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Das Ende ist nah

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Draußen an der frischen Luft sah er sofort, dass die Natur auf seiner Seite war. So hell wie der Mond diese Nacht erleuchtete, sollte es für Calvin ein Leichtes sein, den Spuren der beiden Männer zu folgen. Nur ab und zu schob sich eine Wolke am Himmel vor die natürliche Lichtquelle und verdunkelte die Welt um ihn herum. Erstaunt beobachtete Calvin den seltenen Anblick von Wolken in dieser Gegend. Davon ließ sich er jedoch nicht ablenken, sobald er den Spuren der beiden Reiter zu folgen begann.
Sein Plan sah im Grunde genommen ganz einfach aus. Er würde ein bis zwei Stunden den Unbekannten folgen und wenn er bis dahin noch immer nichts von den Fremden fand, wusste er, dass es sich bei ihnen nicht um die Männer aus Ronstown handelte. Wenn er sie allerdings antreffen sollte, dann müsste man sich wohl doch wundern, wieso sie so nahe am Außenposten lagerten, obwohl sie seit dem Nachmittag noch einige Stunden Zeit hatten, um weiterzureiten.
Es gab allerdings etwas, worüber sich Calvin noch immer den Kopf zerbrach. Angenommen er fand den Lagerplatz der beiden, wie sollte er sich am besten an sie heranschleichen? Die Gegend war nicht gerade berühmt für ihre guten Versteckmöglichkeiten. Es gab keine dicken Baumstämme, Sträucher oder größere Steine. Egal wohin man sah wuchs nur ein wenig mageres Gras und hier und da ein vertrockneter Baum. Wobei man bei diesen toten, faustdicken Stämmen wohl nicht mehr vom Wachsen sprechen konnte.
Wie Calvin der Fährte vor ihm durch die kühle Nacht folgte, verlor er einmal mehr sein Zeitgefühl. Es konnten bereits fünfzehn Minuten vergangen sein oder dreißig oder gar schon eine Stunde. Für Calvin machte es keinen Unterschied. Erst als er sich einmal umdrehte und vom Außenposten keine Spur mehr zu sehen war, bemerkte er wie lange er schon fort sein musste. Das hielt ihn jedoch nicht auf. Immer wieder sagte er zu sich selber, dass er nur noch eine Minute suchen würde. Dass er ihnen bereits weit genug gefolgt sei. Aber jedes Mal verstrich die Minute und doch ging er weiter. Schritt für Schritt, Minute um Minute. Die Welt um ihn herum schien sich nicht im Geringsten zu verändern, abgesehen davon, dass sich immer öfters Wolken vor den Mond schoben. In diesen Momenten der Finsternis, blieb Calvin nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und abzuwarten. Er konnte es sich nicht leisten im Dunkeln weiterzugehen und womöglich die Spur zu verlieren. Damit hätte er nicht nur seine Chance zunichte gemacht, jemals die beiden Männer einzuholen, sondern auch wieder zurück zum Außenposten zu finden. Allerdings ärgerte er sich über jede Pause. Als Fußgänger kam er sowieso viel zu langsam voran. Da konnte er sich solche Unterbrechungen nicht erlauben.
Noch viel schlimmer war jedoch das Gefühl, welches sich seinen Weg in sein Bewusstsein bahnte. Dieses Bauchgefühl, dass er sich doch irrte. Dass es sich vielleicht wirklich nur um zwei unschuldige Arbeiter handelte, die einfach zu blöd waren eine Karte zu lesen. Seine Hoffnung begann langsam zu schwinden.

Calvin gehörte ganz bestimmt nicht zu den Leuten, die an das Schicksal glauben. Seiner Ansicht nach, sollte jeder selbst über sein Leben bestimmen und die damit verbundenen Entscheidungen in die eigene Hand nehmen. Dennoch musste er zugeben, dass es sich wie Bestimmung anfühlte, wie genau in jenem Moment, als die Zweifel kamen, sich vor ihm ein rötlicher Schein vom Nachthimmel abhob.
Damit wusste Calvin, dass sich seine Vermutung bereits bestätigt hatte. Egal was er noch hören würde, niemand konnte ihm erzählen, dass zwei harmlose Männer so nahe am Außenposten ihr Lager aufschlugen und dann um diese Uhrzeit auch noch ein üppiges Feuer brennen ließen. Die Freude über diesen Triumph wehrte allerdings nur kurz, denn gleichzeitig wurde damit auch sein größter Albtraum zur Realität. Nun wusste er, dass sich dort vorne das Duo befand, welches ihm an den Kragen wollte.
Jetzt benötigte Calvin Fingerspitzengefühl. Wie vermutet gab es in der näheren Umgebung keine ersichtlichen Versteckmöglichkeiten. Das einzige größere Objekt schien einer dieser verdorrten Bäume zu sein, die Calvin bereits den ganzen Abend lang auffielen. Dieser stand jedoch genau neben dem Lager und schien als Gestänge für die Pferde zu dienen. Die Pferde!, schoss es Calvin auf einmal durch den Kopf. Mit etwas Geschick mochte es ihm gelingen die Tiere als Sichtschutz zu benutzen. Nicht, dass das ungefährlich gewesen wäre. Ja, wenn Calvin so darüber nachdachte, kam es ihm sogar wie eine verrückte, wenn nicht sogar hirnrissige Idee vor. Schließlich würden die Tiere nervös werden, sobald sie ihn rochen. Momentan half ihm der Wind, indem er Calvin ins Gesicht blies und seinen natürlichen Geruch in die andere Richtung wehte. Das würde ihm allerdings nicht helfen, falls sich der Wind drehte oder er zu nahe an die Pferde herankam. Aber Calvin blieb keine andere Wahl. Egal wie lange er auch darüber nachdenken mochte, es war die einzige Option, wenn er nicht offen in ihr Camp hineinspazieren wollte.
Wie er sich vorsichtig den Tieren näherte, durfte Calvin beruhigt feststellen, dass er seine leise Gangart behalten hatte. Da mochte er noch so verweichlicht von seinem Leben unter Reichen sein, aber seine lautlosen Schritte konnte ihm niemand austreiben. Das hing womöglich auch daran, dass es nichts besseres gab, um aufmüpfige Diener zu entlarven, als sich hinter einer Ecke zu verbergen und sie offen reden zu lassen.
Meter um Meter schob er sich dem Lager seiner Feinde entgegen. Bald durfte er sich dem Lager nicht mehr aufrecht nähern, sondern musste eine gebückte Haltung einnehmen. Als ihn selbst das zu auffällig werden ließ, fing er an den Rest der Strecke auf seinem Bauch zu robben. Zum Glück lagen die Tiere bereits gemütlich nebeneinander. Ansonsten hätte sich Calvin überhaupt nicht anschleichen können. So blieb er vom Schein des Feuers geschützt, auch als er keine fünf Meter entfernt am Boden lag. Wie er den Tieren immer näher kam, musste er sich wundern. Seine schlimmste Befürchtung schien wahr zu werden, denn die Pferde schnaubten und wieherte ohne Ende. Allerdings verstand Calvin nicht wieso. Sie hatten bereits damit begonnen, noch lange bevor er in ihre Nähe gekommen war.
„Verdammt, Ken! Die verfluchten Viecher führen sich schon den ganzen Abend so auf. Das ist ja nicht zum Aushalten!“, hörte Calvin einen der beiden Männer schreien. Welcher genau konnte er nicht sagen, da ihm die Tiere seine Sicht blockierten.
„Und was soll ich dagegen machen?“
„Hör endlich auf mehr Holz rein zu schmeißen! Der Rauch macht mich ja schon halb blind.“
Da stimmte ihm Calvin ohne Widerworte zu. Seit er es geschafft hatte sich nahe genug an den Tieren zu positionieren, musste auch er die Rauchschwaden ertragen. Doch das konnten unmöglich ein normaler Rauch sein. Er besaß einen so beißenden Geruch, dass sich Calvin mit ziemlicher Sicherheit die Lunge verätzte. Es gab jedoch noch einen weiteren Grund, weshalb er sich wegen dem Rauch Sorgen machte. Dieser löste bei ihm einen enormen Hustenreiz aus. In der Zwischenzeit hatte er Schwierigkeiten sich auf das Gesprochene zu konzentrieren, weil er mit aller Kraft einen Hustenanfall unterdrücken musste.
„Sei doch still! Willst du etwa das ganze gute Holz hier liegen lassen? So hat es wenigstens noch einen Nutzen.“
„Hättest ja nicht gleich den halben Wald roden müssen.“
„Zwei tote Bäume sind noch lange kein Wald.“
„Oh. Schaut alle mal her. Ken, der Typ, der sich mit Worten auskennt.“
„Oh mein Gott, der war schlecht.“
„Hehe. Aber hör jetzt wirklich auf Holz ins Feuer zu werfen.“
„Nein. Hast du den Typen von heute nicht gehört? Wir sind hier im Indianergebiet. Will den Roten sehen, der sich jetzt an uns ran schleichen kann.“
„Aha. Und hast du schon mal dran gedacht, dass sie uns jetzt umso besser sehen?“
„Vielleicht. Dann werden sie aber auch gleich wissen, dass man sich mit uns nicht anlegt.“
„Hast du jetzt komplett den Verstand verloren? Schau uns doch an. Mit diesen Fummeln, fürchtet sie doch kein Schulmädchen vor uns.“
„Verdammt, du hast Recht. Das kommt davon, wenn man auf deine tollen Ideen hört.“
„Wir wurden nicht erkannt, oder? Damit hat mein Plan geklappt.“
„Na gut, aber mussten wir uns denn wirklich auch die Bärte abrasieren. Ich merke erst jetzt wieder, wie kalt es ohne ihn ist.“
„Hättest du riskieren wollen, dass uns dieser Typ erkennt?“
„Welcher jetzt? Den, den wir getroffen haben oder den, den wir suchen?“
„Na, den Gesuchten. Ah, wie war sein Name noch mal. Irgendwas mit C am Anfang.“
„Und wenn schon. Den haben wir doch sowieso nicht gesehen. Nur diesen anderen da.“
„Ja, aber wenn er uns gesehen hätte, dann hätte er uns nicht erkannt.“
„Also willst du mir sagen, dass ich meinen Bart für die Chance geopfert habe, dass wir einen Typen antreffen, der uns vielleicht erkennt?“
„Ja. Schließlich wären all unsere Pläne – Oh mein Gott! Jetzt hör endlich auf da Holz rein zu werfen!“
„Mir ist aber kalt!“
Musste Calvin überhaupt noch mehr hören? Es gab keinen Zweifel mehr, dass es sich bei den beiden tatsächlich um die Unbekannten aus Ronstown handelte. Auch wenn sie ihm nun nicht mehr komplett unbekannt waren, denn von Ken wusste er in der Zwischenzeit sogar den Namen. Damit hatte Calvin genug gehört, um Mike endlich den Beweis zu bringen. Nun musste er ihm einfach glauben und zur Seite stehen. Die beiden würden zusammen das Lager noch einmal aufsuchen und sich dieser beiden Scherzbolde entledigen. Bevor er jedoch dazu kam abzuhauen, setzten die beiden ihr Gespräch lautstark fort. Calvins Neugier war zu groß, um ihn jetzt einfach davonschleichen zu lassen.
„Sei nicht so ein Jammerlappen. Wenn du willst, können wir dann aufbrechen. Sollte spät genug sein.“
„Was machen wir jetzt eigentlich mit dem anderen?“
„Wenn er sich wehrt, erschießen. Wenn er brav ist, dann soll er doch machen, was er will.“
„Klingt nach einem Plan.“
„Na gut. Dann brechen wir endlich auf, bevor ich an dem Rauch noch ersticke.“
 

