, bis zur Ebene hinunter rutschen. Dafür reagierte er, erst einmal unten angekommen, blitzschnell, sprang auf und zückte sein Messer, das er drohend gegen Calvin richtete. Er wollte etwas sagen, wie „Es ist vorbei.“ oder „Heute nicht.“. Einfach etwas Passendes, mit einer Prise Überlegenheit. Doch in diesem Moment konnte er die Luft, in seiner Lunge, nicht für so etwas Unwichtiges wie Worte verschwenden. Keuchend zeigte er mit seinem Messer auf Calvin und schwenkte es anschließend in Richtung Außenposten.
Das muss reichen, beschloss Mike. Jetzt durfte er auf dem Heimweg nur nicht ohnmächtig werden.
Calvin verstand zum Glück den Wink und machte sich, mit Mike zusammen, auf den Weg zurück. Worte wurden auf der Heimreise keine gewechselt. Beiden beschäftigten sich lieber mit tiefen Atemzügen. Langsam fing Mike wieder an seinen Körper zu spüren. Ein beruhigendes Gefühl, auch wenn damit gleichzeitig die Schmerzen einsetzten. Daran konnte er jedoch nichts ändern.
Das Duo bewegte sich gemächlich in Richtung Außenposten zurück. Sie brauchten tatsächliche eine lange Zeit. Dennoch überraschte es Mike, wie er die ganzen Geier sah.
Die Viecher werden auch immer schneller, ärgerte er sich. Calvins Pferd lebte noch, aber die Aasfresser hatten bereits einen Kreis um das Tier gebildet. Jeder wollte der erste für das Festmahl sein. Da hatten sie allerdings nicht mit Mike gerechnet. Er hasste diese Vögel und es war eine Wohltat sie zu verscheuchen, die elendigen Biester.
Vielleicht tat er ihnen jedoch Unrecht. Als die Geier noch da waren, blieb ihm wenigstens der Anblick von Calvins Hengst erspart. Nun sah er das arme Tier, wie es lag am Boden und sich vor Schmerzen wand. Ursprünglich hatte Mike auf Calvins Rücken gezielt. Ihm hätte klar sein müssen, dass ihm dieser Schuss unmöglich gelingen konnte. Die Kugel schien sich stattdessen schräg von hinten in den Brustkorb des armen Tieres gebohrt zu haben. Ein eindeutiger Lungenschuss. Mike mochte diese Art von Verletzung nicht, egal ob Mensch oder Tier. Es ging womöglich nicht so viel Blut verloren, doch die Geräusche stellte ihm die Nackenhaare auf. Dieses verdammte Blubbern und Schlürfen. Bei jedem Atemzug sog sich das Blut in die Wunde zurück, um im nächsten Augenblick erst recht „ausgespuckt“ zu werden. Er hasste diesen Anblick.
In solchen Momenten zwang er sich stets dazu, schnell zu handeln. Nur so konnte er sicherstellen, dass sich sein Mitleid für das Tier in Grenzen hielt. Sie sahen einen immer mit diesen großen Augen an, wohl wissend, was im nächsten Augenblick geschehen würde. Am meisten setzte es Mike zu, dass sie in diesem Moment immer aufhörten sich zu wehren. Sie wussten, was auf sie zukam und gaben sich einem hin. Er selber musste es zum Glück noch nicht machen, aber Menschen reagierten da angeblich ganz anders. Sie zeterten und flehten, auch wenn bereits ihr halber Körper fehlte. Wenn man ihnen ein Ende setzen musste, erhielt man nur Tränen und Flüche. Aber nicht bei Tieren.
Calvins Pferd sah richtiggehend dankbar aus, wie Mike sein Messer zückte. Dieses Glänzen in den Augen. Mike musste es schnell hinter sich bringen, bevor ihn dieser Blick in seinen Bann zog. Ein gut platzierter Schnitt genügte und schon schoss Mike ein Schwall Blut entgegen. Es überraschte ihn immer wieder, wie viel Blut aus einer Halsschlagader doch kommen konnte. Unvorstellbar.
Er wusste, dass es neben einem Schuss in den Kopf die humanste Methode war. Allerdings kamen ihm jedes Mal Zweifel, wenn er die Tiere in ihrem Todeskampf beobachtete. Sahen diese spastischen Zuckungen etwa friedlich aus? Selbst nachdem der Blutstrom versiegte war, bewegte sich das Tier noch eine Zeit lang weiter. Abscheulich anzuschauen. Noch viel ekelhafter fühlte sich Mike hingegen selber, als ihm bewusst wurde, dass er unmöglich die Überreste des Tieres mit zum Außenposten nehmen konnte. Wenigstens in der momentanen Situation. Stattdessen blieb ihm nichts anderes übrig, als das Tier liegen zu lassen. Womöglich fand er seinen eigenen Hengst wieder. Dann würde er wieder zurückkommen und Calvins Pferd holen. Bis dahin durften sich die Geier über ihren Imbiss freuen. Mike hörte bereits die Flügelschläge hinter sich, kaum dass die sie weitergingen.

Zuerst meine armer Kopf und jetzt auch noch mein verdammtes Bein, ärgerte sich Calvin, wie er mit Mike in Richtung Außenposten zurückhumpelte. Wobei er sich eigentlich nicht beschweren durfte. So einen Sturz vom Pferd überstand nicht jeder mit solch leichten Blessuren. Lediglich sein Knie schien etwas beleidigt zu sein. Sobald er es abwinkelte machte es Probleme. Aber davon abgesehen ging es ihm ganz gut. Wirklich verletzt war nur sein Ego. Dieser verfluchte Mike hätte niemals in der Lage sein sollen, ihn zu erwischen und doch war genau das geschehen. Wieso musste diese letzte Stufe auch plötzlich so steil werden? Ansonsten hätte er jetzt bereits seine Freiheit wieder.
Allerdings schäumte er nicht nur deswegen.Wie konnte Mike dieser Glücksschuss überhaupt gelingen? Er hatte sich selbst schon längst in Sicherheit gewiegt, als sein Pferd plötzlich unter ihm zusammenbrach. Ein Wunder, dass seine Flucht in diesem Moment nicht bereits zu Ende war. Das verdankte er alleine Mikes miserablen Ausdauer.
Dabei mochte es gar nicht so schlecht sein, dass er am Ende doch noch erwischt worden war. Erst allmählich wurde ihm klar, dass er ansonsten ohne irgendeine Art von Ausrüstung hätte überleben müssen. Karte, Kompass und seine gesamte Verpflegung hatte sich in den Satteltaschen befunden, die er in der Hektik zurücklassen musste. Calvin versuchte es daher positiv zu sehen. Es war zwar eine Niederlage, aber wenigstens blieb ihm das Schicksal des verhungerten Ausreißers erspart.
 

Jigelp

Wildwest-Legende
The-West Team
Du näherst dich ja dem Ende des alten Teils stetig an. Zwar habe ich die alten Teile eben nur überflogen, um zu sehen, wo du jetzt stehst, aber mein Eindruck ist, dass die Überarbeitung gelungen ist. Ich bin gespannt, wie es weitergeht :)
 

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Es dauerte noch eine Weile, bis das Zweiergespann am Außenposten ankam. Mike konnte es kaum fassen, wer dort bereits auf ihn wartete. Sein brauner Hengst stand neben dem Teich und graste friedlich vor sich hin.
Was zum Teufel?, schoss es ihm durch den Kopf. Wo hat der denn gesteckt? Die ganze Sache ergab einfach keinen Sinn. Besonders nicht, dass auch Mikes Pferd einen Sattel umgeschnallt hatte. Vielleicht fehlte seinem Gehirn anfangs der Sauerstoff, um auf die Lösung zu kommen, doch nach ein paar Minuten ging ihm endlich ein Licht auf.
„Wolltest wohl lieber meinen nehmen. Nicht wahr, Calvin?“, bemerkte er nebenbei, wie er den Sattel wieder im Stall verstaute. Calvins Schweigen genügte ihm als Antwort.
Allgemein erwachte Mikes Bewusstsein aus der Schockstarre. Er konnte langsam wieder klar denken. Da kehrte in ihm auch ein wohlbekanntes Gefühl zurück. Wut. Doch dieses Mal war sie mehr als berechtigt. Calvin hatte schließlich versucht abzuhauen. Beinahe wäre alles umsonst gewesen, wofür Mike so lange arbeiten musste.
Er konnte es sich selber nicht erklären, wie er es am Ende schaffte, diese heiße, weißglühende Wut zu unterdrücken. Wie es ihm gelang, Calvin nicht doch noch eine Kugel in den Rücken zu jagen, so wie es anfangs geplant war. Es ärgerte ihn, dass der Schuss stattdessen das arme Tier getroffen hatte. Nun stand der ehemalige Ausreißer vor ihm und dessen Pferd lag draußen im Dreck. Der Täter lebte und das unfreiwillige Opfer war tot. Wie konnte das gerecht sein? Da fiel es Mike wieder ein. Nun, da sein eigener Brauner wieder hier war, konnte er endlich das arme Tier aus den Fängen der Geier befreien.
Den restlichen Nachmittag verbrachte das Duo mit dem Zerlegen des toten Pferdes. Wenigstens die Hälfte, die von den verdammten Viechern noch nicht angefressen worden war. Es begann bereits Dunkel zu werden, als sie die blutige Angelegenheit endlich zu Ende brachten. Gerade rechtzeitig zum Abendmahl. Dass es gebratenes Fleisch gab, erklärte sich von selbst. Nichts schmeckte Mike besser, als ein saftiges Stück Fleisch, direkt neben dem Lagerfeuer gebraten. Allerdings freute er sich auch schon auf das ganze Trockenfleisch, das sie bald besitzen würden. Diesen Appetit ließ er sich selbst davon nicht verderben, dass er noch vor einigen Stunden solches Mitleid mit dem Tier gehabt hatte. Leid tat ihm stattdessen, dass sie so viel vom Hengst wegwerfen mussten. Besser gesagt verbrannten sie all das Unverwertbare nach und nach im Lagerfeuer. Von manchen Sachen ließ selbst ein abgehärteter Einsiedler die Finger und Fleisch, das bereits von Geier angefressen worden war, gehörte auf jeden Fall dazu.
Trotz seiner anfänglichen Freude, auf das Abendessen, erwischte er sich, wie er nur an seiner Portion herum schnitt. Wirklich Lust auf das Fleisch hatte er auf einmal nicht mehr, wie es dann tatsächlich vor ihm lag. Irgendetwas fehlte einfach. Wie er darüber nachdachte, beobachtete er Calvin. Dieser schien absolut kein Problem damit zu haben, etwas zu essen. Selbstverständlich, als wäre am heutigen Tag nichts passiert, verschlang er seine Portion. Das ärgerte Mike. Sollte er nicht demütig sein? Sollte nicht gerade er den Tod, des armen Tieres, am meisten bedauern? Allerdings hatte Mike es bereits erwartet. Calvin war nun wirklich niemand, den ein schlechtes Gewissen einholen würde. Deshalb hatte er ihm auch voraussichtlich weniger Fleisch gegeben. Wer so viel Energie besaß, dass er sich an einer Flucht versuchte, brauchte nicht so viel zum Essen.
Wie er sich so still und heimlich über Calvin aufregte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Natürlich! Jetzt wusste er wieder, was ihm fehlte. Das hier war seit Wochen das erste Mahl, das er ohne einen Drink genießen musste. Bis jetzt konnte er sich immer darauf verlassen, dass es in der Nähe ein Bier, einen Whiskey oder etwas Gin zu kaufen gab. Doch hier in der Einöde gab es keinen Tropfen Alkohol. Das gehörte ja auch zu den Gründen, wieso er wieder hier leben wollte. Aber da wusste er auch noch nicht, dass das passieren würde. Auf etwas Schlaflosigkeit war er eingestellt, doch dass ihm sogar jeglicher Appetit verging? Nein. Das überraschte sogar ihn.
Deprimiert stellte er die Schüssel mit seinem Abendmahl zur Seite. Er hatte jegliche Hoffnung aufgegeben, auch nur ein Stück hinunterzubringen. Jetzt konnte er nur noch darauf hoffen, dass ihm wenigstens etwas Schlaf vergönnt war. Wobei, was spielte es noch für eine Rolle? Eine schlaflose Nacht würde zu diesem Tag passen, zu diesem enttäuschenden Tag.
Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Der erste Tag und schon wollte Calvin abhauen. Wie sollte es nur weitergehen? Wie könnte er nur sicherstellen, dass so etwas wie heute nie wieder vorkam? Doch selbst diese Fragen waren ihm zu viel. Er durfte am heutigen Tag bereits genug durchmachen. Alles, was er sich jetzt noch wünschte, war ein gemachtes Bett. Der Rest konnte ihm gestohlen bleiben. Das Abendessen, das Feuer, sein Pferd, Calvin, einfach alles. Heute würde er keinen Finger mehr rühren. Sollte sich doch Calvin um das Abendmahl und das Feuer kümmern. Und Calvin selbst? Was interessierte es Mike, ob der noch kein Dach über dem Kopf hatte? Durfte er eben auf dem Boden schlafen. Anders verdiente er es auch nicht.
Wortlos stand er auf und wendete Calvin den Rücken zu. Eine einzige Vorsichtsmaßnahme ergriff er, bevor er zu Bett ging. Er warf alle Karten der Umgebung ins Feuer. Ihn schmerzte das kaum. Schließlich kannte er die Gegend gut genug, um sich zurecht zu finden. Nun dürfte Calvin gerne versuchen wieder zu fliehen. Mike wäre gespannt, wie weit er es schaffen würde.
 