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In diesem Moment begriff Calvin erst, was es hieß, wenn einem die Neugier zum Verhängnis wurde. All die Geschichten, von zu neugierigen Kindern machten plötzlich Sinn. Es wäre ihm in der Zwischenzeit ohne Probleme möglich gewesen, sich wegzuschleichen. Nur weit genug, um nicht gesehen zu werden, aber das hätte bereits gereicht. Doch nun lag er da, hinter den Tieren, die sich in Erwartung ihrer kommenden Besitzer aufrichteten. Zentimeter für Zentimeter sah Calvin die Bewegung in Zeitlupe vor sich, unfähig auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen. Jeden Moment würden sie ihn sehen, wenn das Feuer erst einmal durch die Beine der Tiere schien. Und dann? Die beiden Männer besaßen mit Sicherheit Waffen. Richtige Waffen, die Kugeln verschossen. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie begreifen würden, was los war? Wie lange, bis sie zu ihren Waffen griffen und die ersten Kugeln Calvins Körper durchsiebten?
Das konnte er nicht zulassen. Das durfte er nicht! Ihm blieb nur eine Möglichkeit. Es war egal, ob er sich nun einer Übermacht gegenüber befand oder mit einer Waffe kämpfte, die er nicht im Geringsten beherrschte. Und wie ging das Sprichwort noch einmal? Nimm kein Messer zu einer Schießerei mit? All das interessierte ihn in diesem Moment aber nicht mehr. Wieso auch? Was hatte er schon zu verlieren? Sterben würde er sowieso, wenn er nichts unternahm.
Bevor sein Gehirn überlegen konnte, was er nun am besten machen sollte, reagierte sein Körper instinktiv. Mit einem Satz richtete sich Calvin vollends auf und sah seinen zwei Gegnern in die Augen. Er wird wohl nie die Überraschung in ihren Gesichtern vergessen, wie sie ihn auf einmal hinter ihren Pferden aufspringen sahen.
Doch dem Anblick der beiden Männer schenkte er nur einen Augenblick Beachtung, denn sein Körper bewegte sich bereits weiter. Surrend schwang die Axt durch die Luft. Durch Calvins Arm raste eine Schockwelle, wie das Metall auf den knorrigen Baumstamm traf. Bis hinauf zur Schulter spürte er den Schmerz. Nun konnte man sich natürlich die Frage stellen, wieso zum Teufel Calvin in so einer Situation auf einen Baum einhackte. Allerdings hatte er nicht versucht den Baum zu erwischen, sondern die Riemen davor, die die Pferde an Ort und Stelle hielten. Obwohl die beiden eng zusammenhingen schaffte es Calvin nur einen zu zerschneiden. Das genügte ihm jedoch. Wieder sauste die Axt durch die Luft, aber dieses Mal landete sie äußerst weich, wie sie sich in das Hinterteil des losen Pferdes eingrub. Als Dank dafür riss ihm das Tier beinahe seinen Arm aus, als es wie verrückt zu rennen begann und sich das Beil noch immer in dessen Fleisch befand. Calvin hielt dennoch fest an seiner Waffe. Er konnte es sich nicht erlauben, sie zu verlieren. Das Pferd hingegen dachte nur noch an eines: Flucht. Daran konnte keine Calvin etwas verhindern, der es in letzter Sekunde schaffte das Beil aus dem Hinterteil des Pferdes zu ziehen, aber auch nicht der Besitzer, der gerade vor dem Tier stand. Die Hufe machten keinen Halt, auch wenn sie unter sich Knochen brachen und Eingeweide zerdrückten.
Zu sehen, wie jemand von einem Pferd niedergeritten wird, war wahrlich kein schöner Anblick sein. Dass es den Mann ohne Namen allerdings so mitnehmen würde, hätte Calvin nicht erwartet. Dieser schien gar nicht zu bemerken, wie Calvin einen Schritt in seine Richtung machte, während er den zertrampelten Körper seines Partners anstarrte. Er übersah auch den Zweiten, Dritten und Vierten. Erst beim letzten und fünften Schritt schien es ihm endlich zu dämmern. Doch da flog das Beil schon durch die Luft. Calvin wäre beinahe davon überzeugt gewesen, dass sich sein Gegner in letzter Sekunde doch noch zur Seite hat schmeißen können und dass er stattdessen einen weiteren Baum getroffen hatte. Genauso fühlte es sich nämlich an. Der selbe Ruck wie beim knorrigen Gehölz sauste durch seinen Arm und hinterließ eine Welle von Schmerzen. Das war nun einmal den Preis, den man zahlen musste, wenn man auf ein Stück unnachgiebiges Holz einschlug oder, wie in dem Fall, auf einen menschlichen Schädel.
Dieses Mal hielt Calvin aber nicht verbissen die Axt fest. Dazu wäre er auch gar nicht mehr in der Lage gewesen. In der Sekunde, als er das Leben aus den Augen seines Gegners verschwinden sah, verließ ihn all seine Kräfte. Der Kampf mochte nur ein paar Sekunden gedauert haben und doch fühlte sich Calvin, als hätte er einen stundenlangen Kraftakt hinter sich gehabt. Gerade, dass er es noch schaffte sich auf den Beinen zu halten.
Stark schnaubend stützte er sich auf seine Knie auf, während er sein Werk betrachtete. Der Namenlose lag auf der Erde, die Axt tief zwischen Schläfe und Stirn vergraben. Alleine beim Anblick hätte sich Calvins Abendessen am liebsten seinen Weg an die Oberfläche gebahnt. Zum Glück hatte er keines gegessen. Als ob noch mehr nötig gewesen wäre, um ihn Schusswaffen bevorzugen zu lassen. Ja, ein Kopfschuss sah scheußlich aus, doch nichts im Vergleich zu einem gespaltenen Kopf. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu beobachten, wie die Hirnmasse langsam über die Schneide des Beils lief und anschließend auf den Boden tropfte, denn die Energie um sich wegzudrehen besaß er beim besten Willen nicht mehr. Wenigstens dachte er das.
Vermutlich wäre es auch so gewesen, hätte er hinter sich nicht auf einmal dieses Geräusch gehört, als würde man die Luft aus einem Blasebalg entweichen lassen. Er wirbelte herum, aber es war bereits zu spät. Das zweite Pferd, mit einem menschlichen Körper quer über den Rücken liegend, sauste davon. Er konnte nur beobachten, wie das Tier mit seinem Reiter aus dem hell beleuchteten Kreis des Feuers verschwand, ehe es von der Dunkelheit geschluckt wurde. Zugegeben, Calvin war davon mehr als beeindruckt. Dieser Ken schien es trotz eines eingetretenen Brustkorbs geschafft zu haben sich auf das Pferd zu hieven und dachte dabei noch genug mit, um in die einzige Richtung zu reiten, in der er sich Rettung erhoffen durfte. Dem Außenposten entgegen. Nicht, dass es ihm viel nützen würde. Bei solchen Verletzungen konnte einem niemand mehr helfen. Er bezweifelte sogar, dass es dieser Ken lebend zum Außenposten schaffte. Womöglich blieb er deshalb so ruhig, auch wenn ihm einer der beiden Halunken gerade entwischt war. Die Zeit würde früh genug beenden, was er begonnen hatte. Damit wendete er sich wieder Kens namenlosen Begleiter zu. Es gab nämlich eine Frage, die Calvin mehr beschäftigte, als alles andere in diesem Moment. Wieso waren sie hinter ihm her?
Es mangelte ihm nicht an einer Liste von Taten, weshalb jemand den Wunsch hegen könnte ihn zu verfolgen. Aber welche genau war ausschlaggebend für diese beiden? Welcher Mensch verspürte solches Unrecht, dass er ihm zwei Kopfgeldjäger auf den Hals hetzen wollte?
Calvin kniete sich neben den Toten und durchsuchte dessen Taschen. Allerdings wollte er nichts stehlen. Tragisch, dass man das immer dazu sagen musste, um nicht gleich als Leichenschänder zu gelten. Wobei man auch diese verwerfliche Tat auf Calvins Liste finden konnte, wenn man seine Anfänge betrachtete. Damals allerdings noch auf Befehl seines Ziehvaters. Gerade diese Erfahrung kam Calvin nun jedoch zu gute, da er genau wusste, wie man einen Körper ordentlich absuchte. Es gab keine Tasche, kein Fach und keinen eingenähten Gegenstand, den er nicht hätte finden können. Leider schien der Geselle nichts von Interesse bei sich zu haben. Calvin musste hoffen, dass ihm etwas in den Satteltaschen weiterhelfen könnte.
Es fühlte sich vielversprechend an, wie Calvin mit seiner Hand in eine der Taschen griff und bereits etwas Papierenes zwischen seinen Fingern fühlte. Und tatsächlich. Erneut von der Neugier gepackt riss er das Blatt heraus und begann sofort damit es durchzulesen. Darauf stand geschrieben:

BELOHNUNG
10.000$
Wird bezahlt für die Gefangennahme oder den Beweis des Todes von
CALVIN HARDIN
Gesucht wegen Diebstahl, Raub, Mord und anderer Verbrechen, die den Frieden und die Würde Amerikas bedrohen.

Letzter bekannter Aufenthaltsort in der Nähe der Stadt Ronstown, Colorado. Es handelt sich um einen schlanken Mann mittleren Alters mit schwarzen Haaren und braunen Augen. Größe etwa 1.75 Meter.

Darunter befand sich ein Bild, dass ihn bei seinem letzten großen Pokerturnier darstellte. Die Seite schloss darunter mit folgenden Worten ab:

Gezeichnet:
James Limburger
U.S. Marschall

Calvin las die Worte immer wieder und doch wollten sie keinen Sinn ergeben. Wieso handelte es sich hier um einen offiziellen Steckbrief der Behörden?
„Ich dachte Mike hatte eine Abmachung mit dem Marschall.“, murmelte er vor sich hin. So hatte es ihm Mike wenigstens erzählt. Für einen großen Teil der Farmen, die er früher besaß, sollten die Anklagen gegen ihn fallen gelassen werden, damit Mike sich nicht schuldig machte einen Verbrecher Unterschlupf zu gewähren. Aber dem schien nicht so zu sein. Calvin begriff allmählich, dass die beiden nur die Spitze des Eisberges waren und dass noch viele kommen sollten. Und alle würden sie hinter ihm und vor allem dem Geld her sein. Auf einmal fühlte sich die Nacht nicht mehr so hell an. Calvin spürte, wie die Dunkelheit um ihn herum näher kam, ihm entgegen kroch. Es dauerte allerdings eine Weile bis Calvin begriff, dass das nicht nur ein Gefühl war. Wie er zum Himmel empor sah, stellte er fest, dass sich die Wolkendecke in der Zwischenzeit zugezogen hatte und kein Licht vom Nachthimmel mehr durchließ. Auf einmal gab es keinen Mond mehr und keinen einzigen Stern, nur noch das Feuer neben ihm. In dem Moment traf ihn der erste Regentropfen auf der Stirn.
 

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„Ich will endlich schlafen!“, hörte man Mike durch seinen Polster jammern. Ein einfacher Wunsch und doch unmöglich zu erfüllen. Dabei lag es dieses Mal nicht einmal an seinem Entzug! Die Stimme mochte ihn ab und zu noch versuchen zu verführen, aber den Schlaf konnte sie ihm schon lange nicht mehr rauben. Dennoch war es nun bald vier Uhr und Mike lag bereits seit einer Stunde hellwach in seinem Bett, denn solange regnete es bereits draußen in Strömen. Allerdings hörte es sich keineswegs nach Regen an. Mike hätte es in keinster Weise überrascht, wenn vor seiner Tür zwei Armeen aufeinander gestoßen wären, denn nur so konnte er sich den Lärm erklären, der einem Kugelhagel glich. Genügte es denn nicht, dass es einen Jahrhundert-Regen gab? Wieso musste auch noch ein so scharfer Wind einsetzen, dass seine Hütte zu wackeln begann und sich die Tropfen wie Gewehrschüsse anhörten?
Auf einmal stellten sich Mikes Nackenhaare auf. Er wusste nicht warum, aber er spürte, dass irgendetwas nicht stimmte. Eine Ahnung, wenn man so sagen wollte. In all diesem Getöse, den der peitschende Regen verursachte, hörte er noch etwas anderes. Wenigstens bildete er es sich ein, denn als er im nächsten Moment genau darauf achtete, konnte er nichts mehr ausmachen. Doch das ungute Gefühl blieb.
Viel Überwindung brauchte es nicht, um aus dem Bett zu kommen. Er hatte sich schon längst mit der Tatsache abgefunden in dieser Nacht keinen Schlaf mehr zu finden. Sorgen bereitete ihm hingegen das Wetter. Von den Blitzen und dem Donner, der ebenfalls seit einer halben Stunde im Orchester der nächtlichen Krawallmacher mitspielte, abgesehen, holte man sich bei so einem Wetter schnell eine Lungenentzündung. Vorsichtshalber heizte Mike daher mit seinem kleinen Ofen ordentlich ein. So konnte er sich nachher, als Durchnässter, wenigstens gleich wieder aufwärmen.
Dann trat Mike ins Freie. Der erste Schritt war bei weitem am schlimmsten. Er beförderte Mike von seiner wohlig warmen Hütte in etwas, das er nur mit dem Weltuntergang vergleichen konnte. Es herrschte tiefste Finsternis, sodass sich Mike im ersten Moment richtig darüber freute doch noch eine Öllampe mitgenommen zu haben. Viel brachte sie ihm allerdings nicht, denn der Regen bildete nach einem Meter eine Wand, durch die das Licht nicht zu dringen vermochte. Es blieb Mike daher nichts anderes übrig als sich vorsichtig vorzutasten, in der Hoffnung das komische Geräusch noch einmal zu hören. Beides stellte sich als schwieriger heraus, als Mike anfangs gedacht hatte. Zugegeben, er war bereits darauf eingestellt, dass er kaum etwas hören würde. Schließlich konnte er vor einigen Minuten schon im Inneren seines Hauses, kaum sein eigenes Wort verstehen. Das Gehen stellte sich jedoch als noch schwieriger heraus. Ja, es wurde beinahe zur unmögliche Herausforderung. Der Wind versuchte ihn von einer Seite auf die andere zu schleudern. Da freute sich Mike sogar, dass er nicht vom Fleck konnte, weil seine Füße im matschigen Boden stecken blieben. Leider half das nur bedingt, wenn man, wie Mike, nicht nur dem Wind widerstehen, sondern auch vorwärts kommen wollte. So stapfte er mühselig durch die Gegend, stets bemüht weder hinfort geweht zu werden noch zu versinken. Einen Vorteil hatte die ganze Angelegenheit jedoch. Seine Müdigkeit verabschiedete sich augenblicklich. Wer konnte schon an Schlaf denken, wenn es sich anfühlte, als würden einem lauter kleine Nadeln ins Gesicht geschleudert werden?
Die meisten wären in einer solchen Situation hoffnungslos verloren, aber nicht Mike. Er besaß einen Plan. Er wollte dem Zaun um den Außenposten folgen, in der Hoffnung das Geräusch noch einmal zu hören. Damit war er nicht dazu verdammt ziellos durch sein Anwesen zu geistern. Die Schwierigkeit lag jedoch darin erst einmal eine Seite des Zaunes zu finden. Egal wie lange er geradeaus ging, die Dunkelheit schien kein Ende zu nehmen. Beinahe war er zur Überzeugung gekommen, dass er durch das offene Tor gelaufen sei, als er endlich die hölzerne Begrenzung fand. Von hier aus stapfte er im Uhrzeigersinn um den Außenposten herum. Wenigstens glaubte er diese Richtung eingeschlagen zu haben. Sich zu orientieren fiel ihm unweigerlich schwerer, wo er doch nichts als Regen sah, Prasseln hörte und Nässe spürte. Das Gewitter umgab ihn und füllte all seine Sinne. Mit der Zeit bildete er sich sogar ein es riechen und schmecken zu können.
„Eins. Zwei“, zählte Mike die Ecken, an denen er vorbei kam, laut mit. Auf diese Weise sollte er später wissen, wann seine Runde beendet war.
Das Wort „Zwei“ wurde gerade erst von dem Getöse des Regens geschluckt, als Mike inne hielt. Er hatte dieses Geräusch wieder gehört. Dieses Mal sogar um einiges deutlicher, als zuvor. Es klang wie das Wiehern eines Pferdes. Aber wie konnte das möglich sein? Beide Pferde befanden sich in ihrem Stall, davon überzeugte er sich schließlich jeden Abend bevor er schlafen ging. War vielleicht die Tür durch die Böen aufgerissen worden? Besaß der Wind wirklich so eine gewaltige Kraft?
Zügig versuchte Mike zur Quelle des Geräusches vorzudringen. Mit jedem Schritt wurden die Laute klarer. Man musste kein Tierliebhaber sein um festzustellen, dass das Tier eine Todesangst durchlebte. Das Pferd war in der Zwischenzeit dermaßen laut, dass Mike annahm jeden Moment dagegen zu laufen. Es fehlten ihm allerdings noch gut vier Meter, ehe der Schein seiner Öllampe endlich ein Lebewesen zum Vorschein brachte. Es handelte sich jedoch um kein Pferd.
Über dem Zaun hing ein Mensch! Der Oberkörper baumelte innerhalb des Geländes, während außerhalb die Beine zu sehen waren. Allerdings schien der Körper nicht aufzuhören. An den Beinen oder besser gesagt am rechten Bein, befand sich noch etwas, das mit aller Gewalt versuchte sich von dem Mann fortzureißen. Jetzt erkannte Mike auch endlich, was die ganze Zeit wieherte. Durch den Reitbügel noch immer mit seinem Besitzer verbunden, stand ein Pferd außerhalb des Zaunes. Der Mann hatte bei seinem Sturz scheinbar einen der Querbalken zerbrochen und befand sich nun zwischen den beiden Hälften. Je stärker des Tier zog, desto stärker drückte die Holzstücke gegen die Seiten des Besitzers, was das Pferd veranlasste nur noch mehr Zug aufzubringen. Mike wusste nicht, wie lange dieses Spielchen andauerte, aber das Tier schien bereits all seine Kräfte aufgebraucht zu haben und machte nur noch halbherzige Versuche sich zu befreien. Mike konnte nicht mehr zuschauen. Es gehörte einiges an Geschick dazu, um sich so weit über den Zaun zu beugen und den Riemen zu zerschneiden, ohne die Lampe in der anderen Hand fallen zu lassen oder vom Wind umgeworfen zu werden, doch Mike glückte es. In dem Moment, als die letzte Faser der Leine ihren Geist aufgab und das Pferd seine neuerlich erlangte Freiheit bemerkte, schoss es wie ein Pfeil in die Dunkelheit davon. Einmal Blinzeln später war es bereits verschwunden. Übrig blieb lediglich der Besitzer, der nun schlaff im Zaun hing. Mike mochte kein Arzt sein, aber es gehörte nicht viel dazu, um zu erkennen, dass dieser Mann tot war.
Vielleicht auch nur bewusstlos, klammerte sich Mike an die Hoffnung. Dann erinnerte er sich jedoch daran, wie sich die Bretter unter dem Zug des Pferdes in den Besitzer hineingebohrt hatten. Spätestens da musste es für den armen Kerl vorbei gewesen sein.
Egal was nun der Fall gewesen sein mag, Mike konnte den armen Tropf unmöglich so hängen lassen. Leider musste er schnell feststellen, dass sich das als schwerer als anfangs vermutet herausstellte. Unter anderen Umständen wäre es ihm vielleicht gelungen, aber mit nur einer Hand war es ein Ding der Unmöglichkeit. Er hätte seine Öllampe wegstellen müssen, um eine weitere Hand freizubekommen. Allerdings würde diese dann sofort vom Wind umgeworfen werden. Und dann? Wie sollte er ohne Licht wieder zu seiner Hütte finden?
Mike blieb nichts anderes übrig, als nach einigen Versuchen erfolglos aufzugeben, und zu versprechen, den Leichnam bei besserem Wetter zu bergen. Allerdings stellte sich ihm noch eine Frage, ehe er den Leichnam in Ruhe lassen konnte. Was zum Teufel machte überhaupt ein Toter in seinem Zaun und wer war er?! Er konnte nicht fassen, dass ihm diese offensichtliche Frage nicht schon früher in den Sinn gekommen war. Wie oft passierte so etwas schon? Warum war seine erste Sorge, wie man ihn am besten herausziehen könnte? Er wusste selber nicht, was mit ihm falsch lief.
Vielleicht fürchtete er sich davor herauszufinden, wer da in seinem Zaun hing. Eine Ahnung besaß er nämlich bereits. Eine von der er hoffte, das sie sich nicht bewahrheiten würde. Aber wie viele Fremde kamen schon in dieser Gegend vorbei? In den letzten Wochen nur zwei, von denen er wusste. Er betete, dass es nicht einer der beiden war, wie er sich mit seiner Lampe noch einmal näherte. Der Kopf des Mannes hing, wie auch der Rest des Körpers, nur schlaff da. Mit einer Hand packte er den Haarschopf des Unbekannten.
Wann habe ich eigentlich so zum Zittern begonnen?, bemerkte Mike, wie er auf seine Hand starrte. Das ist hoffentlich nur von der Kälte. Seine Finger bebten, wie er den Kopf des Leichnams nach oben zog und den Schein der Öllampe das Antlitz des Verstorbenen erleuchten ließ. Nun bestand kein Zweifel mehr, wer da vor ihm lag.
„Verdammter Calvin!“, schrie er, wie er Richards Kopf wieder der Schwerkraft überließ.
 

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Calvin befand sich in der Hölle. Aber die Nonnen im Waisenhaus hatten sich geirrt. Hier war es nicht heiß und es brannte auch kein ewiges Feuer aus Schwefel. Stattdessen gab es nur Kälte, Nässe und eine Finsternis, wie er sie noch nie erleben durfte. Gerade seine Hand konnte er noch erkennen, wenn er sie vor sich ausstreckte. Alles was darüber hinaus ging, verschwand hinter einer grauen Wand. Nicht, dass ihm seine Sehkraft etwas nutzen würde, ohne die Spuren. Keine fünf Minute nachdem das Fegefeuer begann, hatte sich die einst eindeutige Fährte im Matsch aufgelöst. Nun stand er mitten in der Einöde und ohne Weg zurück in die Sicherheit seiner Hütte. Am liebsten wollte er sich einfach hinsetzen und den Regen über sich hinweg waschen lassen. Er wusste ja nicht einmal, welche Richtung er gerade einschlug, aber er musste sich weiterbewegen. Es war zu kalt, als dass er sich einfach ausruhen hätte können.
Plötzlich sah er für einen Sekundenbruchteil wieder. Die graue Wand schien wie weggeblasen und vor ihm öffnete sich eine gespenstisch wirkende Ebene, die von einem grellen Licht beleuchtet wurde. Doch ehe er sich versah, verschlang die Dunkelheit einmal mehr alles, was der Blitz für kurze Zeit erleuchtet hatte.
„Ei...“, versuchte Calvin zu zählen, doch seine Stimme wurde bereits vom Donner übertönt.
Verdammt! Vor einer halbe Stunde lagen wenigstens noch ein paar Sekunden dazwischen, stellte er besorgt fest. Die Abstände zwischen Blitz und Donner waren bereits so klein...Ach! Sie existierten gar nicht mehr. Er befand sich nun mitten ihm Gewitterherd und um ihn herum nichts als freie Ebene.
Gerade wie er darüber nachdachte, wie man sich hinhocken sollte, wenn man in ein Gewitter geriet, passierte es. Alles um ihn herum wurde auf einmal weiß. Es war so grell, dass er automatisch seine Augen schloss. Doch er sah noch immer! Vor ihm tauchten dunkle Umrisse auf. Sie kreuzten sich vor seinem Gesicht und setzten sich nach oben hin in viele kleinere Umrisse fort. In diesem Moment brannten sich die Umrisse seiner Unterarmknochen, die er sich schützend über seinen Kopf hielt, in seine Netzhaut ein.
Dann spürte er bereits die Hitze, diese unglaubliche Hitze. Es mochte nur einen Augenblick dauern, aber es fühlte sich an, als hätte man seinen Körper in flüssiges Feuer getaucht. Er spürte wie jeder Muskel seines Körpers bis aufs Äußerste angespannt war. Calvin hielt es kaum noch aus. Sein Körper bestand nicht mehr aus Fleisch und Knochen, sondern nur noch aus Hitze und Schmerzen.
Das ganze Geschehen dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber Calvin erlebte nicht mehr wie das Spektakel zu Ende ging. Er war bereits ohnmächtig, als um ihn herum die Dunkelheit zurückkehrte und die gerade noch starren Muskeln wieder erschlafften.
Calvin wusste nicht, wie lange er danach auf der Erde lag, als er endlich aufwachte. Die Welt um ihn herum schien unverändert. Es gab nur den Regen von oben und den Schlamm unter ihm. Vielleicht übersah er deshalb den dunklen Umriss vor ihm, den ein weiterer Blitz zum Vorschein brachte. Nichtsahnend lag er reglos auf der Erde, wie sich der Schatten über ihn beugte. Nun erkannte auch Calvin, dass sich ein weiterer Mann bei ihm befand.
Aber dieses Gesicht! Nein, das konnte nicht wahr sein. Das war unmöglich! Calvin versuchte etwas zu sagen, aber aus seinem offenen Mund kam kein Laut. Er musste sich einfach irren. Dieser Mann durfte nicht hier sein. Er war doch schon längst tot.
„Das ist unmöglich. Du bist tot.“, schaffte es Calvin endlich zu hauchen. Selbst unter normalen Umständen wären die Worte kaum hörbar gewesen. Bei diesem Wetter hingegen verstand sie Calvin selber nicht. Der Gewitter übertönte einfach alles. Das hielt den Toten jedoch nicht davon ab über die Worte zu lächeln. Es schien, als hätte er alles genau gehört.
„Noch nie etwas vom ewigen Leben gehört?“
„Aber ich habe dich eigenhändig umgebracht.“
„Ja, das hast du.“
„Wie kannst du dann hier stehen?!“
„Weil ich dir etwas zu sagen habe, Calvin. Im Leben eines jeden Mannes kommt der Punkt an dem er sich entscheiden muss. Die Wahl ist simpel. Auf der einen Seite haben wir die Sünde und auf der anderen die Rechtschaffenheit. Den einfache Weg und den Schwere. Das Böse und das Gute. Vor so vielen Jahren hast du gedacht, dich entschieden zu haben, aber dem ist nicht so. Als du mir damals eine Kugel in den Kopf geschossen hast, war der Zeitpunkt noch nicht gekommen.“
Calvin wollte nur noch weg von hier. Wie konnte es sein, dass der Priester von damals nun vor ihm stand? Wobei er eigentlich gar nicht stand. In der Zwischenzeit kniete er neben ihn. Erst aus der Nähe betrachtet bemerkte Calvin, wie seine Gewänder trotz des Windes ruhig niederhingen und kein Regentropfen es vermochte ihn nass zu machen.
„Hör mir jetzt gut zu, Calvin. Eben dieser Moment, der Moment deiner Entscheidung, naht. Es werden gute Männer mit bösen Absichten kommen, die im Außenposten nach dir suchen werden. Und dann musst du die Wahl treffen. Dein Freund oder du selbst, einen von euch werden sie an diesem Tag antreffen und umbringen. Wer das sein wird, liegt allerdings ganz allein bei dir.“
Mit diesen Worten erhob sich der einstige Geistliche. Er blickte Calvin ein letztes Mal in die Augen und schenkte ihm ein leichtes Lächeln, ehe er ihm den Rücken zukehrte und verschwand.
„Halt!“, krächzte Calvin, aber es war bereits zu spät. Die Umrisse des Priesters verloren sich bereits zwischen den Regentropfen und wurden endgültig von der Dunkelheit geschluckt. In dem Moment begann auch Calvin wieder Schwarz vor Augen zu werden.
 