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Also, dass Mike so wortlos verschwand, fand Calvin doch ein wenig unhöflich. Zugegeben, er hatte nicht damit gerechnet, dass er sich großartig mit ihm unterhalten würde. Aber einfach so aufstehen und weggehen? So etwas gehörte sich nicht.
Vielleicht ist es besser so, dachte sich Calvin, während er seinen früheren Gaul aß. Er musste schmunzeln. Beim ersten Besteigen war er noch im hohen Bogen durch die Luft geflogen. Seitdem hatte er nur Probleme mit dem blöden Vieh. Doch nun lag der Gaul gebraten auf seinem Teller und schmeckte ihm köstlich. Ein weiterer Sieg für ihn.
Seinem Bein ging es zum Glück schon etwas besser, auch wenn er es in nächster Zeit unterlassen sollte zu rennen. Dennoch bereute er die übereilte Flucht, mit jeder Minute mehr. Jeden weiteren Fluchtversuch, egal wie günstig die Situation auch wäre, konnte er sich damit in die Haare schmieren. Dasselbe galt auch, falls seine Portionen weiterhin so mickrig ausfallen würden. Welcher erwachsene Mann sollte von so etwas satt werden? Es plagte ihn daher auch kein schlechtes Gewissen, wie er nach Mikes Portion griff. Dem Weichling schien der armselige Anblick des Pferdes den Appetit verdorben zu haben. Er wollte sich jedoch nicht beschweren. Mit einer zweiten, größeren Portion würde er wenigstens keinen Hunger leiden.
Allerdings musste er sich die Frage stellen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Jetzt musste er sich schon das Essen eines anderen schnappen, um satt zu werden? Eine Schande.
Ich hatte mal meine eigene Villa, verdammt nochmal!, ärgerte er sich. Ich besaß sogar Dienstmädchen. Mehr als ich zählen konnte. Und mein Koch? Der hat mir solange etwas vorgesetzt, bis ich beinahe geplatzt wäre.
Die Gedanken drehten sich in seinem Kopf. Immer mehr Erinnerungen an sein schönes Leben kamen wieder hervor. Seine Geld, seine Villa, seine Frauen. Mit jeder Sekunde sah er mehr von dem Luxus, den er früher besaß. Und nun? Was hatte ihm dieser Außenposten schon zu bieten? Schlecht gezimmerte Hütten, einen staubigen Boden und einen kleinen Teich. Ja, mehr gab es nicht auf der Liste. Das war nicht die Wiedergutmachung, die ihm Mike versprochen hatte! Da könnte er genauso gut in einem Gefängnis sitzen. Dort hätte er wenigstens ein Dach über seinem Kopf.
Selbst das blieb ihm in diesem Drecksloch verwehrt. Es gab nur für Mike, sein blödes Pferd und das ganze Material eine Hütte. Calvin selber? Ach, den konnte man ja auf dem Boden schlafen lassen. Oder noch besser, er könnte ja auch im Stall übernachten.
Bei dem Gedanken kochte Calvin vor Wut. Mikes Schüssel flog in hohem Bogen durch die Dunkelheit, ehe sie am harten Boden zerschellte. Das hielt er von der ganzen Sache hier!
Dabei hatte ihm Mike so viel versprochen. „Ich will es wieder gutmachen“ und „Du sollst nicht dein restliches Leben in einem Gefängnis sitzen.“ gehörten zu seinen Worten, wie er Calvin damals die Sache schmackhaft machen wollte. Davon war nun keine Rede mehr. Jetzt schien er erst recht der Gefangene und Mike sein Wächter zu sein. Doch wer war Mike, um zu bestimmen, dass er ein Leben lang hier leben sollte?
Nein! Er würde bestimmt keine Nacht, wie ein Tier auf dem Boden oder gar in einem Stall schlafen. Und ganz bestimmt würde er sich nicht von einem einzigen Mann gefangen halten lassen! Er war schließlich Calvin Hardin. Ihm lag einst Amerika zu Füßen.
Womöglich machten ihm seine Verletzungen eine weitere Flucht unmöglich, davon abgesehen, dass der verfluchte Mike alle Karten der Gegend verbrannt hatte. Damit gab er sich jedoch noch lange nicht geschlagen. Wenn für den Gefangenen Flucht keine Option war, dann müsste eben der Wärter verschwinden. Calvins Plan war simpel. Er würde Mike umbringen.
Es sollte nicht lange dauern, bis Mike einschlafen würde. Dann wäre der perfekte Zeitpunkt, um ihn zu überfallen. Calvin besaß vielleicht keine Waffen, aber davon ließ er sich keinesfalls entmutigen. Zur Not würde er Mike mit bloßen Händen erwürgen.
Dieses Mal würde er auch mehr auf sein Timing achten. Das schwor er sich selbst. Ihm blieb eine Chance, um dieser Sache, ein für alle mal, zu Ende zu bringen. Diese würde er ganz bestimmt nicht leichtsinnig auf Spiels setzen, auch wenn er bereits davon phantasierte, wie sich seine Hände um Mikes Hals schlossen. Aber diesem Verlangen durfte er erst später nachgeben. Es war einfach zu früh. Er wollte mindestens bis Mitternacht warten, um seinen Plan anzugehen.
Die Stunden vergingen und das Lagerfeuer brannte in der Zwischenzeit nur noch mit letzter Kraft. Jede Minute könnte es ausgehen und dann würde er zuschlagen. Er selber nahm an, dass es bereits kurz nach Mitternacht sein musste, auch wenn er keine Möglichkeit besaß, um das zu überprüfen. Nicht einmal seine Taschenuhr hatte er sich behalten dürfen.
Ein letztes Mal züngelten die Flammen dem Himmel entgegen, ehe sie in sich zusammenfielen. Nur noch Glut lag dort, wo noch vor einigen Stunden ein loderndes Feuer brannte. Calvin sah es als sein Startsignal. Seine Zeit war endlich gekommen.
 

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„Wieso Gott?“, murmelte Mike mit geschlossenen Augen, „Wie kann man nur so müde sein und gleichzeitig nicht einschlafen können?“
Natürlich kannte er die Antwort. Schließlich handelte es sich, um seinen gefühlt hundertsten Versuch. Der verdammte Alkohol hatte ihm das alles eingebrockt. So oft hatte er bereits versucht dem ganzen zu entkommen und jedes Mal war es, nach den ersten ein oder zwei schlaflosen Nächten, vorbei.
Doch seine Gedanken kreisten nur zum Teil, um das Unrecht, das ihm widerfuhr. Die Erlebnisse des Tages schwirrten ebenso in seinem Kopf umher und trugen ihren Teil dazu bei, dass er keinen Schlaf finden konnte. Er sah vor seinem inneren Auge, wie er Calvin niederschlug, wie dieser verzweifelt versuchte auf den Beinen zu bleiben und wie er mit dem Gewehr zwischen Calvins Schulterblätter zielte.
Wie konnte all das in so kurzer Zeit passieren und schiefgehen? Dabei wollte er doch nur der Gute sein. War das zu viel verlangt? Verlangte er wirklich zu viel, wenn er seinen einstigen Feind zum Freund machen wollte? Er war ihm selber ein Rätsel. Vielleicht war das die Strafe für seinen Übereifer. Dass er als Säufer in der Einöde saß und vor lauter Verlangen keinen klaren Gedanken fassen konnte. In seinen Augen war er eine Schande.
„Wieso Gott?“, formten erneut seine Lippen.
Es muss bald Mitternacht sein, ging es Mike gleichzeitig durch den Kopf. Mit jeder Minute die verstrich verzweifelte er mehr und mehr. Was lief nur bei ihm falsch? Wie konnten eine Kleinigkeit nur eine solche Macht über ihn besitzen? Er war schon längst über den Punkt hinaus, wo er sich vor sich selbst ekelte. In der Zwischenzeit hegte er bereits einen richtigen Hass gegen sich und seine schwache Seite. Die Seite, die noch immer schrie, er solle endlich etwas saufen. Doch Mike wollte diese verdammte Stimme nicht mehr hören. Sie war an allem Schuld. Sie trieb ihn immer dazu etwas zu trinken, auch wenn er endlich damit aufhören wollte. Ab einem gewissen Punkt übernahm sie einfach das Kommando und ließ ihn rückfällig werden. Es spielte dabei keine Rolle, dass er genau wusste, dass er es im nächsten Augenblick wieder bereuen würde. Nun dachte er der Stimme endlich einen Schritt voraus zu sein, indem er einfach keinen Alkohol in der Nähe besaß und doch hörte er sie wieder. Er spürte, wie sie langsam wieder Kontrolle ergreifen wollte. Je länger er dagegen ankämpfte, desto mehr wollte er aufspringen und alles im Außenposten auf den Kopf stellen. Hauptsache er würde etwas Fusel finden.
Dies Gedanken wurden jedoch jäh unterbrochen, als ein Geräusch durch die Dunkelheit hallte. Bis jetzt hatte er lediglich die Stimme in seinem Kopf vernommen, aber diese sprach nur mit ihm. Sie konnte mit Sicherheit nicht knarzen.
Mike öffnete seine Augen. Er spähte durch seine Hütte und war überrascht, wie gut er auf einmal in der Dunkelheit sah. In seiner unmittelbaren Umgebung konnte er dennoch nichts ungewöhnliches entdecken. Erst als sein Blick über die Tür schweifte, hielt Mike inne.
Durch einen schmalen Spalt drang das Licht, eines glimmenden Feuers, in seinen Raum. Unter normalen Umständen hätte Mike den Schein wohl kaum wahrgenommen, doch da er schon seit Stunden in der Dunkelheit lag, waren seine Augen um einiges empfindlicher, was Helligkeit anging. Ebenso wenig wäre es ihm ansonsten aufgefallen, wie der Spalt langsam breiter und breiter wurde. Doch nun sah er, wie immer mehr Licht in seine Hütte drang. So gelang es ihm auch den Umriss eines Mannes auszumachen, als dieser seine Hütte betrat.
Vor einigen Minuten wollte Mike nur einschlafen. Jetzt konnte davon allerdings keine Rede mehr sein. Schließlich kam gerade ein Unbekannter, mitten in der Nacht, in seine Unterkunft. Dennoch wollte Mike den Fremden vorerst noch gewähren lassen, bis er herausfand, was hier überhaupt vor sich ging. Da kam ihm zu Gute, dass er bereits in seinem Bett lag. So konnte er sich schlafend stellen und in Ruhe abwarten, was nun geschehen würde.
Die Figur näherte sich mit leisen Schritten, wie ein Geist, der ihn heimsuchen wollte. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte und schon stand der Schatten direkt neben seinem Bett. Da beugte sich der Fremde über ihn. Zwei Arme zeichneten sich gegen den Lichtschein ab und näherten sich seinem Gesicht.
Das ging Mike dann doch zu weit. Er wollte sich bereits aufrichten, als plötzlich die Figur vorne über zu fallen schien. Die unbekannten Hände schnellten in seine Richtung, aber das taten sie nicht um ihren Besitzer abzufangen. Stattdessen suchten und fanden sie Mikes Hals und umklammerten ihn wie eine Zange.
Die Daumen des Angreifers drückten auf seinen Hals und Mike spürte, wie ihm auf einmal die Luft wegblieb. Er konnte auf einmal keinen klaren Gedanken mehr fassen. All seine Pläne, die er bereits für eine solche Situation geschmiedet hatte, verschwanden in dem Moment, als sich die Hände um seinen Hals schlossen. Sein Verstand war vor Panik und Angst gelähmt. In seiner Verzweiflung versuchte sich aus dem Griff zu winden. Er fing auch an mit Armen und Beinen blind durch die Gegend zu schlagen und zu treten, doch der Fremde zeigte sich davon unbeeindruckt. Die Figur bewegte sich genauso wenig, wie ihre Finger.
Der Unbekannte stand wie ein Fels, während Mike selber miterleben musste, wie er mit jeder Sekunde an Kraft verlor. Wie seine Sicht langsam verschwamm, spürte er noch, wie auch seine Gliedmaßen zum zappeln aufhörten. Es gab nichts mehr, was ihn nun noch hätte retten können. In diesem Moment, als er das Unausweichliche endlich akzeptierte, empfand er ein ganze eigenartiges Gefühl. Er fühlte sich friedlich. Endlich war in seinem Kopf Ruhe eingekehrt.
Erst durch diese Klarheit verstand Mike, was sich da vor seinen Augen abspielte. Jemand versuchte ihn zu erwürgen und er strampelte, wie ein kleines Kind, um sich dagegen zu wehren. So würde er aber sicherlich nicht enden!
Stattdessen suchte er in seinem Körper nach jedem Fünkchen Kraft, das er noch finden konnte. Er suchte und suchte und sammelte seine Energie, für einen letzten Gegenangriff. Hinter seinem nächsten Tritt steckte all das Leben, das sich in seinem Körper befand. Wie eine Dampflok rammte er seinen Fuß im nächsten Augenblick, in die Magengegend des Angreifers. Völlig überrascht und unvorbereitet auf eine solche Aktion schleuderte es den Angreifer nach hinten und löste den eisernen Griff um Mikes Hals.
 