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Wieso tat sich das Mike überhaupt an? Wieso trieb er seinen Hengst trotz all der Gefahren durch dieses Unwetter? Jeden Moment könnte das Tier stürzen und sich ein Bein brechen oder mit sehr viel Pech sogar das Genick. Er wäre sicher nicht der erste, dessen Pferd in einer solchen Witterung etwas passieren würde. Dennoch kämpfte er sich durch Wind und Wetter, nur um Calvin zu finden. Den Mann, der diese armen Arbeiter kaltblütig umgebracht hatte.
Dabei hatte Mike bereits gedacht, dass sich Calvin geändert hatte. Nach all diesen Wochen mit ihm im Außenposten, wollte er einfach, dass mehr in dem einstigen Verbrecherboss steckte, als man anfangs annehmen mochte.
Wie kann man nur so blind sein?, ging Mike mit sich selbst hart ins Gericht. Es lag in seiner Verantwortung Calvin für immer von der Gesellschaft zu trennen. Seine Freunde verließen sich allesamt auf ihn, dass der Gauner nie mehr jemanden etwas antun könnte. Und nun? In seinem Zaun hing der Beweis dafür, dass Calvin noch immer so gefährlich war wie früher. Mike wollte gar nicht daran denken, wie Hermanns Leichnam irgendwo da draußen im Schlamm lag. Die beiden braven Männer mussten sterben, weil er seinem Versprechen nicht nachgekommen war. Weil er zu blind war, um zu erkennen, was für ein Monster bei ihm hauste.
Vielleicht setzte er deshalb sein Leben aufs Spiel, um Calvin zu finden, denn er wusste, dass dieser niemals überleben würde. Selbst wenn er diesen Sturm überstand, müsste er sich zu Fuß, ohne richtige Bewaffnung und jeglicher Form von Karte oder Ortskenntnis durchschlagen. Er würde dann eines Tages die Überreste des Mörders unter einem Haufen Geier finden. Aber dieses Ende verdiente Calvin nicht! Wenn, dann sollte er in einem Gefängnis verrotten, bis er an Altersschwäche starb oder wenigstens am Galgen hängen, damit er all den Leuten, denen er Unrecht getan hatte noch einmal in die Augen blicken musste. Ja, Mikes Entschluss stand fest. Die Abmachung war hinfällig. Er würde persönlich dafür sorgen, dass Calvin vor Gericht kam und seine gerechte Strafe bekäme.
Diese Wut trieb ihn immer weiter an, weg vom Außenposten in Richtung Westen. Dort würde er versuchen den Lagerplatz von Hermann und Richard zu finden und damit womöglich Calvin. Weit sollte dieser bei dem Unwetter noch nicht gekommen sein.
Eine Stunde ritt er nun schon einer Spur hinterher, die nur in seinen Gedanken existierte. Er bildete sich ein, dass er sich gut genug an die Fährte erinnern konnte, um ihr zu folgen. Wie er sich immer weiter von seinem Zuhause entfernte, musste er jedoch einsehen, dass eine falsche Erinnerung oder eine kleine Kurskorrektur von den beiden Arbeitern reichte, um Mikes Pläne zunichte zu machen. Dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich darauf zu verlassen. Wenn er Calvin auf diese Weise nicht fand, würde er es niemals tun.
Wenigstens schien der Regen langsam schwächer zu werden, sodass Mike bereits ein paar Meter weit sehen konnte. Es mochte sich nach wenig anhören, doch für Mike spielte es eine entscheidende Rolle. Ansonsten wäre er wahrscheinlich an dem Körper, den er im Matsch liegen sah, vorbeigeritten. Anfangs dachte er bereits den Leichnam von Hermann gefunden zu haben, doch wie er von seinem Pferd abstieg und sich über den Regungslosen beugte, erkannte er, wer wirklich vor ihm lag.
„Du verfluchte Hundesohn!“, knirschte Mike, wie er in Calvins Gesicht starrte. Ein beinahe unbezwingbares Verlangen stieg in ihm auf. Sollte er ihn doch einfach da liegen lassen. Er sah wie der Mörder atmete, aber das würde sich mit Sicherheit ändern, wenn er ihn die ganze Nacht in diesem Regen ließ. Aber selbst damit wäre seine Wut noch nicht gestillt gewesen. Er wollte ihn treten und schlagen. Dafür, dass er in seiner Paranoia zwei unschuldige Menschenleben genommen hatte.
Mike überlegte lange. Wer weiß, wie seine Entscheidung ausgefallen wäre, wenn ihn das Gewitter nicht so zur Eile angetrieben hätte. Denn er wusste, wenn er noch länger so herumstand, würde er sich wirklich noch eine Lungenentzündung einfangen. Diesem Gedanken verdankte es Calvin, dass Mike zu seinem früheren Entschluss zurückkehrte.
Das hieß jedoch nicht, dass er zärtlich mit dem verletzten Calvin umgehen musste. Mit einer Hand am Kragen und einer am Hosenbund wollte er den Bewusstlosen auf sein Pferd schwingen. Bevor er das tun konnte, stieg ihm aber ein Geruch in die Nase. Die ganze Zeit über hatte Mike nichts anderes als den frischen Duft des Regens gerochen, den nichts zu durchdringen vermochte. Doch wie er sich Calvin so nahe befand, passierte genau das. Er bemerkte auf einmal diesen grässlichen Geruch von verbranntem Fleisch, als würde ihm jemand ein schwarzes Stück, direkt aus dem Feuer, unter die Nase halten. Davor fielen ihm auch nicht die Rauchschwaden auf, die sich von Calvins Körper aus ihren Weg gen Himmel bahnten, ehe sie vom schweren Regen zu Boden gedrückt wurden. Was zum Teufel war Calvin nur zugestoßen?
Doch für diese Frage gab es momentan keine Zeit. Mike wusste nur, dass es die Heimreise keinesfalls einfacher machte. Schließlich musste Mike seine ganze Konzentration darauf richten, wieder den selben Weg zurück zu finden. Da wollte er sich nicht die ganze Zeit Gedanken über den ekelerregenden Geruch hinter ihm machen. Auch sein Pferd schien alles andere als begeistert zu sein.
Allerdings befand sich das Tier bereits seit der ersten Minute des Ausrittes in heller Aufregung. Hier konnte man sehen, dass es sich bei Mike um einen hervorragenden Reiter handelte. Bei einem solchen Wetter und der Dunkelheit einen Ritt zu unternehmen überstieg die Fähigkeiten der meisten Männer, aber dass sein Hengst dabei nicht einmal scheute. Unglaublich! Wer weiß, wie vielen anderen es überhaupt möglich gewesen wäre, wieder heil im Außenposten anzukommen. Doch Mike schaffte es.
Es brach ihm das Herz, wie er sein Pferd vorerst noch im Regen stehen lassen musste. Schließlich wusste er, dass er es ohne das treue Tier und dessen sicheren Schritt niemals geschafft hätte, dieses Wetter zu überstehen. Aber in diesem Moment machte er sich mehr Sorgen um Calvin. Er musste ihn unbedingt ins Trockene bringen, bevor er an einer Unterkühlung starb. Wozu hatte er denn sein Leben riskiert, wenn ihm der Schuft jetzt wegsterben würde?
Auch wenn er sich innerlich dagegen sträubte, trug er Calvin in seine eigene Hütte. Diese verfügte wenigstens über einen eigenen Ofen und war in der Zwischenzeit mehr als warm. Wie er die Tür öffnete strömte ihm bereits die erhitzte Luft entgegen. Erst dadurch wurde ihm bewusst, wie erfroren er selber bereits war und huschte schnell hinein. Wie einen Sack Mehl schleuderte er Calvin von seiner Schulter auf das Bett. Dieses Mal wollte er nicht einmal seine Wut an ihm ablassen, er hielt diesen Gestank, direkt neben seinem Gesicht, einfach nicht mehr aus. Allerdings musste Mike bald feststellen, dass sich allmählich der ganze Raum mit diesem Geruch füllte.
Zu seinen ersten Handgriffen zählte es, dass er sich seiner Kleidung entledigte und frische, trockene Gewänder anlegte. Schließlich handelte es sich um einen der tödlichsten Fehler, wenn man seine nass-kalte Kleidung anbehielt. Ehe man sich versah, starb man bereits an einer Unterkühlung. Deshalb musste er auch Calvin aus seinen durchnässten Sachen befreien. Dabei wollte er den schwierigste Teil gleich am Anfang erledigen. Die Hose. Ein großer Fehler, wie Mike schnell merken sollte, denn da wusste er noch nicht, dass der Gestank besonders von Calvins rechten Bein kam. Er zog erbarmungslos an dem Hosenbeinen an, unwissend, dass sich der Stoff an Calvins rechtem Knöchel in die Haut eingebrannt hatte. Freilich kam die Hose ab, aber zusätzlich hielt er auch ein Stück von Calvins Haut in den Händen.
Das war für Mikes Magen dann zu viel. Ein weiteres Mal quälte er sich in den Regen hinaus, denn sein Abendessen sollte nun wirklich nicht in der Hütte landen. Nach dieser kleinen Unterbrechung konnte er sich wieder seiner eigentlich Aufgabe widmen. Als nächstes nahm er sich Calvins Weste vor.
Wieso habe ich nicht mit der begonnen?, schwirrte es Mike durch den Kopf.
Er wollte Calvins Weste bereits ausziehen, als er bemerkte, wie etwas aus deren Innentasche hervorlugte. Interessiert langte er danach. Es handelte sich um ein mehrfach gefaltetes Stück Papier. An der oberen Kante klebte etwas Matsch und das Blatt war bereits derart durchnässt, dass der Aufdruck verlief, aber den Inhalt konnte man dennoch lesen.

BELOHNUNG
10.000$
Wird bezahlt für die Gefangennahme oder den Beweis des Todes von
CALVIN HARDIN
Gesucht wegen Diebstahl, Raub, Mord und anderer Verbrechen, die den Frieden und die Würde Amerikas bedrohen.

Letzter bekannter Aufenthaltsort in der Nähe der Stadt Ronstown, Colorado. Es handelt sich um einen schlanken Mann mittleren Alters mit schwarzen Haaren und braunen Augen. Größe etwa 1.75 Meter.

Gezeichnet:
James Limburger
U.S. Marschall
 

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Mitten auf der Seite prangte ein Bild, auf dem eindeutig Calvin zu sehen war. Mike bekam keine Luft mehr. In seinen Händen hielt er den Beweis, dass Calvin doch recht hatte mit Hermann und Richard. Nein! Wer wusste schon, ob die beiden wirklichen so hießen? Diese Unbekannten wollten also doch Calvin finden. Und er? Noch vor einer Stunde dachte er doch tatsächlich darüber nach Calvin im Regen liegen zu lassen. Wen müsste man dann wohl Mörder nennen? Mike wurde wieder schlecht, doch dieses Mal ging es nicht um die abgetrennten Hautfetzen.
Von nun an setzte er sein Werk behutsam fort. Die Weste ließ sich ohne Probleme entfernen, aber bei Calvins Hemd sah die Sache wieder ganz anders aus. Zum Glück kontrollierte er dieses Mal erst, bevor er an der Kleidung zu reißen begann und stellte schnell fest, dass der Stoff auch an seiner rechten Schulter eingebrannt war. Vorsichtig schnitt er die betroffene Stelle mit einem Messer aus, ehe er den Rest grob zerschnitt. Ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht. Schließlich war dieses Hemd bereits ruiniert. Wieso sollte er sich da nicht die Arbeit erleichtern und den Rest zerfetzen? Auch wenn Calvins Haut intakt blieb, ließ ihn dieser Fetzen unbefriedigt zurück. Es konnte doch unmöglich hilfreich sein, wenn man ihn da dran ließ. Erneut mit seinem Messer bewaffnet versuchte Mike die Fasern doch noch von der Haut zu lösen. Zugegeben, es ging weitaus weniger Haut mit, als beim Knöchel, aber noch immer genug, dass es ihm wieder aufstieß.
Nachdem auch die Schuhe und Socken abgenommen worden waren, konnte sich Calvin endlich erwärmen. Mike hoffte, dass das und die Zeit genügen würden, damit er wieder aufwachte, denn mehr konnte er nicht mehr helfen. Er war am Ende seines Wissens angelangt. Jetzt hieß es nur noch abwarten.
Das war für Mike einfacher gesagt als getan. Ohne seine Taschenuhr fühlte es sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben. Der Regen hatte es anscheinend geschafft in das Gehäuse einzudringen. Nun hörte er zwar ein freudiges Gluckern, wenn er seine Uhr schwenkte, aber die Zeiger blieben starr an einer Stelle. Er bemerkte, wie es draußen allmählich hell wurde, aber da auch der Himmel durch eine dicke Wolkendecke verdeckt wurde, konnte ihm selbst die Sonne keine Uhrzeit nennen. Es blieb ihm lediglich sein Bauchgefühl, dass sich Mittag langsam näherte, als der Regen aufhörte und draußen eine wahre Sumpflandschaft hinterließ.Auf seine eigene Art und Weise passend, dass wohl keine halbe Stunde später, Calvin zum ersten Mal wieder die Augen öffnete.
 

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Vielleicht war das ganze ja nur ein Albtraum?, dachte sich Calvin. Das schien ihm am wahrscheinlichsten. Schließlich befand er sich doch gerade noch im Regen. Er konnte noch die kleinen Tropfen auf seinem Gesicht spüren und den Wind, der unaufhörlich an einem zog und zerrte. Und nun? Nun lag er in einem warmen Zimmer unter einer Decke. Also musste er sich alles eingebildet haben. Der Regen, der Wind und vor allem der Blitz, alles nur Gespinste seiner Phantasie. Beinahe hätte er daran geglaubt, wären da doch nur nicht diese Schmerzen.
Es kam ihm die Frage in den Sinn, wieso er so viele Schmerzen ertragen musste, seit er im Außenposten lebte. Doch diese mal waren sie anders. Er empfand sie auf einer völlig neuen Ebene. Früher wusste er, dass ihm etwas weh tat, weil er einen Schlag oder Tritt erhalten hatte. Dann wusste er, wo er Schmerzen empfand, weil ihm die anderen Stellen seines Körper nicht weh taten. Aber wie sollte er unterscheiden, wenn es jede Faser seines Körpers betraf? Es gab keine Position in der er liegen und keine Bewegung die er ausführen konnte, ohne beinahe wieder ohnmächtig zu werden. Er war nicht einmal in der Lage, zu sagen, wo es ihm am stärksten schmerzte. Zugegeben, es gab zwei Stellen, wo sich die Schmerzen vom restlichen Körper unterschieden, aber nicht aufgrund der Stärke sondern ihrer Art. Sowohl bei seine rechten Schulter als auch dem Knöchel auf der selben Seite, mischte sich noch ein Brennen hinzu. Bei der Intensität machte das allerdings kaum einen Unterschied.
Trotz alledem gab es eine Sache, die noch schlimmer war, als die Schmerzen, die Calvin ertragen musste. Der Durst. Er wusste nicht, wie lange er nun schon hier lag, aber es fühlte sich an, als würde es sich um Tage handeln. All diese Zeit musste er hier liegend verbracht haben, unfähig zu trinken oder zu essen. Das spürte er nun.
So konnte es nicht weiter gehen. Dieser Durst brachte ihn noch um. Er musste auf und hinaus, um aus dem Teich zu trinken. Das wollte er wenigstens. Aber egal wie oft oder auf welche Art und Weise er es versuchte, er blieb an sein Bett gefesselt. Das versetzte ihn in Panik. Ja, er hatte Schmerzen, die ihm bei jeder Bewegung um ein Haar das Bewusstsein raubten, aber Calvin wusste, dass seine Unfähigkeit sich aufzurichten nicht nur an den Schmerzen lag. Etwas anderes hielt ihn zurück und Calvin verstand nicht was. Egal wie hart er es versuchte, seine rechte Seite schien sich seinen Befehlen zu widersetzen. Seinen Arm konnte er noch ein wenig bewegen, aber vor allem sein Bein rührte sich nicht vom Fleck.
Nach einer Zeit richtete er all seine Konzentration nur noch auf dieses Bein. Selbst der Durst, vor einigen Momenten noch unerträglich, schien wie vergessen. Mit seiner linken Hand fühlte er seinen Oberschenkel ab, ob etwas nicht stimmte. Seine Finger fühlten alles, aber sein Bein..es...es...es machte keinen Unterschied, ob er strich, drückte oder gar zwickte, es drang nichts zu ihm durch. Was ging da nur vor sich? Er musste es einfach mit eigenen Augen sehen. Allerdings hätte er unterlassen sollen, sich so schnell aufzurichten. Wie sein Oberkörper in die Höhe schnellte, fühlte Calvin bereits, dass es ein Fehler war. Noch bevor er aufrecht im Bett saß, wurde ihm einmal mehr schwarz vor Augen und er flog nach hinten auf die Matratze zurück.
Auch dieses Mal wusste er nicht, wie lange er bewusstlos da lag. Nur sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es sich kaum um eine Stunde gehandelt haben könnte. Trotzdem hatte dieser Aussetzer etwas Beängstigendes. Calvin realisierte, wie schlecht es um ihn stand. Welcher gesunde Mann wurde schließlich ohnmächtig, sobald er sich aufsetzen wollte? Keiner. Dabei wollte er es ja gar nicht übertreiben. Sein Bein hatte ihn einfach in eine solche Panik versetzt, dass er jegliche Vorsicht über Bord geworfen hatte. Das sollte ihm dieses Mal nicht passieren. Langsam und vorsichtig zog er seinen Oberkörper nach oben. Auch dieses Mal spürte er, wie der Schwindel einsetzte, aber er ging behutsam vor und kämpfte dagegen an. So behielt er dieses Mal sein Bewusstsein. Nun konnte er seine Aufmerksamkeit endlich seinem Bein widmen.
Noch einmal tastete er es, so weit es ihm möglich war, ab. Er sah, wie er sein Bein anfasste und seine Hände fühlten es auch eindeutig, aber weder sein Oberschenkel, sein Knie noch das bisschen Unterschenkel, das er erreichen konnte, spürten die Berührung. Das konnte doch unmöglich wahr sein! Vielleicht lag es ja an seinen Fingern. Womöglich drückte er aufgrund seiner Verfassung zu schwach. So einfach wollte Calvin auf jeden Fall nicht aufgeben. Er musste nur mit etwas mehr Gewalt vorgehen, dann würde er sein Bein schon wieder fühlen.
Sein Blick schweifte durch den Raum. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es sich ja gar nicht um seine eigene Hütte handelte. Um darüber nachzudenken, fehlte ihm momentan allerdings der Kopf. Stattdessen suchte er verzweifelt nach etwas, womit er sich piksen könnte. Ein bisschen spitz und für ihn erreichbar, das wäre perfekt.
Die Wand neben ihm erweckte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Dort hing nämlich die Antwort für seine Probleme. Ein langer Splitter stand von einem der Bretter ab. Gut zehn Zentimeter lang und einen Finger dick, lud er Calvin dazu ein, ihn zu benützen. Das stellte sich jedoch als schwieriger heraus, als er es sich anfangs vorgestellt hatte, denn man musste das blöde Ding erst einmal losreißen. Unter normalen Umständen wäre es ihm ein Leichtes gewesen, aber in seinem jetzigen Zustand fand er sich in einer peinlicheren Situation wieder. Beidhändig zog und rüttelte er an dem Splitter, aber bewegen wollte sich dieser keinen Millimeter. Am Ende blieb Calvin nichts anderes übrig, als sein Gewicht einzusetzen. Mit seiner ganzen verbleibenden Energie warf er sich zur Seite und riss mit Hilfe der Schwerkraft den Splitter von der Wand. Nun konnte Calvin endlich beweisen, dass sein rechtes Bein sehr wohl noch etwas spürte.
Er setzte die Spitze auf seinen Oberschenkel und begann zu drücken. Die Haut wölbte sich unter dem Druck der Spitze immer tiefer, aber er fühlte noch immer nichts.
Noch ein wenig. Noch ein wenig, redete sich Calvin ununterbrochen ein. Aber es half nichts. Langsam musste er anfangen zu begreifen. Das kann nicht sein. Es darf nicht!
„Ah! Spür schon was, verdammtes Bein!“, entlud sich Calvins Ungeduld in einem Schrei. Ihm reichte es! Genug mit tasten und drücken! Jetzt würde er seinem Bein endlich wieder Gefühl einhauchen! Er hob den Splitter hoch über seinen Kopf und schlug ihn mit Wucht auf seinen Oberschenkel.
Calvin kamen die Tränen. Noch immer spürte er sein Bein nicht. Allerdings fühlte er auf einmal etwas Warmes. Langsam zog er seine rot verschmierte Hand weg, nur um zu sehen, dass der Splitter, dort wo er ihn sich selber ins Fleisch getrieben hatte, noch immer aufrecht stehen blieb. Calvin sah, wie ein Viertel des Holzes in seinem Bein verschwunden war. Er sah auch, wie Blut tröpfchenweise neben dem Holz hervorquoll und seinen Oberschenkel hinunter rann. Aber fühlen? Nein,
fühlen konnte Calvin sein rechtes Bein noch immer nicht.
 

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Daran änderte sich auch nichts in den nächsten Tagen oder den nächsten Wochen, ja nicht einmal in den nächsten Monaten. Der Winter brach über den Außenposten herein und verabschiedete sich wieder, ohne dass Calvin sein Bein spüren konnte. Selbst im nächsten Frühjahr, als Mitte Februar wieder angenehm warme Temperaturen herrschten, blieb jegliches Gespür aus.
Allerdings bedeutete das nicht, dass Calvin in all dieser Zeit keine Fortschritte machte. Auch wenn er zeitlebens sein Bein nicht mehr spüren sollte, so gelang es ihm wieder etwas Kontrolle zu erlangen. Nach Monaten des Trainings war es ihm möglich, ein wenig sein rechtes Bein anzuheben und das Knie abzuwinkeln. Das mochte vielleicht keinen großen Eindruck machen, aber für Calvin bedeutete dieser Fortschritt, dass er seine Muskeln wieder anspannen konnte und das Bein nicht nur schlaff da hing. Dadurch gelang es ihm sogar, wenn auch durch die Unterstützung eines Gehstocks, kürzere Strecken zu gehen. Für Längere musste er sich dagegen öfters ausruhen.
Die restlichen Wunden des Blitzeinschlags verheilten währenddessen ohne Probleme. Was interessierte es Calvin schon, ob ihm auf der Schulter und dem Knöchel Narben blieben? Er schätzte sich glücklich, so etwas überhaupt überlebt zu haben. Außerdem handelte es sich nicht um das einzige sichtbare Geschenk, das ihm der Blitz hinterlassen hatte. Von seiner Schulter abwärts zogen sich rote Linien, die zickzackförmig über seine Brust und Seite verliefen. Mit all den Verzweigungen und dem Muster sah es fast so aus, als wollte sich etwas auf Calvin ausbreiten. Mit diesem Mal war er seit dem Einschlag gekennzeichnet. Dagegen sahen die Narben wie kleine Schönheitsmakel aus.
Man konnte sagen, dass sich Calvin mit den Folgen seines Unfalls abgefunden hatte. Doch es gab etwas, das er anfangs noch versuchte zu verdrängen. Etwas so absurd, dass es ihm unmöglich hatte widerfahren können. Allerdings ließ ihn die Sache nicht in Ruhe. Jede Nacht, war er dazu gezwungen die selbe Begegnung wieder zu durchleben. So wie er noch vor einigen Monaten davon träumte, wie er den Priester damals umgebracht hatte, sah er nun dessen Rückkehr. Ehrlich gesagt wünschte sich Calvin den ersten Traum wieder zurück.
In der Zwischenzeit stellte es für Calvin kein Problem dar, die Worte des Geistlichen aus dem Stegreif aufzusagen. Dennoch erwähnte er sie Mike gegenüber kein einziges Mal. Sein Kumpane war einfach zu tief in die Vorhersage involviert, als dass er es ihm hätte erzählen wollen. Ja, der Priester hatte ihm verraten, dass gute Männer mit bösen Absichten kommen sollen und dass sie einen von ihnen umbringen würden. So konnte man den gesamten Inhalt der Botschaft zusammenfassen.
Jetzt stellte sich lediglich die Frage, ob Calvin auch daran glaubte. Da war sich Calvin jedoch selber nicht sicher. Am Anfang hatte er es noch als Humbug abgetan. Damals hatte er allerdings auch größere Probleme, als sich Gedanken über so etwas zu machen. Doch mit jedem Tag der verging und sich sein Zustand besserte, zerbrach er sich mehr und mehr den Kopf darüber. Und nach langer Zeit des Nachdenkens kam er endlich zu einer Antwort: Vielleicht.
Womöglich steckte ein Fünkchen Wahrheit in diesen Worten und das reichte Calvin. Alleine der Gedanke daran, dass eine Chance bestand, gab ihm die Kraft und Ausdauer, um weiterzumachen. Calvin bezweifelte, dass er ohne diese Motivation dazu in der Lage gewesen wäre überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. All die Schmerzen. All die Niederlagen. All das überkam er, weil sich in seinem Verstand ein Gedanke festgesetzt hatte: Falls es dazu kommen sollte, dann musste er bereit sein!