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Was war gerade geschehen? Für Calvin passierte alles viel zu schnell, als dass er es hätte begreifen können. In dem einem Moment stand er noch über Mike gebeugt, während sein Gegenüber langsam zu zappeln aufhörte und nun lag er selbst am Boden. Aber nicht nur das. Es fühlte sich an, als würden all seine Organe nur noch aus Brei bestehen. Aber das spielte momentan keine Rolle. Er musste noch einmal auf und zu Ende bringen, was er begonnen hatte, doch es war ihm unmöglich. Sein Körper spielte einfach nicht mit. Stattdessen lag er schlaff am Boden und versuchte verzweifelt nach Luft zu schnappen. Es fühlte sich an, als würde er jeden Moment ersticken. Aufzustehen, nein sich überhaupt zu bewegen, lag nicht mehr im Rahmen des Möglichen. Wieso, oh wieso, warf sich daher Mike im nächsten Moment auf ihn? Er wäre sowieso nirgends hingegangen.
Calvin musste jedoch schnell einsehen, dass Mike andere Absichten hegte, als ihn festzuhalten. Oh nein. Hier ging es nur noch um Rache. Ein Schlag nach dem anderen prasselte auf seine Kopf nieder. Zum Glück schmerzte seinen Magengegend zu stark, als dass er den Prügel wahrgenommen hätte.
Calvin musste es zugeben, dass sich eine gewisse Ironie dahinter verbarg. Vor ein paar Sekunden hatte er noch gespürt, wie Mikes Leben langsam zwischen seinen Fingern entwich. Jetzt bemerkte er hingegen, wie es bald für ihn selber aus sein würde. Calvin spürte es ganz genau, wie langsam seine Lebensenergie aus ihm entwich. Mit jeder Sekunde, mit jedem Schlag fühlte er sich weniger von dem Gewicht seines Körpers niedergehalten.
Nur noch einer, sagte er sich immer wieder, dann fliege ich endlich von hier weg. Wer jedoch annahm, dass er sich davor fürchten würde, der irrte. Im Gegenteil, es fühlte sich gut an. Es erinnerte ihn an eine lang vergangene Chance.
Doch bevor er endgültig entschweben konnte stoppten die Schläge. Die Schwere kehrte schlagartig zurück und wenn er vor einigen Momenten noch daran glaubte fliegen zu können, so fühlte es sich an, als wäre er nun wieder auf den Boden gefallen, dazu verdammt, sein Leben weiterhin auf der Erde zu fristen.
Wieso hatten auf einmal die Hiebe aufgehört? Dieses Gefühl, das Schweben, hatte sich wie seine Erlösung angefühlt und die sollte ihm nun verwehrt bleiben, weil Mike der Mumm fehlte, um es zu Ende zu bringen? Das konnte Calvin keinesfalls akzeptieren.
„Bring es schon zu Ende!“, schrie er, „Befreie mich endlich von dieser Qual!“
Es fühlte sich fast an, als würden die Worte von Tränen begleitet werden. Allerdings konnte er unmöglich sagen, ob er tatsächlich weinte oder lediglich Blut seine Wange hinunterliefen.
Genauso rätselhaft war für ihn, was als nächstes geschah. Sein Linkes Augen war schon den ganzen Tag zugeschwollen und durch den ganzen Prügel, den er gerade einstecken musste, konnte er auch sein Rechtes nicht mehr öffnen. Er mochte auf beiden Augen blind sein, aber er hörte etwas. Etwas, das sich auf sein Bett fallen ließ.
Calvin konnte es kaum glauben. Mike, du Feigling! Beinahe hat es geklappt, ging es ihm durch den Kopf. Um ein Haar hätten ihn die Schläge umgebracht. Fast wäre er von diesem Albtraum erlöst worden.
Doch auch wenn Mike sein Werk nicht zu Ende brachte, so hinterließ sein Prügel doch seine Spuren. Calvins Verstand vernebelte. Das Gewicht seines Körpers hielt ihn am Boden fest, aber seine Sinne nahmen immer weniger von seiner Umgebung wahr. Die Geräusche verstummten, die Gerüche verschwanden und zum Schluss lösten sich auch die Schmerzen in nichts als Wohlwollen auf. In den letzten Sekunden, bevor sein Gehirn endgültig in ein Delirium überging, dachte er noch daran, wie ihm beinahe Erlösung widerfahren wäre. Doch bestand dafür überhaupt noch Hoffnung?
 

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Calvin wusste nicht wie lange die Leere anhielt. Die Finsternis, in der er sich anfangs befand und aus der es kein Entkommen gab, schien endlos zu sein. Kein Licht, kein Gefühl und erst recht kein Gedanke ließ sich hier blicken. Doch nach und nach verwandelte es sich. Die Umgebung nahm wieder Form an und Calvin befand sich mitten in ihr. Allerdings erblickte er nicht das Innere von Mikes Hütte.
Er befand sich an einem Ort, den er nie wieder in seinem Leben sehen wollte. Das eine Mal, damals vor fünfzehn Jahren, sollte ihm für immer reichen.
Es spürte eine drückende Hitze. Eine Hitze, die die Bewohner des Örtchens in ihre Häuser verschwinden ließ und die Straßen leer fegte. Calvin spürte selber, wie die Wärme seinem Körper zu schaffen machte und konnte sich nur fragen: Wer sucht bei so einem Wetter schon Zuflucht in einer Kirche? Wieso soll er ausgerechnet dort zu finden sein?
Doch dann dachte er daran, was ihm sein Ziehvater mit auf dem Weg gegeben hatte.
„Calvin!“, konnte er die Stimme in seinen Gedanken hören. „Willst du meinen Informanten etwa vorwerfen, dass sie lügen?“
„Nein.“, hatte er damals schnell versucht abzuwehren. Man beleidigte die Kontakte seines Ziehvaters nicht ohne weiteres. „Es wundert mich einfach nur, dass er sich bei der Hitze kein schattiges Plätzchen sucht. Das ist alles.“
„Kannst ihn ja dann selber fragen, wieso er so ein Depp ist. Er wird auf jeden Fall zu Mittag in der Kirche sein. Darauf kannst du wetten.“
Und nun stand er hier, zur heißesten Zeit des Tages, vor den offen Türen des Gotteshauses. Calvin musste zugeben, dass er sich ein wenig mehr erwartet hatte. Es mochte sich ja um eine Stadt, mit kaum zweihundert Einwohnern handeln, aber war das wirklich eine Ausrede, um die eigene Kirche so verkommen zu lassen? Die weiße Farbe blätterte bereits von all den Wänden ab. Selbst an den Türen hielt nur noch zur Hälfte der Anstrich, während beim Rest bereits die natürliche Maserung des Holzes hervortrat. Der desolate Zustand setzte sich auch im Inneren fort. Vor allem die Dielen fielen Calvin unangenehm auf. Bei jedem Schritt knarzten und ächzten sie, als würde er jeden Moment durchbrechen. Allerdings passte es auch ganz gut zu seiner Stimmung. In dieser Kirche fühlte er sich wie der Sensenmann persönlich, auch wenn ihm dazu noch die Sense fehlte.
Er trat, begleitet vom Knirschen des Holzbodens, in das Gotteshaus ein. Trotz des geräuschvollen Auftritts blieb seine Präsenz scheinbar unbemerkt. Die wenigen Seelen, die bei dieser Hitze Abbitte leisten wollten, waren viel zu sehr in Gebete vertieft, als dass sie ihn bemerkt hätten. Calvin wunderte sich sogar ein wenig, wie verhältnismäßig viele Personen sich hier befanden. Wobei „viele“ vielleicht etwas übertrieben war. Insgesamt sah er drei Männer auf den Bänken sitzen und zwei weitere hörte er in einem Beichtstuhl reden. Unter ihnen befand sich auch der, den Calvin suchte.
In der dritten Reihe, von vorne, saß ein kleiner, buckliger, alter Mann namens Charles. Charles Ore, um genau zu sein. Eine traurige Gestalt, wie Calvin zweifelsohne eingestehen musste, doch davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Ebenso wenig von dem Anschein, dass es sich bei ihm um einen frommen Mann handelte. Man wollte es schnell glauben, wenn man ihn so in sein Gebet vertieft sah, aber Calvin kannte ihn besser. Er wusste, dass Charles ein Säufer und Betrüger war. Letzteres sollte diesem nun auch zum Verhängnis werden. Gerade hier in Amerika gab es genug Leute, die man gefahrlos übers Ohr hauen konnte. Calvins Ziehvater gehörte allerdings nicht dazu. Das wusste Jedermann. Mit Sicherheit hatte man auch versucht Charles davon abzuraten. Wer wäre schließlich so lebensmüde John Wesley Hardin Claims zu verkaufen, die nur auf gefälschten Karten existierten? Charles Ore hieß die Antwort. Es stand wohl außer Frage, dass sich Calvins Ziehvater alles andere als erfreut war. Vor allem, wenn man die Menge Geld betrachtete, die er gezahlt hatte. Selbst die Chance das Geld wieder zu sehen, war verschwindend gering. So wie man Charles in der Gegend kannte, hatte er sicherlich alles im hiesigen Saloon und Freudenhaus liegen gelassen. Es schien auch noch nicht allzu lange her zu sein, wenn Calvin der Duftwolke vertrauen durfte, die ihm schon von weitem in die Nase stieg.
Nun sollte für den Hochstapler jedoch endlich seine verdiente Strafe kommen. Noch viel wichtiger war allerdings, dass Calvin damit endlich eine Chance auf Wiedergutmachung bekam. Es hatte zwar eine Zeit lang gedauert, um sich das Vertrauen, für diese Aufgabe, zu verdienen, aber nun konnte er sich endlich wieder beweisen.
Und das alles wegen eines schiefgegangenen Banküberfalls. Calvin dachte oft über diesen Tag nach. Schließlich hätte er sich all das ersparen können. Aber egal wie es Calvin auch drehen und wenden mochte, es war ihm unmöglich auf diese wehrlose Frau zu schießen. Er wusste damals selber nicht, wieso er außer Stande war sie umzubringen. Dennoch verfluchte er sie immer wieder aufs Neue. Jeden Tag, an dem er erneut sein Leben aufs Spiel setzen musste, um als Verräter der Bande, die Drecksarbeit der Truppe zu erledigen. Oh ja, er hasste sie aus tiefstem Herzen, dafür dass sie in der Bank war und er hasste sich selbst noch mehr, weil er damals nicht den Abzug drücken konnte.
Wie hatte er daher gejubelt, als ihm von seinem Ziehvater diese Aufgabe zugeteilt worden war. Nun könnte er endlich seinen Wert unter Beweis stellen. Und alles was dafür von ihm verlangte wurde, war ein kleiner Mord an einem Mann, der keine Ehre, Freunde und erst recht keine Leute besaß, die seinen Tod rächen würden. Was konnte man von einem Opfer mehr verlangen?
Wieso raste also Calvins Herz dermaßen, als er durch den Gang zwischen den Bänken hindurch schritt? Anfangs tat er es als reine Vorfreude ab, aber je näher er Charles kam, desto unwohler fühlte er sich. Es war eine Mischung aus Nervosität und einem Gefühl, das er seit seiner Kindheit nicht mehr spüren musste.
So fühlte es sich an, wenn er, damals im Waisenhaus, etwas schlimmes gemacht hatte. Damals musste er häufig mit der Heimleiterin in den „Bestrafungsraum“ gehen. Ein kleines, karges Zimmer, das genauso gut eine Besenkammer hätte sein können, dessen einziges Inventar aus einem Holzkreuz mit einem darauf genagelten Jesus bestand. Die Worte der alten Schreckschraube hallten jetzt noch durch seinen Verstand, auch wenn er sich sogar noch besser an ihren schrecklichen Mundgeruch und die braunen Zähne erinnern konnte:
„Jesus ist für deine Sünden gestorben und trotzdem...“
Das waren die Worte, die sie jedes Mal erwähnt hatte, bevor sie den gefürchteten Rohrstock hervorholte. Üblicherweise folgten dem "trotzdem" Delikte wie Widersprechen, unerlaubtes Klettern auf dem Hausdach und ein Mal, als Calvin bereits etwas älter war und kurz vor seiner Adoption stand, hatte er eine der Betreuerinnen ein Sumpfhuhn geschimpft.
Für die weniger schlimmen Vergehen war man übers Knie gelegt worden und einem wurde der Hintern grün und blau geschlagen, dass man mindestens zwei Tage danach nicht mehr sitzen konnte. Beim Sumpfhuhn-Vorfall wusste er damals jedoch sofort, dass etwas schlimmeres auf ihn zukommen sollte. Damals war kein einziges Wort über ihre Lippen gekommen. Sie hatte lediglich ihren Rohrstock in stiller Drohung angehoben, ehe sie, wie aus dem nichts, anfing auf ihn einzuschlagen. Wie wild war er durch den Raum geprügelt worden, bis er in einer Ecke wimmernd liegen blieb. Bei dem bloßen Gedanken fuhr Calvin ein Stich durch seinen Rücken, dem sie damals besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen ließ.
So viel hatte sich seitdem geändert. Calvin war zu einem, mehr oder weniger, ansehnlichen Jüngling herangewachsen und seine schlimmsten Taten konnte man wohl kaum noch mit dem „Sumpfhuhn“-Vorfall vergleichen. Wenn er sich recht erinnerte, lag die alte Schabracke auch schon ein paar Jahre unter der Erde.
Dennoch gab es etwas, das ihn an früher erinnerte. Das Kreuz hinter der Kanzel, von wo der Priester seine Predigten hielt. Jesus Augen starrten Calvin genauso kalt an, wie damals, als ihm die Seele aus dem Leib geprügelt worden war. Es reichte, um Calvin das Gefühl zu geben, dass jeden Augenblick die alte Leiterin hinter ihm auftauchen und ihm ins Ohr flüstern würde:
„Jesus ist für deine Sünden gestorben und trotzdem willst du im Haus seines Vaters morden.“
 

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Calvin wusste nicht, ob er bereits vor diesen Gedanken stehen geblieben war oder erst danach. Wobei es keinen großen Unterschied machte, als die Panik in ihm einsetzte.
Was habe ich hier eigentlich verloren?, schoss es ihm durch den Kopf. Dabei kannte er doch die Antwort. Er stand hier, um seine Fehler zu bereinigen und um sein Leben zu retten. Denn es gab noch eine zusätzliche Bedingung, die ihm sein Ziehvater auferlegt hatte. Eine „Motivationshilfe“, wie dieser es nannte.
„Gut, dann ist es abgemacht. Du schaust zu, dass Charles bekommt, was er verdient. Ach und bevor ich es vergesse, es gelten die selben Regeln wie immer. Verbockst du es, dann bist du dran.“
Er oder Charles hieß das im Klartext. Nur einer würde diesen Tag überleben. Eigentlich eine einfache Entscheidung, wenn man so darüber nachdachte. Wer würde schon das eigene Leben, für einen solchen Säufer, wegschmeißen? Doch in seiner Panik, fiel ihm die Wahl plötzlich schwer. Auf einmal schienen, all die Strafen von früher, zu ihm zurückzukommen. Jeden Schlag sah und spürte er, als hätte er sie gerade erst erhalten. Alleine die Vorstellung, so etwas Abscheuliches, wie einen Mord in einer Kirche, zu begehen, ließ Calvin innerlich erschaudern. Äußerlich tat er es hingegen nur, weil sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte.
Wie ein aufgeschrecktes Tier wirbelte Calvin herum. In dem Moment dachte er, dass die Leiterin doch noch von den Toten auferstanden sei. Zum Glück blieben, auch an diesem Tag, die Verstorbenen unter der Erde liegen. Stattdessen fand er einen Mann hinter sich stehen. Um genau zu sein, ein Priester, wie Calvin aufgrund der Robe annahm. Allerdings strahlte dieser, auch ohne auf sein Gewand zu achten, eine Aura aus, die einfach nur zu einem Geistlichen passen mochte. Dazu zählte vor allem die Ruhe, die seine Person umgab.
Dafür musste sich Calvin umso mehr, über das Aussehen seines Gegenübers wundern. Der Mann konnte kaum kaum älter als er selber sein, was ihn merklich irritierte. Schließlich war er in dem Glauben aufgewachsen, dass nur alte, griesgrämige Herren eine solche Berufung fanden. Von dem Alter abgesehen, wollte der Geistliche auch nicht recht in diese Gegend passen. Mit seiner schneeweißen Haut und dem hellblonden Haar konnte er unmöglich von hier sein. So weit südlich besaß Dreiviertel der Bevölkerung einen dunklen Schopf und dank der Sonne sahen die meisten Leute aus, als hätte man eine Kartoffel zu lange im Ofen gebacken. Oh nein, bei dem Priester musste es sich auf jeden Fall um einen Auswanderer handeln. Der Verdacht bestätigte sich Calvin auch sofort, wie der Priester mit seinem reinen, britischen Akzent zu reden begann.
„Keine Sorge, du musst dich nicht erschrecken. Du hast einen – wie soll ich es am besten beschreiben – verlorenen Eindruck auf mich gemacht, also wollte ich nachfragen, ob alles in Ordnung ist.“
„Ich...ähh...ich...“, war alles was Calvin stammelnd hervorbrachte. Er spürte, wie sich ihm langsam die Kehle zuschnürte. In einem letzten Versuch, doch noch einen ordentlichen Satz hervorzubringen, presste Calvin hervor:
„B-Beichte. Ich würde gerne Buße tun.“
Was zum Teufel hatte er da gerade gesagt? Er war hier um ein Menschenleben auszulöschen und nicht, um einem Geistlichen seine Fehler vorzubeten. Trotzdem folgte er brav dem Priester, wie dieser ihn zum Beichtstuhl begleitete.
„Am besten hängst du deinen Revolver dort drüben an die Wand.“, empfahl ihm der Mann und deutete, mit seinem Zeigefinger, auf einen Wandhaken, neben dem hölzernen Konstrukt. Auch hier folgte Calvin der Aufforderung ohne Widerworte und hing seine Waffe, mitsamt Holster, an die Wand, ehe er sich im Beichtstuhl niederließ. Er schloss gerade die massive Holztür hinter sich, wie der Geistliche, durch ein Gitter zwischen den Beichtkammern, mit ihm zu sprechen begann:
„Was liegt dir denn auf dem Herzen?“
Calvin musste nachdenken. Es war ihm selbst ein Rätsel, wieso er überhaupt mitgekommen war. Es handelte sich um eine reine Affekthandlung. Doch es gab etwas, das ihn beschäftigte. Wieso hatte er keinen Schritt mehr machen können, als er den Blick des hölzernen Jesus auf sich lasten spürte? Dass er auf einmal den Schmerz von Jahre zurückliegendem Prügel spüren konnte? Es ergab einfach keinen Sinn. Vor allem nicht, dass all das verschwand, sobald ihn der Priester angesprochen hatte.
Da erinnerte er sich wieder an die Tage im Waisenhaus. Damals war es einem auch möglich, sich vor kleineren Prügelstrafen retten, indem man dem Priester, der nebenan liegenden Kirche, alles beichtete und ihn die Schwestern zurückpfeifen ließ. Fühlte er sich deswegen in der Gegenwart des Geistlichen so sicher?
„I-Ich...“, begann Calvin wieder zu stammeln. Er musste sich beruhigen. In dieser Kammer war er sicher. Das spürte er ganz genau. Egal was auch kommen mochte, diesem Geistlichen konnte er vertrauen. Die einzige Hürde bestand darin, endlich seinen Mund aufzubekommen.
 

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„Ich habe schon oft gesündigt.“, fuhr Calvin, vorsichtig formulierend, fort, „Nicht weil ich es will, sondern weil ich muss. Aber dieses Mal ist es anders.“
„Inwiefern?“, fragte der Priester, in seiner ruhigen Art, nach.
„Es fühlt sich einfach anders an. In meinem Inneren weiß ich, wie falsch es ist und mein Körper weigert sich auf einmal weiterzumachen.“
„Und wie soll ich dir dabei weiterhelfen? Ich kann dich wohl kaum zum Sündigen anstiften.“
Calvin schwieg. Der Priester hatte natürlich Recht. Wie konnte er erwarten, dass er in einer Kirche Zuspruch für einen Mord finden würde?
„Ist das denn nicht gut?“, fuhr der Geistliche unbeirrt fort, „Zu wissen, dass etwas falsch ist und sich aufgrund dessen dagegen zu entscheiden. Ich finde, das ist das Ideal. Niemand kann dir Sünden vergeben, die du nicht begangen hast, genauso wie dich niemand dafür bestrafen kann.“
„Es ist aber nicht so einfach. Wenn man eine Waffe an den Kopf gehalten bekommt, dann denkt man nicht lange über einen Befehl nach. Man führt ihn einfach aus.“
„Wer sagt das?“
„Huh? Der gesunde Menschenverstand! Wenn ich die Wahl, zwischen dem eigenen Leben und dem eines anderen, habe, dann entscheide ich mich natürlich für meines.“
„Sag, es klingt doch eigenartig, so etwas laut auszusprechen.“
„Hm. Ja, eigentlich schon.“
„Leider denken viele Menschen auf diese Art und Weise. Man ist sicher immer selbst der nächste. Und seit Beginn der Zeit, hat dieses Denken nichts als Probleme verursacht. Eine Sache hast du schon richtig gesagt: Man hat eine Wahl. Immer. Egal wie ausweglos die Situation auch erscheinen mag, man kann stets eine Entscheidung treffen. Viele Leute nehmen den einfachen Weg, den der Sünde und des Bösen, aber man kann sich auch jederzeit für den schweren Weg der Rechtschaffenheit und des Guten entscheiden.“
Was sollte Calvin davon halten? Der Priester schien ihn einfach nicht verstehen zu wollen. Wie auch? Welchem Geistlichen wurde schon der eigene Tod in Aussicht gestellt, wenn dieser sich weigerte einen anderen Menschen zu ermorden? Jemand wie er würde niemals wissen, was es bedeutete tagtäglich das eigene Leben gegen das von anderen aufzuwiegen. Warum wollte Calvin ihn dann unbedingt verstehen lassen?
„Du verstehst das nicht, in deiner heilen Welt!“, platzte es aus Calvin heraus. Die Wut, die er in den vergangenen Wochen gesammelt hatte, entlud sich in diesem Moment. Er kannte die Macht der Entscheidung, seit dem Banküberfall, nur zu gut. Damals war er auch zu der Überzeugung gekommen, dass er eine Wahl treffen konnte. Und was brachte es ihm? Nur Schmerz und Leid. Jetzt war er endlich im Begriff, diese falsche Entscheidung wieder gut zu machen und doch waren ihm die Hände gebunden. Es war die Schuld des kleinen bisschen Anstand, das sich im hintersten Winkel seines Bewusstseins versteckte. Gequält musste es stets beobachten, wie er, in einer Bande von Halunken, Dieben und sogar noch Schlimmeren, stets den einfachen Weg nahm. Dieses Mal wollte es Calvin jedoch den simplen Weg verwehren. Mit aller Gewalt versuchte Calvin dagegen anzukämpfen, denn er wusste, dass es tödlich für ihn enden würde. Er musste einfach den Priester überzeugen. Nur so würde auch endlich das Fünkchen Anstand eine Ruhe geben.
„Ich habe gemordet, geplündert, gestohlen, geschändet, gebrandschatzt und die Liste geht noch lange weiter. Ich habe so Schlimmes getan, dass die Hölle für mich zu gut wäre. Es ist schon längst zu spät für mich, um den Weg der Rechtschaffenheit zu wählen. Ich kann mich nur noch um mein Überleben kümmern. Auf die Art und Weise kann ich, wenigstens so lange wie möglich, dem entkommen, was nach meinem Tod auf mich wartet.
Weißt du eigentlich, was der kleine Bucklige da draußen getan hat? Er hat meinem Ziehvater, John Wesley Hardin, falsche Claims verkauft! Tja, und jetzt bin ich hier, um ihm ein Loch in den Kopf zu schießen und jedem, der mich daran hindern will. Und wieso? Um meinem Vater sein Rachegelüste zu erfüllen? Nein! Ich muss es machen, damit ich nicht als nächster unter der Erde liegen. So schaut die reale Welt aus. Da ist kein Platz für Helden.“
Die darauf folgende Pause schien eine Ewigkeit zu dauern. Calvin nahm bereits an, dass der Priester kein Wort mehr sagen würde. Doch dem war nicht so.
„Man muss kein Held sein, um eine schlechte Entscheidung zu vermeiden.“
„Was soll das schon wieder heißen?“
„Weißt du, diese Kirche hat mehrere Ausgänge. Manche sind offensichtlich, manche dagegen gut versteckt.“
„Moment! Hab ich dich richtig verstanden? Soll ich etwa weglaufen?!“
„Nein. Du sollst dich in Sicherheit bringen.“
„Und wozu? Sie werden mich sowieso wieder einfangen.“
„Verfolgen werden sie dich, ja. Deshalb ist es auch der harte Weg. Aber du kannst entkommen.“
„Ist dir bewusst, dass mein Ziehvater dich dann fragen wird, wo ich bin? Und er ist nicht gerade für seine Zärtlichkeit bekannt.“
„Das soll so sein. Von mir wird er kein Wort erfahren.“
„Du bist verrückt! Wieso solltest du so etwas machen?“
„Ich habe mir einst geschworen, dass ich jedem gläubigen Menschen, der meine Hilfe braucht, helfen werde. Wieso sollte ich jetzt damit aufhören?“
„Dir ist das wirklich Ernst?“
„Ja.“
„Hm. Wo ist denn dieser geheime Ausgang.“
„Das werde ich dir sagen, aber davor sollst du mir noch etwas versprechen.“
„Was denn?“
„Kein morden, plündern, stehlen, schänden und...und. Ah. Ich habe den letzten Punkt vergessen.“
„Brandschätzen?“
„Genau. Halte dich von alledem und was sonst noch auf deiner „Liste“ steht, fern. Meide all dieses Gesindel, dann werden dir deine Entscheidungen auf einmal viel einfacher fallen.“
„Na gut. Ich verspreche es. Aber jetzt sag schon. Schnell, bevor...“
„Was braucht denn das so lange?“, hallte es da bereits durch die Kirche.
 