[Ende Kapitel 4]
 

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Kapitel 5: Von guten Männern mit bösen Absichten

Es nützte Mike in der Einöde kaum etwas und dennoch fühlte er sich unwohl, wenn er das aktuelle Datum nicht kannte. Zu blöd, dass er damals durch ihre übereilte Flucht vergessen hatte in Ronstown einen gebundenen Kalender zu kaufen. So musste er zur altbewährten Technik übergehen, die Tage selber abzuzählen. Leider war diese Methode alles andere als unfehlbar und es kam ab und zu vor, dass er einige Tage lang darauf vergaß. Das war nun auch der Fall. Verzweifelt versuchte er aus dem Gedächtnis die Tage aufzuzählen, die seit seinem letzten Eintrag vergangen waren, doch er konnte sich einfach nicht mehr daran erinnern.
Fünf oder doch sechs Tage?, stellte er sich die Frage zum gefühlt tausendsten Mal, als er am Abend in seinem Bett lag. Je nachdem ist heute der 17. oder 18. Februar. Die Antwort sollte er an diesem Tag jedoch nicht erfahren. Davor befand er sich schon längst im Land der Träume. Nichtsahnend schlummerte er friedlich vor sich hin, als ihn plötzlich ein lautes Klopfen an seiner Tür aufweckte. Oder konnte man bereits von Hämmern reden? Egal wie man es auch nannte, es hallte laut genug durch seine Hütte, dass Mike bereits im nächsten Moment kerzengerade in seinem Zimmer stand. Er wusste sofort, dass es sich um etwas Ernstes handeln musste, denn ansonsten hätte ihn Calvin nicht um die Uhrzeit aus dem Schlaf gerissen.
Genau vor so einer Situation hatte sich Mike seit dem Vorfall mit den beiden Kopfgeldjägern gefürchtet. Dass es eines Nachts an seiner Tür klopfen würde, weil sich irgendein dahergelaufener Held, die üppige Belohnung unter den Nagel reißen wollte. Es war Mike ohnehin ein Rätsel, wieso sich in den letzten Monaten kein einziger Glücksritter hat blicken lassen. Allerdings wusste er, dass dieses Glück nicht ewig anhalten konnte.
Wieso musste es überhaupt soweit kommen? Wieso fiel ihm James Limburger derart in den Rücken? Damals, kurz nachdem er Calvins Villa gestürmt und ihn in seine Gewalt gebracht hatte, erklärte er dem damaligen Deputy Sheriff, dass er Calvin zum Außenposten mitnehmen wollte. Natürlich hatte dieser einen riesigen Aufstand gemacht, doch Mikes Vorschlag konnte er am Ende nicht widerstehen. Die beiden hatten sich darauf geeinigt, dass Limburger jegliches Farmgelände in Missouri bekommen würde, das sich einst in Calvins Besitz befand. Als Gegenleistung wollte Mike damals nur zwei Dinge. Erstens den Haftbefehl, den er einst selbst erwirkt und damals auf der Stelle zerstört hatte und zweitens, dass Calvin Immunität gegen zukünftigen Untersuchungen und Verfolgungen bekommen würde.
Anscheinend war Limburgers Wort nicht so viel wert, wie angenommen. Mike nahm stark an, dass sein neuer Titel U.S. Marshal dahintersteckte. Wer einen solche Aufstieg hinlegte, wollte sicherlich die Leichen in seinem Keller beseitigen. Wenn Limburger allerdings unfair spielen wollte, dann konnte Mike das auch. Es handelte sich hier um sein Land und er war nicht mehr gewillt Gnade walten zu lassen, falls Fremde hierher kamen, um einen Nichtverurteilten zu töten. Er besaß schließlich das Recht sich und seinen Haushalt vor Eindringlingen zu beschützen. Da machte es keinen Unterschied, ob es sich um einen Pferdedieb oder Kopfgeldjäger handelte.
Mit seinem Gewehr geladen in der Hand, bereitete sich Mike auf das Schlimmste vor. Doch wie er die Tür öffnete, wurde ihm bewusst, dass irgendetwas komisch war. Ansonsten konnte er dem gleichgroßen Calvin doch immer in die Augen schauen. Wieso musste er jetzt seinen Kopf nach hinten neigen, um seinem Gegenüber ins Gesicht zu blicken? Allmählich schien auch sein schlaftrunkenes Gehirn zu begreifen, dass da nicht sein Kumpane, sondern ein blonder Hüne vor ihm stand. Er überragte Mike sicherlich um einen Kopf.
Die Augen des dürren Kerls wurden weit, wie er das Gewehr ins Mikes Händen erblickten. Noch bevor Mike den Lauf seines Gewehrs heben konnte, schossen die Hände des Fremden nach oben.
„Bitte nicht schießen.“, flehte dieser mit einem dicken Akzent. Normalerweise besaß Mike kein Gespür für solche Sachen, aber bei diesem Gesellen nahm er mit ziemlicher Sicherheit an, dass es sich um einen deutschen Einwanderer handelte.
„Ich bin nur hier, um mit euch zu reden. Ich will euch nichts Böses.“
Noch immer etwas verwirrt, streckte ihm Mike seine Hand entgegen.
„Mike.“
„Oh. Ah. Herbert. Freut mich.“
Der Mann schien durch die Begrüßung aus seiner anfänglichen Schockstarre aufzuwachen und schüttelte Mike eifrig die Hand. Bei dem festen Händedruck konnte es sich nur um einen Farmer handeln. Mike wusste selber nicht so recht, wieso er sich so freundlich verhielt. Vor ihm stand schließlich ein Fremder, der mitten in der Nacht an seine Tür gehämmert hatte. Sollte er ihm nicht befehlen, von seinem Grund und Boden zu verschwinden? Aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Der Mann sah einfach so unschuldig und friedlich aus. Hatte er dasselbe allerdings nicht schon bei „Hermann“ und „Richard“ gedacht?
„Was hast du hier verloren?“
„Äh. Wie soll ich es am besten sagen? Hm. Ich bin wohl gekommen, um euch zu warnen.“
„Ja. Das wirft leider mehr Fragen auf, als es beantwortet.“
„Tut mir leid. Ich werde nur etwas nervös, wenn eine Waffe auf mich gerichtet wird.“
Mike hatte gar nicht bemerkt, wie er in der Zwischenzeit doch wieder den Lauf auf den Neuankömmling richtete.
„Wer nicht? Das Problem ist nur, dass mitten in der Nacht ein Mann vor meinem Haus steht, den ich zuvor noch nie gesehen habe. Da werde ich nämlich etwas misstrauisch.“
„Schon in Ordnung. Das habe ich verdient.“
„Und weiter?“
„Was weiter?“
„Du wolltest mich vor etwas warnen.“
„Ach ja. Also die Sache ist die. Momentan befinden sich fünf Männer auf dem Weg hier her. Sie wollen...“
„Sind sie hinter der Belohnung her?“, unterbrach Mike barsch den Fremden.
„Ja, sie kommen wegen Hardin und den 10.000$, die auf seinen Kopf ausgesetzt sind. Du bist aber nicht dieser Hardin, oder? Der Mann schaut auf dem Bild ganz anders aus. Außerdem ist sein Vorname, glaube ich, nicht Mike, sondern irgendwas längeres mit C am Anfang.“
„Calvin?“
„Ah. Ja. Calvin. Calvin Hardin war der Name. Also bist du das nicht?“
„Nein. Ich bin noch immer Mike.“
„Aber Calvin befindet sich hier?“
„Ich weiß nicht, ob ich dir das verraten sollte. Wieso sollte ich dir überhaupt etwas sagen?“
„Auch das habe ich verdient. Allerdings kann ich dir versprechen, dass ihr euch vor mir nicht in Acht zu nehmen habt.“
„Dann fang mal an zu erzählen. Was sind das überhaupt für Männer? Irgendwelche Kopfgeldjäger?“
„Nein, nein. Der eine ist unser Town Marshal aus Ronstown und der Rest ist ein Haufen Farmer und Handwerker, die auf die Belohnung scharf sind.“
„Alle bewaffnet?“
„Ja. Schießen können sie auch alle leidlich. Bis auf George. Dem muss man das Ziel schon vor die Nase stellen, damit der was trifft.“
„George? Mann, du ergibst keinen Sinn. Vielleicht beginnst du von Anfang an, damit ich endlich weiß, was los ist.“
„Ganz von vorne, eh? Wo soll ich da am besten beginnen? Ah, ich weiß schon. Die ganze Sache ist erst vor zwei Wochen so richtig ins Rollen gekommen, als Jeffrey einen Brief bekommen hat.“
„Jeffrey?“
„Ah, tut mir leid. Jeffrey ist unser Town Marshal. Vor zwei Wochen kam bei ihm ein Brief an, von einem gewissen James...James...ah...James Limburger! Ist wohl ein U.S. Marshal und hat unserem Jeffrey den Steckbrief von Hardin geschickt. Dazu kam auch noch eine persönliche Nachricht von ihm. Er hat darin einen früheren Außenposten des Militärs erwähnt, in dem sich angeblich dieser Schwerverbrecher aufhalten soll. Hat sogar die genaue Lage auf einer Karte eingezeichnet, um uns die Suche leichter zu machen. Am Ende stand auch etwas in der Art, dass dieser Hardin ein gefährlicher Krimineller sei und wir am besten mit drei kampferprobten Männern losziehen sollten. Als Belohnung versprach er dann die 10.000$ und für Jeffrey eine Verlegung in eine größere Stadt im Osten.“
„Und dann?“
„Jeffrey hat seitdem von nichts anderem mehr geredet, als diesen Hardin umzubringen.“
„Umzubringen?!“
„Ja. Hat er gleich von der ersten Sekunde an klar gemacht. Wenn es um so einen gefährlichen Gauner geht, will er kein Risiko eingehen. Deshalb erst schießen, dann fragen. Das hat er immer gesagt.
Das Problem war, dass er noch immer ein paar „kampferprobte“ Männer gebraucht hat. Kampferprobt! Und das in Ronstown. Bei uns in der Stadt sind quasi alle Farmer oder Handwerker. Natürlich haben wir auch noch Wirte, Händler und dergleichen, aber die sind doch auch nicht besser als wir, wenn es ums Kämpfen geht. Die meisten Farmer, ich eingeschlossen, gehen jagen, aber in der Gegend zielen wir auch nicht gerade auf Grizzlybären. Selbst Jeffrey war noch nie in eine Schießerei verwickelt. In ein paar Handgemenge, ja, aber nichts darüber hinaus.“
„Also nimmt er einfach ein paar Leute, die leidlich schießen können, als Ersatz?“
„Ja, genau das. Im Brief stand etwas von drei Männern, also sagte Jeffrey, dass wir einfach zu sechst hingehen und ihn überwältigen.“
„Das ist wirklich sein Plan?“
„Ja und nein. Aber dazu komm ich ja gerade erst. Jeffrey hat also, mit sich, sechs Mann zusammengetrommelt. Jeffrey, George und ich kennen uns schon seit Jahren und den Rest hat er über einen Aushang im Saloon gefunden. Sollten aber alles Leute aus der Stadt sein. Er will keinem Außenseiter vertrauen, wenn es um so viel Geld geht. Auf jeden Fall sind wir also zu sechst von Ronstown aufgebrochen und sind der Karte hier her gefolgt.“
„Ich schwöre dir, wenn du jetzt sagst, dass wir umstellt sind, dann schieße ich dir sofort eine Kugel in den Kopf. Egal ob dann jemand auf mich schießt. Das wäre es mir wert.“
 