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Diese Stimme bedeutete eines. Das bisschen Hoffnung, das sich in seiner Seele ausgebreitet hatte, konnte er getrost aufgeben. Er hätte wissen müssen, dass es so kommen würde. Das konnte auch nur ihm passieren, dass er sich von einem Priester derart zureden ließ. Sollte er doch glatt weglaufen. Lächerlich!
Wieso fühlte es sich allerdings aufgesetzt an, als er darüber lächeln wollte.
„Da ist die Kavallerie.“, versuchte Calvin noch zu scherzen. „Das war es wohl mit dem Plan.“
„Der geheime Ausgang befindet sich hinter dem Altar. Es ist eine Klappe im Boden, die man von Innen gut verbarrikadieren kann.“
„Bist du etwa taub? Es ist vorbei.“
„Nein, ist es nicht.“
„Wo ist denn dieser verdammte Junge?“, sagte Calvins Ziehvater lautstark zu sich selbst.
Noch immer in dem Beichtstuhl festsitzend, konnte Calvin lediglich lauschen, was draußen vor sich ging. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass er Charles Schritte hörte, die hektisch über die krachenden Dielen sausten. Der Mann musste den Schrecken seines Lebens erleben. Gerade noch friedlich betend und ehe er sich versah stand er einem gefürchteten Ganove gegenüber. Dazu noch einem, dem er eine schöne Summe Geld abgeknöpft hatte. Calvin konnte es leicht nachvollziehen, weshalb Charles versuchte zu fliehen, aber große Chancen räumte er ihm dennoch nicht ein.
„Wo willst du denn auf einmal hin?“, hörte er seinen Ziehvater brüllen, der sich dem Flüchtenden scheinbar in den Weg stellte, denn Charles Schritte stoppten augenblicklich.
„I-I-Ich. E-Es tut mir so leid.“
„Ach wirklich? Na dann ist alles vergeben und vergessen.“
„I-Im Ernst?“
Eine blöde Frage, dachte sich Calvin. Im nächsten Moment hallte ein lautes Klatschen durch den Raum.
„Wie kann man nur so blöd sein? Du schuldest mir einige hundert Dollar, Bürschchen! Glaubst du wirklich, dass es mit einer Entschuldigung getan ist?“
„Ist alles in Ordnung, Boss?“, fragten zwei Männer im Einklang. Die beiden schienen gerade erst den Raum betreten zu haben.
„Puh! Jetzt geht es mir etwas besser.“
„Ist das dieser Charles?“, erkundigte sich einer der Männer.
„Wie unhöflich, Charles. Noch nie davon gehört, dass man sich Fremden vorstellt?“
„Ich glaube der Kerl ist ohnmächtig, Boss.“
„Hm. Hab ihn vielleicht etwas fester erwischt, als ich wollte. Aber er ist auch so nervig.“
„Boss, wo ist denn Calvin?“, mischte sich nun der zweite Mann ein.
„Keine Ahnung. Die selbe Frage hab ich mir auch schon gestellt.“
„Aber er sollte doch Charles erledigen.“
„Ich weiß, ich weiß. Werden den Jungen schon finden. Beginnt ihr beiden schon mal nach ihm zu suchen. Ich hab in der Zwischenzeit ein Auge auf unseren Ehrengast, hier.“
Nun würde es bald so weit sein. Es gab in dieser kleinen Kirche kaum Versteckmöglichkeiten und gerade begaben sich zwei Handlanger auf die Suche nach ihm. Er konnte nur hoffen, dass es sich dabei um Bill und Paul handelte. Die beiden waren nicht gerade die Hellsten. Wenn die nach ihm suchen würden, sollte er noch etwas Zeit haben, bevor sie ihn fanden.
Da flog bereits die Tür des Beichtstuhls krachend auf. Doch es war nicht die seinige, sondern die des Priesters. Calvin konnte den Geistlichen zwar nur hören, aber er sah vor seinem inneren Augen, wie dessen Gewand wild durch die Gegend flatterte, so wie dieser nach draußen rauschte. Dabei begann da erst das Unwetter, das dieser heraufbeschwören würde.
„Was glaubt ihr eigentlich?! Wisst ihr denn nicht, wo ihr euch befindet? Im Haus Gottes, ihr Schufte!“, schrie der Priester mit Inbrunst. Unglaublich wie laut so eine zierliche Person doch sein konnte.
Calvin stockte der Atem. Passierte das gerade wirklich? Stürzte sich dieser Priester etwa todesmutig seinem Ziehvater entgegen, um eine Ablenkung für ihn zu erzeugen? Calvin wusste nicht, wie er es anders hätte interpretieren können. Wenn er allerdings flüchten wollte, dann musste er es jetzt tun. Schließlich stellte ein einzelner, aufbrausender Mann nur für eine begrenzte Zeit eine Ablenkung dar. Doch Calvin zögerte. Erneut hielt ihn etwas zurück. Dieses Mal waren es die Erinnerungen an die vielen Male, als er sich seinem Ziehvaters widersetzt hatte. Er sah die Hiebe, die Tritte und die öffentlichen Demütigungen, der letzten Jahre, vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Das reichte bereits, um ihn wie festgefroren in seinem Sessel erstarren zu lassen.
Ah! Wie konnte das nur möglich sein? Besaß er überhaupt keine Kontrolle über seinen Körper? Er hatte die Frau nicht erschießen können, obwohl er es wollte und dann war er unfähig Charles zu eliminieren, auch wenn er wusste, dass es seinen Tod bedeutete würde. Und nun? Nun musste er hier sitzen bleiben, weil sich sein Gehirn an ein paar Prügelstrafen erinnerte? Calvin wollte sich bereits selbst ohrfeigen. Hauptsache sein Körper würde endlich aus dieser Schockstarre erwachen.
„Es tut mir leid.“, hörte er seine Ziehvater höhnisch erwidern. „Für einen Außenstehenden muss, die ganze Aktion hier, etwas brutal wirken. Es ist so: Dieser Gentleman hier hat mich um genau 339,99$ erleichtert, indem er mir einen Claim verkauft hat, der nur auf dem Papier existiert. Ich bin nur hier, um mir mein Geld zurückzuholen.“
„A-Aber ich hab kein Geld mehr.“, stammelte Charles, der offensichtlich wieder aus seinem Koma erwacht war.
„Still!“
„T-Tut mir leid.“
„Ich muss mich erneut entschuldigen. Wenn der gute Charles kein Geld hat, dann bin ich nicht hier, um mein Geld zurückzuholen, sondern um ihm seine Sünden zu vergeben.“
„Blasphemie!“, schrie der Priester erneut aus Leibeskräften. „Nur der liebe Herrgott kann einem Mann seine Sünden vergeben.“
„Jetzt treibst du es langsam zu weit! Ich habe mich bereits zwei Mal entschuldigt. Ein drittes Mal wird es nicht geben.“
„Ein Mann, wie du, müsste sich noch viel öfter entschuldigen, John Wesley Hardin!“
„Oh, da scheine ich einen Fan getroffen zu haben. Leider bringt mich das jetzt in eine unangenehme Situation.“
„Siehst du endlich ein, dass du von hier verschwinden sollst?“
„Huh? Oh nein. Mein Problem ist, dass ich wohl kaum zulassen kann, dass mich hier jemand erkennt. Das würde die Behörden ja noch von meiner falschen Spur ablenken. Bill. Paul. Nehmt den netten Herr bitte in Gewahrsam.“
Durch die Tür hörte Calvin, wie die beiden Handlanger dem Priester entgegen stampften. Es schien eine kleine Rangelei zu geben, aber lange hielten die Geräusche des Kampfes nicht an. Kein Wunder. Bill und Paul waren das Sinnbild des dummen, doch dafür umso stärkeren Banditen. Die Formulierung „Arme wie Baumstämme“ konnte man bei ihnen beinahe wörtlich nehmen. Dass der Priester, mit einer Statur, die der von Calvin glich, dagegen nur kurz ankam, überraschte ihn keineswegs.
„Gut. Dieses ganze Geschreie ist mir schon auf die Nerven gegangen. Hey, ihr beiden! Steht nicht so unnütz herum und findet mir Calvin. Ich will endlich wissen, wo dieser Junge steckt!“, erhob sein Ziehvater wieder seine Stimme.
Calvins Herz begann zu rasen. Seine Chance auf Flucht war hiermit endgültig vorbei. Jetzt würde es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie im Beichtstuhl nachschauen kommen würden. Und dann? Sollte er versuchen sich zu wehren und auf ein schnelles Ende hoffen oder gar versuchen sich herauszureden?
Ihm kam bereits eine Idee, für eine Ausrede, doch da meldete sich sein Anstand wieder, der Bastard, der ihm all das erst eingebrockt hatte. Plötzlich flogen Bilder durch seinen Kopf. Szenen, wie er die Tür aufstieß und mit seinem Revolver den drei Mördern Gerechtigkeit brachte. Er könnte wetten, dass es sich gut anfühlen würde, falls er die Halunken heroisch niederstreckte. Aber am Ende waren das nur Phantasien. Die grausame Wirklichkeit holte ihn schnell genug wieder ein, denn die Tür, an der er gerade noch neugierig lauschte, flog krachend auf, dass Calvin beinahe hinausfiel. Bevor er irgendetwas machen konnte, schoss ihm bereits Pauls Hand entgegen. Die dicken Finger schlossen sich um den Kragen seines Hemdes und zogen ihn aus dem Beichtstuhl hinaus.
„Hab ihn, Boss.“, verkündete Paul. Calvin bekam davon allerdings kaum noch etwas mit. Für ihn besaß all das keine Bedeutung mehr. Es war endlich vorbei. Bald würde sein armseliges Leben ein Ende finden. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen und alles um ihn herum hörte sich gedämpft an, wie durch eine dicke Schicht Stoff gefiltert. Die Menschen um ihn herum waren nichts, als murmelnde Schatten. Sollten diese Schattenwesen doch um ihn herumtanzen und tun, was sie wollten. Was sollten sie ihm schon anhaben?
Diese Lethargie hielt jedoch nicht lange an. Ein Tritt in die Seite reichte, um ihn aus seiner Gleichgültigkeit aufschrecken zu lassen. Die Umgebung um ihn herum klarte wieder auf. Er befand sich inmitten der Kirche, von seinen drei Bekannten umkreist.
 

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„Also? Ich höre.“, sprach sein Ziehvater. Es fiel Calvin jedoch ziemlich schwer, sich auf ihn zu konzentrieren, wie ihn die Mündung eines Revolvers anstarrte. Sein Ziehvater zielte ihm geradewegs auf die Stirn.
„I-Ich...“, versuchte Calvin zu erklären, doch die Worte wollten nicht aus seinem Mund kommen.
„Ich frage dich ein letztes Mal. Wieso ist Charles noch am Leben und weshalb hast du dich in einem Beichtstuhl versteckt?“
Ganz einfach, weil ich aussteige! Kein Morden mehr. Oh nein, überhaupt keine Verbrechen mehr! Ich habe genug davon, dein Sohn zu sein und lieber sterbe ich hier an Ort und Stelle, als dass mein Name noch einmal mit dem deinigen in einem Satz genannt wird!, lag es ihm bereits auf den Lippen. Doch am Ende sollte etwas gänzlich anderes aus seinem Mund kommen.
„Der Priester da hat mich angesprochen!“, brüllte er und zeigte bedeutend auf den Geistlichen, „Hat irgendetwas von Beichte und Buße und dem ganzen Schwachsinn gequasselt. Ich wollte keine Szene machen, damit Charles nichts mitbekommt und bin erst einmal mitgegangen. Dann seit ihr auf einmal hier rein. Hätte ich ein paar Minuten mehr Zeit gehabt, dann wäre Charles jetzt bereits tot.“
„Und wieso bist du erst jetzt aus deinem Versteck gekrochen?“, zischte sein Ziehvater.
„Die blöde Tür hat geklemmt. Ehrlich gesagt, wundert es mich kaum, so wie die ganze Kirchen ausschaut. Hätte Paul das blöde Ding nicht halb aus den Angeln gerissen, würde ich morgen noch da drinnen hocken.“
„Hm. Ist das so?“
„Wieso sollte ich sonst dort drinnen bleiben? Wenn das Teil keine Falltür besitzt, wäre ich doch sowieso in der Falle gesessen.“
Da sank auf einmal der Lauf des Revolvers vor seinem Gesicht.
„Scheint ganz so, als hätte ich dir dann deine Aufgabe vermasselt. Ah! Ich und meine Ungeduld. Jetzt dürfen wir – alleine dank mir – jeden in dieser Kirche umbringen.“
„Huh? Jeden?“
„Natürlich. Es haben schließlich alle mein Gesicht gesehen. Wenn einer von ihnen tratscht, dann würden die Gerüchte, dass ich momentan in St. Louis bin, ziemlich schnell widerlegt werden. Da stimmst du mir doch zu?“
Calvin musste seinem Ziehvater, in der Hinsicht, Recht geben. Das Gesetz war im stets auf den Fersen, weshalb er oft Gerüchte über sich selber verstreute. Meistens ging es darum, dass er sich irgendwo in der anderen Hälfte von Amerika aufhalten würde. Dieses Mal hörte man in den Straßen, dass er sich in St. Louis versteckte, obwohl er sich in Wirklichkeit mehrere hundert Meilen weiter südwestlich befand. Nun gab es jedoch mehr als genug Zeugen, die wussten, wo er sich tatsächlich aufhielt. Auch wenn Charles nicht mehr lange genug leben sollte, um eine Aussage machen zu können, so gab es doch noch genug andere. Der Priester und die beiden anderen Männer aus den Bankreihen, fielen Calvin spontan ein.
Da realisierte er erst. Wo waren eigentlich die anderen Gläubigen, die vorher noch vor Charles saßen? Waren sie in der Zwischenzeit aus der Kirche gegangen oder versteckten sie sich noch irgendwo? Gerade als er sich diese Fragen stellte, sprangen die beiden Männer aus ihrem Versteck hervor. Scheinbar hatten sie die Ablenkung durch Calvin, als einen idealen Moment zur Flucht gesehen.
Sie schnellten unter den Sitzbänken hervor und versuchten über die Seitengänge zum Ausgang zu gelangen. Auf jeder Seite rannte ein Mann. Womöglich war die ganze Aktion abgesprochen und sie erhofften sich auf diese Art und Weise eine bessere Chance. Vielleicht handelten sie aber auch nur intuitiv und es interessierte sie einen Dreck, was der andere überhaupt vorhatte.
Egal welchen Grund es für die getrennte Flucht auch gab, weit kamen beide nicht. Calvin sah aus dem Augenwinkel, wie die beiden Handlanger instinktiv ihre Revolver zogen und auf die Flüchtenden zielten. Sein Ziehvater erhob Arm und Stimme, um Paul und Bill aufzuhalten, doch es war bereits zu spät. Zwei Schüsse krachten. Die beiden Flüchtenden schafften es noch einige Schritte in Richtung Ausgang zu machen, aber keiner von ihnen sollten ihn jemals erreichen. Am Ende lagen sie beide gleich weit davon entfernt, mit einer Kugel im Rücken.
„Ah, verdammt!“, schrie Calvins Ziehvater mit hochrotem Kopf, „Habt ihr etwa nur Dreck in eurem Schädel? Die Schüsse hat die ganze gottverdammte Stadt gehört, ihr Vollidioten!“
„Tut uns leid, Boss.“, kam es von den beiden Missetätern wie aus einem Mund.
„Das könnt ihr euch sparen, ihr Dumpfbacken! Argh! Scheint, als ob wir mal wieder die Drecksarbeit machen müssen, Calvin.“
Bevor Calvin überhaupt antwortete, nein, sogar noch bevor er überhaupt begriff, was sein Ziehvater damit meinte, hob dieser seinen Revolver und richtete ihn gegen Charles.
„Wir haben es heute etwas eilig.“, sagte er zu seinem entsetzten Gegenüber, „Daher verzichten wir auf den Blödsinn, mit den letzten Worten.“
Im nächsten Augenblick drückte er den Abzug. Die Kugel erwischte Charles genau zwischen seinen Augen und ließ ihn hintenüberfallen. Ah, es war ein grauslicher Anblick. Calvin kannte viele Menschen, die annahmen, dass so ein Kopfschuss eine saubere Art des Tötens war, aber da irrten sie sich gewaltig. Ihm selber grauste es jedes Mal davor, wenn er einen Mann sehen musste, dem es ein Viertel oder gar die Hälfte seines Kopfes zerrissen hatte. Denn genau das passierte bei einem solchen Schuss. Auch Charles lag am Boden, mit der hinteren Hälfte seines Kopfes weitläufig am Boden verteilt.
Auch dem Priester schien der Anblick schwer zuzusetzen. Calvin musste eingestehen, dass er bis zu diesem Moment gar nicht auf den Geistlichen geachtet hatte. Es ging einfach viel zu viel vor sich. Erst jetzt, als dieser laut zu stöhnen begann, sah er sich nach dem Mann um. Er kniete keine paar Meter von ihm entfernt neben Bill, der sicherstellte, dass der Priester auch schön brav am Boden blieb. Anfangs wunderte sich Calvin, wieso der Geistliche nur stöhnte. Es dauerte eine Weile, bis er den Stofffetzen in dessen Mund bemerkte. Dank des Knebels blieb ihm gar nichts anderes übrig, als zu stöhnen. Womöglich war es auch besser so. Wer wusste, mit welchen Flüchen der Priester sonst um sich werfen würde?
Als ob ihm das jedoch geholfen hätte. Sein Schicksal war bereits besiegelt, wie sich ihm Calvins Ziehvater zuwendete. Erneut hob sich der Lauf des Revolvers. Doch der Schuss kam nie. John stand einfach nur da und blickte nachdenklich vor sich nieder.
„Weißt du was, Calvin?“, wandte er sich endlich von seinem Opfer ab, „Ich hab dir heute deine Aufgabe verdorben. Also überlasse ich dir die Ehre, des letzten Schusses.“
„Aber...“
„Nein, ich will kein „aber“ hören! Ich habe heute Mist gebaut und das will ich wiedergutmachen. Du darfst dafür sogar meinen eigenen Revolver nehmen.“, erklärte er, während er Calvin seine Waffe demonstrativ entgegenstreckte.
Wieso?, schrie Calvin innerlich. Er hatte doch nichts, gegen den armen Kerl. Sogar im Gegenteil. Wäre alles etwas anders gekommen, hätte dieser Priester ihm zur Flucht verholfen. So jemanden konnte er doch unmöglich erschießen. Aber der Revolver seines Ziehvaters hing ihm direkt vor seiner Nase. Er musste das Angebot annehmen, sonst würde dieser doch glatt Verdacht schöpfen. Dennoch stellte sich Calvin immer wieder die Frage „Wieso...?“.
Wieso stand er plötzlich auf?
Wieso nahm er die Waffe in die Hand?
Wieso zielte er dem Priester genau zwischen die Augen, wie es sein Ziehvater, einige Momente zuvor, noch bei Charles gemacht hatte?
Wieso ignorierte er die letzten verzweifelten Versuche des Priesters sich zu wehren?
Wieso ließ ihn auf einmal der starre Blick des hölzernen Jesus kalt?
Und wieso, wieso nur verteilte er das Hirn des Geistlichen, wie ein Kunstwerk, über die Dielen?
 

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So viele Fragen und doch war es Calvin unmöglich gewesen, in all den Jahren, auch nur eine einzige Antwort zu finden. Wobei, was machte es schon für einen Unterschied? Charles, der Priester und die beiden namenlosen Männer, alle hatte man sie am selben Tag ermordet in der verlassenen Kirche aufgefunden. Doch es gab noch etwas anderes, das an jenem Tag, in diesem Gotteshaus, starb. Eine Sache, die so viel Leid und Gräuel hätte verhindern können, wenn sie diesen schicksalshaften Tag doch nur überlebt hätte. Es war der Tag an dem Calvins Anstand starb.
Es handelte sich dabei um eine Erinnerung, die Calvin immer wieder heimsuchte. Nacht für Nacht träumte er davon, wie er letztendlich doch den Abzug drückte, verdammt dazu, seinen Fehler wieder und wieder zu durchleben. Selbst jetzt, als sein Bewusstsein in ein tiefes Loch gestürzt war, konnte er nicht anders, als genau diesen Tag erneut zu sehen. Und wie immer, in all seinen Details.
Vielleicht mochte es auf Außenstehende keinen großen Eindruck machen. Ein weiterer Mord von einem Schwerverbrecher. Was war daran schon außergewöhnlich? Dabei ging es doch um so viel mehr. Es sollte der Anfang seines neuen Lebens werden. Der Tag, an dem er dafür zu arbeiten begann, die Organisation seines Vaters, nach dessen Tod, zu übernehmen.
Keine drei Jahre, nach diesen verhängnisvollen Ereignissen, hatte seinen Ziehvater dann tatsächlich eine Kugel oder, um genau zu sein, vier erwischt. Calvin sah es vor sich, wie sie damals Karten spielten, als auf einmal dieser alte Kerl hinter seinen Ziehvater trat und ihm einmal in den Kopf und drei weitere Male in den restlichen Körper schoss.
Seitdem hatte sich einiges geändert. Calvin wollte nie dasselbe Schicksal, wie sein Ziehvater, teilen. Langsam und behutsam, damit es ja keinen Aufruhr gab, hatte er die brutale Bande seines Ziehvaters in eine Untergrundorganisation verwandelt, die Amerika für immer verändern sollte. Calvin wurde durch List und Finesse mächtiger, als sein Ziehvater es mit Gewalt und Brutalität jemals geschafft hatte.
Und nun lag er hier geschunden am Boden. Er wusste nicht, wie spät es war. Allerdings drang durch die offenen Tür bereits strahlender Sonnenschein. Es fühlte sich komisch an, wie Calvin sich allmählich wieder mit seinen Sinnen orientieren konnte. In der Zwischenzeit gelang es ihm sogar wieder sein rechtes Auge zu öffnen und auch das Linke fühlte sich um einiges besser, als noch am gestrigen Tag, an. Doch die Rückkehr in die Realität versprach nicht nur Gutes. Oh nein! Ihm stand ein wahres Feuerwerk der Gefühle bevor. Es fühlte sich, als hätte ihn gerade eine Dampflok überrollt. Dabei war das nicht das Werk eines tonnenschweren Metallmonsters. Ein einzelner Mann hatte ihm das angetan.
Die Erinnerungen, an den gestrigen Abend, tauchten vereinzelt in Calvins Kopf auf und zeichneten allmählich ein Bild, der gestrigen Geschehnisse. Wie er bereits Mikes Luftröhre zugedrückt hatte und er dann auf einmal einen Prügel einstecken musste, der ihn um ein Haar ins Grab gebracht hätte. Allerdings gab es da noch eine Erinnerung. Er hörte in Gedanken, was aus seinem Mund gekommen war, als er seine Lebensenergie entweichen spürte. Wie er Mike angefleht hatte, es endlich zu Ende zu bringen. Calvin konnte sich nur über sich selbst wundern. Das letzte Mal, als er so etwas gedacht hatte, lag bereits eine lange Zeit zurück. Es war an dem Tag, als er den Revolver seines Ziehvaters auf sich gerichtet sah.

[Ende Kapitel 1]
 

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Kapitel 2: Ein langer Weg

Mike fühlte noch immer die Stelle, an der sich, noch vor wenigen Stunden, Calvins Daumen in seinen Hals gedrückt hatten. Wenn er so darüber nachdachte, konnte er mit ziemlicher Sicherheit sagen, noch niemals so gewürgt worden zu sein. Wenigstens musste er beim Schlucken garantiert noch nie solche Schmerzen ertragen. Jeder Schluck glich einer heißen Bleikugel, die sich langsam durch seine Speiseröhre kämpfte. Ausgerechnet an einem solchen Tag musste die Sonne, mit einer unerhörten Stärke, auf den Außenposten herabbrennen, dass Mike ständig das Verlangen nach etwas Wasser verspürte. Allerdings war er auch zum Teil selbst schuld, wenn er ausgerechnet während der schlimmsten Mittagshitze arbeiten musste.
„Dieser bescheuerte Calvin!“, murmelte er vor sich, wie er mehrere Bretter aus der Materialhütte nach draußen schleppte. Calvin lag noch immer an der selben Stelle und machte bis jetzt noch keine Anstalten, wieder aufzuwachen. Atmen tat er jedoch schön gleichmäßig, weshalb sich Mike nicht weiter darum kümmerte. Momentan wunderte er sich eher darüber, dass er gestern nach dem kurzen Kampf, plötzlich so schnell einschlafen konnte. Tief und fest hatte er bis zum Sonnenaufgang geschlummert.
Vielleicht kam es von der Anstrengung, ging es Mike durch den Kopf. Allerdings war der eigentliche Kampf kein wirklich Harter. Nach dem kräftigen Tritt war Calvins gesamte Energie aus ihm entwichen. Er hatte sich nicht einmal gewehrt, wie Mike dann noch mit seinen Hieben nachsetzte. Auch im Nachhinein erschrak er, wenn er darüber nachdachte, was da in ihn gefahren war, um so unerlässlich auf sein Gegenüber einzuschlagen. Zum Glück konnte er sich gestern noch rechtzeitig zügeln. Wie er den geschundenen Calvin am Boden hatte liegen sehen, war er bereits davon überzeugt ihn tot geprügelt zu haben. Doch dann hatte Calvin angefangen zu schreien. Die Worte schwirrten komischerweise sogar noch jetzt durch Mikes Kopf.
„Und ich bin der König der Vollidioten. Uff!“, ließ er zusammen mit einem Schnauben aus. Wozu schuftete er hier eigentlich in der Hitze? Calvin hatte erst vor kurzem versucht ihn umzubringen und nun wollte Mike ihm als Belohnung seine eigene Hütte bauen?
Ah! Wieso muss Calvin nur so bemitleidenswert sein?, ärgerte er sich innerlich, Hm. Vielleicht weil er tatsächlich sterben wollte.
Noch nie durfte Mike Zeuge einer solchen Verzweiflung werden, wie in jenem Moment, als Calvin ihn angebrüllt hatte. Aber reichte das wirklich, um zu rechtfertigen, wieso er dermaßen für ihn schuftete? Eigentlich nicht, dachte sich Mike, als er ein weiteres schwere Holz auf den Boden warf. Doch der Teil seines Wesens, der ihm Schuld an all dem gab, trieb ihn weiterhin an.
Es mochten in der Nacht nur Sekunden gewesen sein, in denen sich Mike entscheiden musste, ob er Calvin am Leben lassen würde, aber die reichten. In dieser kurzen Zeitspanne kristallisierte sich eine einfache Frage in seinem Kopf: Wäre Calvin ohne ihn überhaupt hier gelandet?
Seitdem Mike wusste, von woher sie sich ursprünglich kannten, musste er zugeben, dass er damals ein scheußliches Verhalten an den Tag gelegt hatte. Allerdings kam er nie auf die Idee, sich die Schuld für Calvins kriminelle Machenschaften zu geben. Schließlich war jeder Mensch für seine eigenen Fehler verantwortlich. Doch in dieser Nacht sah er es anders. Was wenn er sich nicht mit den anderen versteckt hätte? Wäre Calvin dennoch von Hardin adoptiert worden?
Je länger er darüber nachdachte, desto schuldbewusster wurde er, denn die Antwort schien eindeutig. Calvin war damals mit Abstand der Schmächtigste und besaß stets eine kränkliche Aura. Wären sie an diesem Tag anwesend gewesen, hätte es mit Sicherheit einen anderen getroffen. Damit wäre Calvin niemals in das kriminelle Leben abgerutscht, welches er bis vor ein paar Wochen noch auslebte. All das Leid, all die Zerstörung, alles vermeidbar, wenn seine Freunde und er nicht solche Feiglinge gewesen wären.
Deshalb schuftete er weiter, Hitze hin oder her. Der Gedanke an seine Schuld motivierte und trieb ihn an, auch wenn er für seinen beinahe Mörder einen Hitzeschlag riskierte. Doch was kümmerte Mike das? Für ihn gab es nur ein Ziel: Die Schwere, die auf seiner Seele lastete, endlich abzuschütteln. Und er wusste, dass es keineswegs einfach werden würde, denn nichts wog schwerer als eine alte Schuld.