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„Nein. Bitte nicht! Ich bin alleine hier.“
„Und wieso?“
„Wir haben heute Abend, einen halben Tagesritt von hier, unser Lager aufgeschlagen. Jeffrey will morgen um die Mittagszeit hier ankommen, um euch bei besten Sichtverhältnissen zu überfallen.“
„Das macht keinen Sinn. Wäre es nicht besser uns in der Nacht zu überfallen, wenn wir schlafen?“
Verdammt! Wieso gab Mike diesem Pseudo-Revolverhelden nun auch noch Tipps, wie er Calvin und ihn besser überfallen konnte?
„Nein, weil er dann nicht von Notwehr reden kann.“
„Notwehr?“
„Ja. Heute am Abend, als unser Lager endlich fertig war, ist er mit der Wahrheit herausgerückt. Es gab damals noch einen zweiten Brief, der einen Tag später in einem versiegelten Umschlag gekommen ist. Es stand darin, dass er nur für Jeffreys Augen bestimmt war, aber er sagte, dass wir Freunde sein und wir ein Recht darauf hatten zu erfahren, was morgen geschehen soll. In dem Brief war von einem zweiten Mann die Rede. Er soll angeblich auch im Außenposten leben. Es gäbe zwar kein Kopfgeld auf ihn, aber wenn wir sicherstellen könnten, dass dieser Mann keine frechen Lügen mehr erzählen würde, würde dieser Limburger Hardins Kopfgeld aus eigener Tasche verdoppeln.“
„Er will mich auch tot?“
Mike konnte es nicht fassen. Bis zu einem gewissen Maß verstand er Limburger ja, dass er eine solch gesetzlose Abmachung unter den Tisch kehren wollte, aber dass er nun auch ihn aus dem Weg räumen wollte. Hatte er wirklich so viel Angst, dass Mike etwas ausplaudern würde?
„Ich nehme an, dass er von dir geschrieben hat. Deshalb wollte Jeffrey tagsüber kommen. Er will euch umstellen, ausrufen und sobald ihr euch dann ergeben wollt, sollten wir euch erschießen.“
„Und wenn ihn dann jemand nach mir fragt, könnte er sagen, dass er aus reiner Notwehr handeln musste.“
„Ganz genau. Versteh mich bitte nicht falsch. Einen Verbrecher bringe ich für diese enorme Summe gerne zur Strecke, aber ich werde für das Doppelte bestimmt nicht zum Mörder.“
Mit aller Kraft sträubte sich Mike dagegen diesem Mann zu vertrauen. Doch egal was er versuchte, er glaubte diesem Herbert. Er besaß eine derart ehrliche Aura, dass es einem vorkam, als wäre er nicht dazu in der Lage zu lügen. Mike fühlte sich einfach lächerlich, wie er auf einen solchen Mann zielte. Seine Vorsicht wollte es ihm ausreden, aber am Ende konnte er nicht anders als den Lauf zu senken.
„Und du hast dich dann von dem Trupp getrennt?“
„Ja. Ich war zu dem Zeitpunkt nur noch geschockt. Ich ging daher zu Jeffrey und hab ihm die Wahrheit erzählt. Dass ich nicht einfach einen unschuldigen Mann umbringen kann. Er verstand das. Ich glaube sogar, dass er bereits damit gerechnet hat, so lange wie wir uns bereits kennen. Danach habe ich meine Sachen gepackt und bin wieder in Richtung Ronstown zurück.“
„Obwohl es bereits Abend war?“
„Ja, ich konnte all den Leuten nicht mehr in die Augen schauen. Überall sah ich plötzlich nur noch gierige Gesichter. Die meisten waren sogar froh darüber, dass ich ging, weil sie dann mehr Geld bekommen würden. Also wollte ich etwas zurückreiten und dann mein Lager alleine aufschlagen. Aber die Sache ließ mich nicht mehr in Ruhe. Vielleicht würde ich nicht selber an der Sache beteiligt sein, aber ich wüsste davon und das reicht, um mich zu einem Mittäter zu machen. Und auf einmal, ich weiß auch nicht wieso, sind mir meine drei Töchter in den Sinn gekommen. Wie sie zu einem Vater aufschauen, der stillschweigend den Tod eines Unschuldigen auf dem Gewissen hat. Den Gedanken konnte ich einfach nicht ertragen. Deshalb bin ich umgekehrt und habe einen Bogen um meine ehemaligen Kameraden gemacht. Seit Stunden reite ich jetzt schon und habe gehofft, dass ich den Außenposten irgendwie in der Finsternis finden werde. Gott sei Dank habe ich es jetzt endlich geschafft.“
Dieser Mann war tatsächlich ein Geschenk Gottes. Niemand konnte Mike etwas anderes einreden. Gegen Freunde richtete er sich, um einen Unbekannten zu warnen. Unwissend, ob er nicht vielleicht doch sein Schicksal verdient hätte. Es zeigte schon seit langer Zeit kein Gewehr mehr auf den Neuankömmling, aber nun legte es Mike komplett zur Seite, denn für das, was er machen wollte, wäre es ihm nur hinderlich gewesen. Ehe dieser Herbert überhaupt wusste, wie ihm geschah, fand er sich in Mikes Umarmung wieder.
„Danke.“, hörte man aus Mikes Mund. Es mochte nur ein Wort sein, aber er meinte es dafür aus tiefstem Herzen. Ohne ihn würden Calvin und er morgen, um diese Uhrzeit, bereits unter der Erde liegen und Mike hätte nicht einmal das genaue Datum seines Todes gewusst.
„Ah. Nichts zu danken.“
Man sah dem Fremden an, dass ihm diese Situation überhaupt nicht behagte. Deshalb ließ Mike auch schneller von ihm ab, als er anfangs noch geplant hatte. Allerdings sah auch er schnell ein, dass es momentan wichtigere Sachen zu erledigen gab. Schließlich betraf diese Angelegenheit nicht nur ihn.
Herbert durfte daher seine Geschichte noch einmal vortragen, nachdem Mike seinen Kumpanen ebenfalls aufgeweckt hatte. Von Anfang an schilderte der Mann die Geschehnisse, von dem offiziellen Brief angefangen, bis zur Enthüllung des privat Geschriebenen. Alles stimmte mit seiner ersten Erzählung überein, was Mike noch einmal erleichterte. Entweder dieser Fremde sprach die Wahrheit oder es handelte sich um einen eiskalten Lügner. Was Mike hingegen wirklich wunderte, war Calvins Reaktion. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sich Calvins Gesicht und der Mond ein und die selbe Farbe teilten, wie sie damals aus Ronstown flüchten mussten. Nun schien ihn die Sache aber kein bisschen zu überraschen, als hätte er bereits geahnt, dass so etwas passieren würde. Calvin hörte sich die Geschichte in Ruhe an, nickte die ganze Zeit über und stellte ab und zu ein paar Fragen. Mike befürchtete bereits, dass Calvin gerade einen so starken Schock erlitt, dass er nicht mehr klar denken konnte. Dass er nur so ruhig agierte, weil ihm gar nicht der Umfang des Problems bewusst war. Wirklich davon überzeugt war er jedoch, als Calvin nach der Erzählung seine Meinung zu dem Thema kund tat.
„Dann ist es wohl jetzt so weit.“
Was ist so weit?, wunderte sich Mike.
„Was meinst du damit?“, kam dann tatsächlich aus seinem Mund.
„Nichts. Herbert, du bist dir also sicher, dass sie bestimmt nicht vor Tagesanbruch hier sein werden?“
„Ganz bestimmt nicht.“, erwiderte der Hüne, „Ansonsten kann er keinen unschuldigen Toten rechtfertigen.“
„Dann haben wir wenigstens noch ein wenig Zeit. Ihr solltet euch trotzdem zum Aufbruch bereit machen.“
Das beruhigte Mike. Vielleicht begriff Calvin doch, was hier auf dem Spiel stand, wenn er sofort über Flucht nachdachte. Dennoch hielt Mike nicht viel von der Idee. Wenn sie flüchten, würden sich diese Geier nur wieder an ihre Fersen heften und ihnen weiterhin folgen. Da Calvins Aufenthaltsort scheinbar weitläufig bekannt war, musste man endlich eine falsche Fährte erzeugen. Zugegeben, es war gefährlich und Mike gefiel sein Plan selber nicht, aber es musste gemacht werden. Er würde im Außenposten zurückbleiben, während sich Calvin einen Tagesritt vom Außenposten versteckte. Damit könnte er den Männern die selbe Geschichte auftischen, die er bereits den beiden Kopfgeldjägern aus Ronstown auftischen wollte. Dann stellte sich nur noch die Frage, ob sie ihm auch glauben würden, aber da blieb Mike wohl nichts anderes übrig, als es selber herauszufinden.
„Nein Calvin. Wenn wir beide flüchten, dann werden sie nur unseren Spuren folgen. Es ist besser, wenn du dich in einiger Entfernung versteckst. Ich bleibe währenddessen hier und gebe ihnen eine falsche Fährte.“, trug Mike mit ernster Miene vor. Wieso brachte diese Aussage also Calvin zum Schmunzeln? Wie konnte er über Mikes großes Wagnis nur lächeln? Verstand Calvin etwa nicht, dass er sich für ihn in eine große Gefahr begab?
„Oh nein. Da hast du etwas missverstanden. Nicht du bleibst hier, sondern ich.“
„Was? Das kann doch nicht dein Ernst sein?“
Nun stand es leider endgültig fest. Calvin hatte seinen Verstand verloren. Wie sonst konnte er sein Angebot ausschlagen und hier bleiben wollen. Merkte er nicht, dass er damit sein Leben aufs Spiel setzte? Wollte er es etwa mit fünf Männern alleine aufnehmen?
„Das ist mein voller Ernst. Hast du etwa nicht bei Herberts Geschichte aufgepasst? Sie bekommen auch Geld, wenn sie dich aus dem Weg räumen.“
„Ja, aber glaubst du wirklich, dass das eiskalte Mörder sind, die mich umbringen, wenn sie sehen, dass du nicht hier bist? Komm schon Herbert. Sag Calvin, dass deine Freunde so etwas nicht machen würden.“
„Ich hoffe nicht.“, gab der Angesprochene etwas verwirrt von sich.
„Siehst du, Calvin! Wenn du hier bleibst, dann werden sie dich mit Sicherheit umbringen. Du musst so schnell wie möglich von hier weg. Am beste noch heute Nacht.“
„Nein!“, schrie Calvin ihn auf einmal an. „Schau mich doch einmal an, Mike. Ich bin ein gottverdammter Krüppel, der keine fünfzig Meter gehen kann, ohne sich ausrasten zu müssen. Schau ich wirklich wie jemand aus, der noch flüchten kann? Wenn diese Männer kommen, dann sollen sie doch. Ich weiß jetzt, dass sie kommen und wenn sie mich haben wollen, dann sollen sie sich verdammt nochmal auch anstrengen! Als hör endlich auf den Märtyrer spielen zu wollen. Wenn du dich wirklich um mich sorgst, dann lass mir dein Gewehr hier.“
 

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Nun ist es endlich so weit! Nach 708 Tagen kommt "Das Ende ist nah" zu einem Schluss. Ich bedanke mich schon im Vorhinein bei allen Lesern und wünsche ein letztes Mal viel Spaß beim Lesen.
 

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Keine fünf Stunden waren seit diesen Worten vergangen und doch schien die Welt eine ganz andere zu sein. Die Morgensonne erstrahlte bereits in einem satten Rot und ließ nur noch Gedanken an die Nacht zurück. Aber nicht nur die Landschaft erschien in einem ganz anderen Licht. Auch Mike sah anders aus, als noch vor ein paar Stunden. Vielleicht lag es ebenfalls an dem rötlichen Schein oder an seinem Gesichtsausdruck, denn Mike verbarg keineswegs, wie er sich fühlte, als er in voller Montur vor Calvin stand. Hätte er doch nur geahnt, wie es ihm gehen würde, wenn er zum Abschied vortrat, dann wäre er viel energischer gegen Calvins Entscheidung vorgegangen. Dabei konnte er nicht mit Sicherheit sagen, dass das etwas an der Situation geändert hätte. Er wusste nicht wieso, aber Calvin besaß bei dieser Angelegenheit einfach eine unerschütterliche Aura. Als würde jegliches Argument an ihm abprallen, da er tief in seinem Inneren entschlossen war. Anderenfalls würden sie mit getauschten Rollen voreinander stehen.
„Du musst das wirklich nicht machen.“, startete Mike einen letzten, verzweifelten Versuch ihn davon abzubringen.
„Nein. Du wirst es vielleicht irgendwann verstehen.“, lächelte ihm Calvin entgegen. „Übrigens danke für das Gewehr. Werde zusehen, dass ihm nichts passiert.“
„Pass lieber auf dich selber auf.“
„Hm. Hast du dir jemals gedacht, dass wir so voreinander stehen werden?“
„Nein, kann ich nicht behaupten.“
„Blöd, weil ich mich mit solchen Abschieden überhaupt nicht auskenne.“
„Du hast auch immer einen schlechten Witz auf Lager.“
„Und du immer eine schnippische Antwort.“
„Scheint so.“
„Weißt du was. Vielleicht geht es ja gar nicht so schlecht aus. Immerhin hab ich doch so meine Erfahrung mit Schießereien.“
„Wann war denn die Letzte, bei der du aktiv anwesend warst?“
„Und schon ist sie dahin, meine Motivation.“
„Ah. Du wirst mir irgendwie fehlen. War nett nicht alleine hier zu leben.“
„Puh, ich kann mir das ohnehin nicht vorstellen, wie du hier ganz alleine lebst. Muss ziemlich einsam sein.“
„Mhm. Ich sollte mich wohl langsam auf den Weg machen. Wer weiß, wann der Trupp wirklich ankommt.“
„Wäre wohl besser. Und bevor ich es vergesse. Mike?“
„Ja.“
„Danke, dass du mich hierher mitgenommen hast. Ist doch um einiges schöner als ein Gefängnis.“
Dann gaben sich die Männer ein letztes Mal die Hände.