Nun begriff Calvin endlich, was es hieß, sich wie eine Schildkröte auf dem Rücken zu fühlen. Er versuchte es mal mit Kraft, mal mit Schwung und einmal sogar mit reiner Willenskraft. Doch nichts half. Sein Gesicht blieb starr in Richtung der Zimmerdecke gerichtet.
An sich wäre es ihm egal. Nach dem Prügel, den er am gestrigen Abend beziehen durfte, konnte er sich kaum etwas schöneres vorstellen, als hier liegen zu bleiben. Leider spielte da seine Blase nicht mit. Calvin musste dringend austreten, doch dafür musste er sich erst einmal aufrichten. Auf dem Rücken liegend ein unmögliches Unterfangen, wie er bald feststellen musste. Nach einigen Fehlversuchen schien es allerdings, als würde ihm selbst das auf den Bauch Drehen nicht gelingen wollen.
Da baute sich auf einmal ein Druck in seinem Bauch auf, dass er es kaum noch aushalten konnte. All seine Willenskraft steckte er in den verzweifelten Kampf, es zurückzuhalten. Wie durch ein Wunder überstand er den Zwischenfall mit trockener Hose, aber sein Körper ging bereits zu einem weiteren, hinterhältigen Angriff über. Kaum war der übermächtige Drang verschwunden, setzten Krämpfe ein, wie sie Calvin zum Glück noch nie erleben musste. Und ehe er sich versah, stand er. Er wunderte sich, von wo er auf einmal die Kraft hernahm, doch er stand und blieb auch stehen. Ja, sogar Schritte schienen kein Ding der Unmöglichkeit mehr zu sein.
Eilends verschwand er durch die offene Tür und stapfte zur Rückseite der Hütte. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich die Hose richten, ehe die Energie einmal mehr seinen Körper verließ und er schlaff gegen die Rückwand des Hauses knallte. Danach ließ er es einfach laufen. Die schönste Minute seines Lebens verbrachte er an diese Holzbretter gelehnt. Nichts hatte in dieser kurzen Zeit auch nur ansatzweise Bedeutung. Leider bestand auch die beste Minute der Welt nur aus sechzig Sekunden. So fand sich Calvin schnell erleichtert, aber noch immer kraftlos an der Rückwand klebend, wieder. Es benötigte eine längere Verschnaufpause, bevor sich Calvin wieder ordentlich hinstellen konnte. Alleine das betrachtete er jedoch als Sieg. Hauptsache er stand wieder aufrecht. Mit etwas Vorsicht gelang es ihm sogar kleine Schritte zu machen und auch, wenn er die Hüttenwände als ständige Stütze missbrauchen musste, arbeitete er sich langsam wieder hinter dem Bau hervor.
Kaum bog er um die erste Ecke, sah er ihn, den Mistkerl, der ihm all das angetan hatte! Das Weichei, das nicht einmal den Mumm besaß, um zu Ende zu bringen, was er anfing. Oder nicht die Barmherzigkeit? Egal weshalb, Calvin verabscheute ihn mit jeder Faser seines Körpers. Wie er so selbstverliebt, mit Brettern unter den Armen, durch die Gegend stapfte, ehe er sie auf dem Boden, über zwei Querhölzer, verteilte. Als hätte er mit seinen Bauernhänden noch nie etwas anderes getan. Und er wollte erst gar nicht damit anfangen, wie lächerlich Mike aussah, wie er die Bretter dann mit Nägeln an den Querhölzern befestigte.
Moment!, hielt er seine innere Hasstirade an. Will er etwa...?
„Was zum Teufel machst du da?“, übermannte Calvin die Neugier. Dabei hätte er sich lieber fragen sollen, was mit seiner Stimme geschehen war. Sprach da etwa irgendein alter Tattergreis an seiner Stelle? So krächzend und müde konnte er doch unmöglich klingen.
Mike stand mit dem Rücken zu ihm. Er konnte daher nicht sagen, wie sein Kontrahent auf dieses Zeichen der Schwäche reagierte. Doch kaum dachte er darüber nach, musste sich Calvin über sich selbst wundern. Fast sein ganzes Leben lang war er dazu gezwungen gewesen jegliche Schwäche vor seinen Mitmenschen zu verbergen. Nur so konnte er als der Unantastbare gelten und überleben. Aber wieso klammerte er sich noch immer an diese Hoffnung? Dieser Mann, realisierte er, hat mich geschlagen, getreten, ja beinahe zu Tode geprügelt. Als ob den ein Zeichen von Schwäche interessiert. Wir wissen hier beide, wer der Stärkere ist. Der muss keinen Schwachen Moment ausnützen, um mich fertig zu machen.
„Wonach schaut es denn aus?“, unterbrach Mike sichtlich genervt seine Gedankengänge.
Calvin wollte bereits zu einer schnippischen Antwort ansetzen, aber dieses Mal hielt er sich zurück. Ihm wurde bewusst, dass er sich in keiner Position befand, um Mike aufzuregen. Ab und zu sollte es ja Situationen geben, in denen man lieber schwieg. Vielleicht halte ich dieses Mal die Klappe, überlegte er sich.
„Eine verfluchte Hütte baue ich dir! Oh Gott und das in dieser Hitze. Ich bin so ein Vollidiot!“, platzte es aus seinem Gegenüber heraus.
Nun wusste Calvin, dass es wirklich schlauer gewesen war, seinen Mund zu halten.
 

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Wie hätte Mike auch ahnen können, dass so viel Arbeit hinter einer kleinen Holzhütte steckt? Tag ein, Tag aus werkelte er an diesem Konstrukt aus Holz, denn mehr wollte er es beim besten Willen noch nicht nennen und kam trotzdem kaum voran.
Anfangs schien alles noch nach Plan zu laufen. Seine Idee, wie er einen ordentlichen Boden zimmern könnte, klappte sogar recht gut. Am ersten Tag schaffte er es, trotz Würgemal am Hals und sengender Hitze, alle Dielen zu befestigen. Danach begannen jedoch schon die Probleme. Alleine einen Platz zu finden, der eben genug war, um als geeignetes Fundament zu dienen, stellte sich als unmöglich heraus.
Bei anderen Schwierigkeiten mangelte es Mike oft weder an Material, noch an kreativen Ideen, sondern ganz einfach an Händen. Wofür zwei Leute vielleicht nur ein paar Stunden gebraucht hätten, benötigte Mike alleine schnell einmal einen ganzen Tag. Das wurde von Tag zu Tag frustrierender. Er wollte sauer sein, dass er all das alleine tat, obwohl er es für Calvin machte und seinen Zorn gegen eben jenen richten, aber das gelang ihm nicht so recht.
Wie er, vor ein paar Tagen, Calvins Stimme zum ersten Mal, nach dem nächtlichen Überfall hörte, wollte er kaum glauben, dass da wirklich der frühere Bandenboss sprach. So schwach und niedergeschlagen hatte er ihn noch nie erlebt. Deshalb verstand er auch, wieso sich dieser lieber von dem Zwischenfall erholte und seine Wunden heilen ließ, als beim Bau der Hütte auszuhelfen.
Auch wenn er keinen Groll gegen Calvin halten konnte, so musste er doch zugeben, dass ihn die Arbeitstage immer mehr auslaugten. Am Ende des fünften Tag war es ihm endlich klar, dass er einen Tag Pause brauchen würde. Die Hütte mochte bereits zur Hälfte stehen und ihm bis an die Brust reichen, aber noch war kein Ende in Sicht. Diese Angelegenheit konnte er unmöglich an einem Stück bewältigen.
Müde und kraftlos ließ er sich, an eben jenem Abend, auf seine Matratze fallen und freute sich auf seinen wohlverdienten Schlaf, wie auch schon die Tage zuvor.
Da hörte er sie auf einmal wieder. Die Stimme.
Weißt du, was wir jetzt gut wäre?, flüsterte ihm die Stimme, in seinem Kopf, verführerisch zu. Ein letzter Drink. Nur um auf die alten Zeiten anzustoßen. Danach hören wir ein für alle mal auf. Ich verspreche es dir. Nur ein letzter Schluck.
In diesem Moment wusste er, dass Schlaf in dieser Nacht ein Wunschgedanke bleiben sollte. Die Stimme würde weiterreden und ihm schöne Dinge in sein Ohr flüstern. Aber Mike kannte die wahre Absicht dahinter. Es ging doch immer nur, um das eine letzte Mal. Eine Nacht, ein Drink, ein Schluck sollten angeblich genug sein, um ihm endlich Ruhe zu verschaffen. Ich weiß ganz genau, dass ich nicht nach einem „letzten Mal“ aufhören kann, sprach er sich selbst Mut zu.
Natürlich kannst du das, ging die Stimme auf sein Argument ein. Du hast so lange ohne Alkohol ausgehalten. Was macht da ein kleiner Schluck für einen Unterschied?
„Nein.“, murmelte Mike hörbar. Vielleicht würde sie ja verschwinden, wenn er sich lautstark wehrte, „Aus sage ich!“
Die Stunden verstrichen. Immer wieder wollte ihm die Stimme den einfachen Weg schmackhaft machen, bevor er in Gedanken auf den Tisch haute und Ruhe verlangte.
Ich bin doch nicht dein Feind, begann die Stimme mitten in der Nacht von neuem. Ich will dir helfen. Spürst du nicht, was dieser Entzug mit deinem Körper anstellt? Fühlst du nicht, wie das Herz in deiner Brust rast? Merkst du nicht, wie deine Gewänder durchnässt an dir kleben?
Und tatsächlich. Mike war so konzentriert darauf gegen die Stimme zu argumentieren, dass ihm erst jetzt auffiel, welche Qualen sein Körper durchmachte. Dieser Moment, in dem seine Konzentration nachließ, genügte, um plötzlich alles zu fühlen. Die Müdigkeit, die Erschöpfung und vor allem die Schwäche. Sein Herz pochte so schnell, wie nach der Verfolgungsjagd mit Calvin und auch seine Gewänder waren durchgeschwitzt, wie an jenem heißen Tag.
Schaut es etwa aus, als würde es dir gut tun?, setzte die Stimme nach. Du willst wieder ein besseres Leben führen. Wer will das nicht? Aber hast du es dir so vorgestellt? Du fühlst dich fertig, erschöpft. Wieso? Wieso tust du dir das alles an? Alle machen es, ja sogar viele große Männer. Warum sollte es dir schlechter gehen, wenn du es ihnen gleich tust?
Sie wurde immer lauter. Mike müsste wieder mit aller Entschiedenheit „Nein“ sagen, doch er war viel zu sehr darauf konzentriert, dass ihm gerade sein Herz aus der Brust springen wollte. Das Pochen wurde so laut, dass es nicht nur seinen Brustkorb ausfüllte, sondern auch seinen Kopf. Er konnte kaum noch denken. Sein Verstand war komplett voll mit dem Dröhnen seines Herzens.
Mach schon!, fuhr ihn die Stimme an. Der süßliche Ton von vorhin war verschwunden. Es handelte sich um keine Bitte mehr, sondern um einen Befehl. Schau was es dir antut! Du kannst nicht ohne es Leben! Mach schon. MACH SCHON!
„Ja, aber...“, entwich es Mike. Ihm fiel es zuerst gar nicht auf, doch er hatte das Zauberwort gesagt. „Aber“. Die Schlacht sollte noch etwas andauern, allerdings gab es keinen Zweifel mehr, wer der Sieger des heutigen Abends war.

„Lerne die kleinen Sachen zu schätzen.“ Dieser verfluchte Satz! Wie oft durfte sich Calvin diesen bereits im Laufe seines Lebens anhören? Natürlich hatte er es stets als leere Floskel abgewinkt. Wieso sollte man auf die kleinen Dinge achten, wenn man Großes anstreben konnte? Erst an diesem Abend lernte er, was dieser Satz wirklich bedeutete.
Nach fünf langen Tagen konnte er endlich wieder normal sehen. Was für ein herrliches Gefühl. Die Schwellung war weit genug abgeklungen, dass es ihm gelang sein linkes Auge vollständig zu öffnen. Dabei handelte es sich auch um eine Kleinigkeit, die er bisher stets als eine Selbstverständlichkeit angesehen hatte. Doch das sollte sich ändern! Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie wichtig ihm sein Augenlicht war und dass er darauf in Zukunft achten müsste. Niemals wieder wollte er sich so oft sein Knie stoßen, wie in diesen fünf Tagen.
Abgesehen davon verliefen die letzten Tage ohne Probleme. Es gab keinen Grund für ihn sich zu beschweren. Ein Umstand, den er beim besten Willen nicht begreifen konnte. Der Außenposten bestand lediglich aus drei schäbigen Hütten und in keiner einzigen davon durfte oder wollte Calvin schlafen. Auch sein Körper schien eine einzige Baustelle zu sein, die nur noch aus Schmerzen bestand. Wie in aller Welt schaffte er es da, sich nicht zu beschweren?
Womöglich, weil es auch viel Positives zu berichten gab. Es ging, neben der Rückkehr seiner Sehkraft, wieder bergauf. Seine Wunden verheilten besser, als er es sich anfangs erhofft hatte. Zwar würde die aufgeplatzte Haut wahrscheinlich eine Narbe zurücklassen, aber darüber machte sich Calvin keine Gedanken. Und dann gab es ja auch noch Mike. Dieser werkelte Tag ein, Tag aus an einer eigenen Hütte für ihn. Dabei war es ihm noch immer ein Rätsel: Wieso sollte jemand, wie Mike, etwas derartiges für ihn machen? Allerdings brachte er nie den Mut auf, um wirklich nachzufragen. Schließlich wollte er sein zukünftiges Dach über dem Kopf keinesfalls riskieren.
Das bedeutet jedoch auch, dass er aufhören musste, die ganze Zeit mit schnippischen Äußerungen um sich zu werfen. Gerade diese Aufgabe stellte für Calvin eine unfassbare Hürde dar. Egal wie ein Gespräch begann, Calvin wusste ganz genau, dass er sich irgendwann über Mike lustig machen würde. Wie sollte er auch anders, bei so einem Bauerntrampel.
Notgedrungen hatte sich Calvin, in den letzten Tagen, an einer neuen Taktik versucht. Er wechselte einfach überhaupt kein Wort mehr mit seinem Wächter. Das klappte bisher sogar besser als erwartet. Womöglich half auch, dass die beiden kaum Zeit miteinander verbrachten. Während Mike in der Hitze schuftete, verbrachte Calvin die Sonnenstunde damit, sich im kühlen Gras auszurasten. So gab er seinem Körper die notwendige Ruhe, um sich auszukurieren und sammelte auch die Kräfte, die ihm in jener Nacht abhanden gekommen waren.
Auch an den Abenden kamen keine wirklichen Gespräche auf. Natürlich wurde ab und zu gefragt, ob man noch etwas zu Essen haben wolle oder ob man noch etwas Holz für das Feuer besorgen könnte, aber all das ließ sich mit ein paar „Mhm's“ und etwas Nicken bewältigen. Darüber hinaus begab sich Mike auch meistens, energielos durch die anstrengenden Arbeitstage, recht früh zu Bett.
Es mochte keine Lösung auf lange Frist darstellen, doch diese Art des Lebens funktionierte für Calvin vorerst. Das hieß jedoch nicht, dass er die Chance auf eine Flucht aufgab. Wenn ihm seine Erfahrungen allerdings eine Sache gelehrt hatten, dann, dass er dafür den perfekten Moment abwarten müsste. Ansonsten würde er niemals an Mike vorbeikommen.
Vielleicht erlitt sein Wärter eines Tages einen Hitzeschlag oder verletzte sich anderweitig beim Arbeiten. Dann wäre Calvin bereit zuzuschlagen! Und danach könnte er endlich seine alte Macht zurück erlangen, sobald er diesen gottverdammten Außenposten hinter sich ließ.
Bis dahin musste er allerdings vorbereitet sein. Nie wieder wollte er in die Lage kommen, dass ihm sein verweichlichter Körper im Wege stand. Es lag an ihm selbst, schnellstmöglich wieder auf die Beine zu kommen und sich danach auch weiter abzuhärten. Sein oberstes Ziel musste es sein, endlich wieder der Mann zu werden, der er einst einmal war.
Zu diesem Zeitpunkt konnte er natürlich noch keine Art von Training anstreben. Für seinen Körper war es schließlich schon anstrengend genug, die täglichen Herausforderungen, wie etwa Gehen, zu bewältigen. Allerdings konnte er auch nicht zulassen, dass sich sein Körper an ständige Rast gewöhnte. Er musste sich bewegen. Es wurde daher bald Calvins Gewohnheit, nächtliche Spaziergänge zu unternehmen.
Zu Fuß erkundete er die Gegend, rund um den Außenposten. Zugegebenermaßen gab es nicht viel zu sehen, in dieser trostlosen Gegend und erst recht nicht, wenn die Sonne hinterm Horizont verschwand. Dennoch fühlte er sich jedes Mal voller Energie, wenn er seine Lunge mit der kalten Nachtluft füllte.
 

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Was wohl Mike davon halten würde, wenn er mich so sieht?, ging es Calvin durch den Kopf, während er durch die kühle Nacht schritt. Würde er denken, dass ich wieder fliehen will?
Der Gedanke war nicht bei den Haaren herbeigezogen. Calvin passierte es oft unbewusst, dass er sich auf einmal eine weitere Strecke vom Außenposten entfernte. Ab und zu kam es sogar vor, dass er Probleme hatte überhaupt zurückzufinden. Außerdem musste er selber zugeben, auch schon darüber nachgedacht zu haben, einfach des Nachts zu verschwinden. Anfangs mochte es sich nach einer guten Idee anhören. Die Chance frühzeitig erwischt zu werden war verschwindend gering und selbst, wenn sein Verschwinden bereits in der Nacht auffallen würde, könnte Mike erst in der Früh die Verfolgung aufnehmen. Bis dahin wäre er bereits über alle Berge. Leider sah die Situation nur auf den ersten Blick so rosig aus. Wenn man sich länger damit befasste, musste man bald einsehen. dass man ohne Pferd, Waffen und irgendeiner Art der Orientierung nicht weit kommen würde. Das nüchterne Ergebnis seiner Überlegungen war, dass es ohne diese Hilfsmittel keine Rolle spielte, ob er auf einer einsamen Insel fest saß oder hier im Ödland. Die Wildnis diente als der unsichtbare Zaun dieser Festung.
Mit solchen Gedanken verbrachte Calvin seine Nächte. Runde um Runde drehte er um den Außenposten und lauschte dabei der Stille. Unglaublich, wie schnell man sich an so eine Ruhe gewöhnte. Noch vor ein paar Wochen lebte er in seiner eigenen Villa und selbst in der Nacht, gab es nichts Vergleichbares. Irgendjemand hatte stets etwas zu tun und huschte durch die Gänge.
Es war ein Schock, wie er die ersten Nächte mit Mike in der Wildnis verbrachte. Schließlich lag es bereits Jahre zurück, seit er mit diesem Lebensstil abgeschlossen hatte. Er konnte sich noch erinnern, wie er richtiggehend erschrak, als es außer den Geräuschen der Nacht nichts zu hören gab. Nun, nur eine kurze Zeit später, war es stattdessen der Schreck seines Lebens, wie ein lautes Krachen die Stille der Nacht zerriss.
„Was zum Teufel...?“, murmelte er vor sich hin, während er sich mit eiligen Schritten der Quelle des Lärms näherte – der Materialhütte. Bereits aus der Ferne erkannte er, dass da drinnen etwas vor sich gehen musste. Aus dem Inneren drang das schwache Licht einer Öllampe, das die Umgebung vor dem Eingang erleuchtete. Calvin wusste, dass dieser nächtlicher Radau nur von einer Person ausgelöst werden konnte und dennoch kam in ihm eine gewisse Nervosität auf. Deshalb hielt er sich vorerst bedeckt. Er wollte erst wissen, worum es sich bei dieser Ruhestörung handelte, bevor er sich offen zeigen würde. Vorsichtig, immer bedacht kein unnötig lautes Geräusch zu machen, näherte er sich der belebten Hütte. Die ganze Zeit über drang der Lärm aus der Inneren. Man hörte es Klacken, Krachen und Klopfen. Mike schien nach etwas zu kramen, so viel war ihm klar.
Calvin befand sich in der Zwischenzeit bei der Materialhütte und stahl sich die Wand des Schuppens entlang. Schritt für Schritt näherte er sich dem Lichtschein, der noch immer den Eingang erleuchtete. Seine Finger krallten sich förmlich in das Holz, wie er den Türstock erreichte. Vorsichtig schob er seinen Kopf nach vorne. Es gab keinen Zweifel, dass man ihn nun sehen könnte, doch seine Neugier war bereits viel zu groß, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Er musste sehen, was im Inneren vor sich ging.
Mike befand sich auf allen Vieren inmitten eines Chaos aus Holz. Überall lagen Bretter, Holzklötze und Balken verstreut um ihn herum, während er selbst wie verrückt in einem selbst fabrizierten Krater weiter nach unten wühlte. Um beide Hände zum Suchen verwenden zu können, hatte er seine Lampe an einem Haken, gleich neben der Tür, aufgehängt. Da er jedoch immer tiefer in einem Meer aus Schutt versank, erreichte ihn kaum noch genügend Licht, um weiterarbeiten zu können.
Unzufrieden über diesen Umstand sprang er auf und wollte bereits nach dem Licht greifen, als ihm sich Calvin breitbeinig in den Weg stellte. Erst jetzt schien Mike zu realisieren, dass sich noch eine andere Person im Raum befand. Für einen Moment stand, er vor Schreck erstarrt, in der Unordnung, die er selber verursacht hatte. Es dauerte einige Momente, ehe er seine Fassung wiederfand. Wobei man es kaum Fassung nennen konnte, was Calvin da vor sich sah. Völlig zerstreut, ja beinahe ängstlich, versuchte Mike sich an ihm vorbeizuquetschen, um doch noch zu seiner Öllampe zu kommen.
„Verflucht noch mal, was treibst du hier eigentlich?“, konnte Calvin nicht anders, als entgeistert zu fragen. Was zum Teufel ritt Mike, mitten in der Nacht so einen Radau zu machen? Wie er Mike und auch sich selber diese Frage stellte, erhellte der schwache Schein des brennenden Petroleums die Züge seines Wärters und gab einen erschreckenden Anblick preis. Das war nicht der Mann, der ihn vor einigen Tagen halb tot geprügelt hatte. Vor ihm stand ein gebücktes Männchen mit kreidebleicher Haut und verschwitztem Gewand.
„Lass mich in Ruhe, Calvin.“, zischte Mike. Vor einigen Tagen noch wäre Calvin vor ihm gewichen, wohl wissend, was ihn ansonsten erwarten würde, aber Mikes Stimme besaß seine Kraft mehr.
„Geh mir schon aus dem Weg!“, drohte Mike erneut. Doch Calvin stand unbeweglich an seinem Platz. Dieser Mann machte ihm keine Angst mehr, egal wie viel er drohte und fluchte.
„Sag schon was hier los ist.“
„Das verstehst du nicht. Jetzt lass mich endlich in Ruhe weitersuchen!“
„Suchen? Was zum Teufel musst du um diese Uhrzeit hier suchen?“
„Lass mich durch!“, schrie Mike und raste auf Calvin zu. Dieser wusste ganz genau, wie ihre letzte Begegnung geendete hatte, aber dieses Mal war es anders. Calvin genügte es seinen Wärter anzuschauen, um ein Gefühl der Überlegenheit zu spüren. Diese blasse, verschwitzte Haut und die mit Furcht und Scham gefüllten Augen, alles zusammen gab ihm den Mut nicht zu weichen. Stattdessen hob Calvin sein rechtes Bein und erwartete sein Gegenüber mit einem kräftigen Tritt, wie es einst Mike bei ihm gemacht hatte. Wie dieser daraufhin rückwärts auf die Hölzer fiel, fühlte Calvin bereits die wohlwollende Wärme der Rache. Welch ein herrliches Gefühl, das er vollends auskosten wollte. Leider machte ihm da sein Körper einen Strich durch die Rechnung. Noch immer in der Phase der Erholung schien es keine gute Idee gewesen zu sein, eine solche Kraftanstrengung zu vollführen. Die Rechnung bekam er sofort serviert. Ein heftiger Stich in seiner eigenen Magengegend, dort wo ihn Mike noch vor einigen Tagen erwischt hatte, ließ ihn ebenfalls zusammenklappen.
Was für eine Ironie, schoss es Calvin durch den Kopf, wie er sich vor Schmerzen gekrümmt, auf seinen Hintern fallen ließ. Zum Glück ließ das Stechen bereits nach kurzer Zeit nach, denn das Letzte was Calvin wollte war, dass sich Mike in dieser Situation wieder auf ihn stürzen würde. Er richtete sich so schnell wie möglich auf und bereitete sich mental schon auf die nächste Runde vor, doch Mike lag noch immer regungslos in der Müllhalde, die er selber geschaffen hatte. Mehr als alles andere wunderte sich Calvin, wieso sein Kontrahent liegen blieb. Weder sein Tritt noch der Sturz durften sich als kräftig genug bezeichnen, um Mike ernsthaft verletzen zu können. Dennoch lag Mike weiterhin auf seinem Rücken und starrte die Decke der Hütte an. Wären Calvin nicht bereits lauter Unstimmigkeiten aufgefallen, spätestens bei diesem Blick hätte er gewusst, dass hier etwas faul war. Diese glasigen Augen passten keinesfalls zu dem Mann, als den er Mike kannte. Und fing dieser jetzt sogar zu weinen an?
„Du verstehst das nicht.“, flüsterte Mike. „Ich brauche das.“
„Ich habe keine Ahnung, was du brauchst! Sag endlich, warum du mitten in der Nacht so einen Radau machst.“, kam es harsch von Calvin zurück. Was interessierte es ihn schon, wenn ein erwachsener Mann, wie Mike, vor ihm in Tränen ausbrach? Für Sympathien war es schon lange zu spät.
„Ich will es ja gar nicht, aber ich brauche es. Die Stimme gibt sonst keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ich nicht aufpasse, flüstert sie mir wieder ins Ohr.“
Langsam bekam Calvin das Gefühl, dass die Worte weder an ihn gerichtet, noch für seine Ohren im Speziellen bestimmt waren. Mike schien sie vielmehr in den Raum zu stellen. Er wollte sie sich von der Seele reden. Dabei spielte es keine Rolle, wer zuhörte.
„Ich versuche sie zum Schweigen zu bringen. „Genug. Ich hör nicht auf dich“, sage ich immer. Dann ist sie für eine kurze Zeit ruhig, aber ein paar Minuten später fängt sie erst recht wieder an. Sie soll endlich ruhig sein. Ich kann nicht mehr!“
Stark zitternd richtete sich Mike auf. Er sah noch kraftloser aus, als noch vor ein paar Minuten, aber das hinderte ihn nicht daran sich aufrecht vor Calvin zu stellen und ihn mit diesen glasigen Augen ins Gesicht zu schauen.
„Ich kann nicht mehr! Ich brauche dieses verdammte Zeug. Es zerstört mich, aber es noch schlimmer, wenn ich es nicht trinke.“