Diese Nacht verbrachte Mike unter freiem Himmel. Gut einen halben Tagesritt vom Außenposten entfernt hatte er sein Nachtlager neben einem dürren Baum aufgeschlagen, dessen Holz er gleich dazu verwendete, um ein gemütliches Feuer anzubrennen. Das würde er auch brauchen, denn an Schlaf war sowieso nicht zu denken. Seine Gedanken kreisten die ganze Zeit um Calvin. Wenigstens musste er diese Nacht nicht alleine verbringen, denn ein alter Freund ließ sich wieder sehen.
Er wollte es anfangs kaum glauben, wie er auf einmal Schuh in den Schein des Feuers spazieren sah. Der Kojote sah ihn wie immer mit seinen kleinen, vertrauensvollen Augen an, wie er sich Mike langsam näherte. Bei diesem Blick brach es ihm das Herz, dass er für Schuh keine Tomaten dabei hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein wenig Fleisch zu dem Tier zu werfen, in der Hoffnung, dass es wenigstens ein bisschen fressen würde. Tatsächlich knabberte der Kojote etwas an dem Snack, aber wirkliche Begeisterung sah anders aus.
Die Stunden vergingen, während Mike gedankenverloren ins Feuer starrte. Schuh hatte in der Zwischenzeit die Müdigkeit übermannt und lag zusammengerollt vor Mikes Füßen. Mike musste wegen des Kojoten schmunzeln. Welches wilde Tier verhielt sich schon wie ein Schoßhund?
Wie Schuh in den frühen Morgenstunden wieder aufwachte, saß Mike noch immer vor dem Feuer und starrte nun in dessen verkohlte Überreste. Er war erst gar nicht auf den Gedanken gekommen sich hinzulegen. Dementsprechend spürte er die Müdigkeit in seinen Knochen stecken. Doch was machte es schon aus, wie es ihm an diesem Tag erging? Nicht er hatte sich gestern im Außenposten befunden, wie die fünf Männer dort waren. Und auch wenn er sich noch so oft einreden wollte, dass es Calvins Wunsch war, dort zu bleiben und sich den Leuten zu stellen, dieses Stechen in seinem Herz ging nicht fort.
Nein, es wurde sogar noch schlimmer, wie der Außenposten in Sicht kam und darüber die Scharen an Geiern kreisten. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass sein geliebtes Zuhause, zu einem Symbol des Todes verkommen würde. Denn nichts anderes war es nun. Mike konnte es in keinem anderen Licht sehen. Es ekelte ihn an, wenn er nur daran dachte, dort noch eine weitere Nacht verbringen zu müssen. An dem Ort, wo diese Feiglinge seinen Freund überfallen hatten. Im Grunde genommen wollte er nicht einmal dorthin reiten. Das Grauen, welches ihn erwarten sollte, hielt ihn wie eine Barriere davon ab sich zu nähern. Doch er wusste, dass er es tun musste. Er musste mit eigenen Augen sehen, was dort auf ihn warten würde. Von all den Dingen, die sich bereits in seinem Kopf abzeichneten und die er erwartet hatte zu sehen, hätte er sich aber nie einreden lassen, dass der erste Anblick das Gesicht eines Bekannten war.
 

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Dort zwischen den Häusern stand Herbert, sichtlich erleichtert, dass Mike endlich auftauchte.
„Was machst du hier?“, platzte es aus ihm heraus, ehe er den Hünen grüßen konnte, „Ich dachte, du wolltest wieder nach Ronstown zurück.“
„Wollte ich ja auch. Aber ich bekam ein schlechtes Gewissen. Schließlich waren das hier auch meine Freunde. Leute, die noch nie auf einen Menschen schießen mussten und nun plötzlich gegen einen kampferprobten Schützen kämpfen sollten. Wenn ich sie schon verraten habe, dann wollte ich doch wenigstens bei den Verletzten aushelfen. Ich weiß selber nicht genau, wie ich es erklären wollte, aber irgendeine Ausrede wäre mir schon eingefallen. Ich hab mich also versteckt. Weit genug entfernt, dass sie mich nicht sehen konnten. Aber die Schüsse, oh, die Schüsse habe ich gehört. Als es dann eine Weile still war, hab ich mich dann hierher gewagt.“
„Und? Was ist passiert?“, trieb Mike den langsamen Erzähler zur Eile an. Überall am Boden sah man Blutlacken und Spuren, als hätte jemand etwas durch die Gegend geschleppt. Er musste einfach wissen, was es damit auf sich hatte. Zu seiner Überraschung, schaffte es Herbert dieses Mal, alles auf den Punkt zu bringen.
„Sie sind alle tot.“
„Alle?!“
„Ja. George und einen der Handwerker hat es bereits da ganz weit draußen erwischt. Den Farmer und den zweiten Handwerker dann hier bei der ersten Hütte. Jeffrey lag dann dort drüben beim Stall.“
„Und Calvin?“
„Dem hat Jeffrey wohl noch eine Ladung Schrot verpasst, ehe seine Stunde geschlagen hat. Kein schöner Anblick. Also Calvin und nicht Jeffrey. Wobei auch so eine Kugel durch den Kopf kein schönes Bild macht. Auf jeden Fall hat sich dein Freund noch bis zum Teich hinüber geschleppt. Dort hab ich ihn dann gefunden. Keine Ahnung, wie er es so weit geschafft hat.“
„Aber wo sind denn jetzt alle?“
„Als ich ankam, waren diese Drecksviecher schon da. Hab die Geier vertrieben und dann einen nach dem anderen in deine Hütte geschleppt. Tut mir leid wegen den ganzen Flecken, aber ich konnte nicht zulassen, dass sie hier draußen gefressen werden.“
„Ist schon in Ordnung. Ich muss dir wieder danken.“
„Keine Ursache. Ich hätte da allerdings eine Bitte.“
„Und welche?“
„Mir ist schon klar, dass du keine hohe Meinung von meinen Freunden haben wirst. Aber glaub mir, das waren alles gute Kerle mit netten Familien. Ich hab zwar nicht viel Geld, aber kann ich dir für das bisschen den Karren und Hardins Pferd abkaufen? Ich glaube nicht, dass ich die Fünf sonst Nachhause bekomme.“
„Für alles, was du für uns getan hast, kann ich dir die Sachen nicht verkaufen. Nimm einfach was du brauchst.“
„Oh, danke. Vielen Dank. Den Familien wird es viel bedeuten, wenn sie wenigstens ordentliche Begräbnisse bekommen.“
„Ich nehme an, du willst Calvin auch mitnehmen?“
„Hardin? Wieso sollte ich?“
„Die Belohnung bekommt man nur, wenn man beweisen kann, dass er auch wirklich tot ist.“
„Die Belohnung? Pfft! Auf das Geld pfeife ich. Schau dir an, was das Geld meinen Freunden gebracht hat. Waren alles brave Männer und haben doch einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie hätten wissen müssen, dass man bei so etwas nicht gewinnen kann.“
„Und alles ist am Ende Limburgers Schuld.“
„Ja. Dieser gottverdammte Hundesohn! Hat meine Freunde mit dem Geld den Kopf verdreht. Weißt du was?“
„Hm?“
„Wenn ich nach Ronstown zurückkomme, werde ich allen erzählen, wie wir hier angekommen sind und von Hardin überrascht wurden. Hat alle bis auf mich erwischt und ist dann Richtung Westen auf und davon. Soll dieser Limburger doch sein Vermögen und seinen Einfluss verprassen, um sein Schreckgespenst an der Westküste zu suchen.“
„Die Idee gefällt mir. Brauchst du eigentlich Hilfe beim Verladen des Karrens?“
„Ja, wäre echt nett.“
Herbert hatte bereits erzählt, dass Jeffrey durch einen Kopfschuss starb. Was er jedoch nicht erwähnenswert fand war, dass jeden der Männer das selbe Schicksal getroffen hatte. Alle lagen in seiner Hütte mit einem Loch genau zwischen den Augen und einem Teil ihres Hinterkopfes weggesprengt.
Sie begannen die fünf Leichname zu zweit aus der Hütte zu tragen und sie, einen nach dem anderen, auf den morschen Karren aufzuladen.
„Was wirst du eigentlich machen, wenn du nach Ronstown kommst, Herbert?“, fragte Mike, während sie den zweiten Toten verstauten.
„Hm? Habe ich doch schon gesagt. Ich werde erzählen, dass wir hier...“
„Nein, ich meine nicht die Geschichte. Du bist dem Tod von der Schippe gesprungen. Wirst du das nicht feiern?“
„Glaube nicht, dass ich nach drei Tagen mit einem Karren voll Leichen in Feierstimmung sein werde. Aber ich weiß, was du meinst. Als erstes werde ich wohl bei der Beisetzung meiner Freunde helfen und dann werde ich dem Herrgott danken, dass ich meine Töchter am Abend noch immer ins Bett bringen kann. Und wie schaut es bei dir aus?“
Ja, was wollte Mike nun überhaupt mit seinem Leben anfangen? Sein Versprechen war auf jeden Fall erfüllt und sämtliche Verantwortung von seine Schultern genommen. Aber mit dieser neuen Freiheit kam auch eine enorme Leere. Bei früheren Gelegenheiten ging er stets davon aus, dass nach Calvins „Verschwinden“ alles wieder zum Alten übergehen würde. Jetzt, wo es allerdings so weit war, konnte er es sich nicht mehr vorstellen. Auch wenn die Leichen verschwanden, so blieb doch die Aura, die Mike bereits die ganze Zeit spürte. Hier gab es nichts mehr als Tod und Verzweiflung. Dieser Ort war in dem Moment verkommen, als hier das Blut seines Freundes vergossen wurde. Mike fühlte es und er wusste, von dem Moment an, als er Calvin ein letztes Mal die Hand gegeben hatte, dass er hier nicht mehr leben konnte.
„Ich werde wohl auch aufbrechen. Hier hält mich auf jeden Fall nichts mehr. Habe im Nordosten eine Freundin, mit einer größeren Farm, die mich vielleicht als Arbeiter einstellt. Das hoffe ich wenigstens, wenn ich mich für ein paar Fehler aus der Vergangenheit entschuldige.“
„Und was wird aus dem Ganzen hier?“
„Aus dem Außenposten? Hm. Vielleicht entdeckt das Militär den Standpunkt wieder für sich, wobei ich nicht mein Geld darauf setzen würde. Wahrscheinlich wird sich die Natur das Ganze wieder einverleiben, wie sonst auch immer. Also wenn du noch was brauchen kannst, das wir hier haben, dann greif besser schnell zu.“
Mit einem beherztem Wurf, landete auch der letzte der fünf Männer auf dem Karren. Ihnen folgte noch ein wenig Werkzeug aus der Materialhütte, das Herbert dankend entgegen nahm. So kam es, dass auch für Herbert und Mike der Zeitpunkt des Abschieds nahte.
„Danke nochmal für alles.“, sagte Mike, wie er seinem Gegenüber die Hand schüttelte.
„Nein, ich habe zu danken. Du hast jeden Grund meine Freunde hier zu hassen und trotzdem hast du mir den Karren und das Pferd geschenkt, damit ich sie endlich wieder Nachhause bringen kann. Das bedeutet mir sehr viel.“
„Da fällt mir ein. Wo sind eigentlich die Pferde deiner Freunde? Wäre es nicht viel schneller, sie auf denen mitzunehmen?“
„Glaub schon. Ich weiß aber nicht wo die sind. Hab hier einige Spuren gefunden, also haben sie wohl die Pferde dabei gehabt. Die sind durch die Schüsse aber wohl verschreckt worden und für immer fort.“
„Sie haben die Pferde mitgenommen? Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Man bindet sie normalerweise in einer sicheren Entfernung an und geht das letzte Stück.“
„Mike, wir sind einfache Arbeiter und keine Westmänner. Wir müssen keine Ahnung von so etwas haben.“
Mit diesen Worten setzte Herbert den Karren in Bewegung und rollte langsam seiner Heimatstadt entgegen. Ein letztes Mal winkte Mike dem deutschen Einwanderer, ehe er sich seiner letzten Aufgabe widmete.
 

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Die Sonne erhob sich bis zu ihrem Zenit und sank langsam dem Horizont entgegen, während sie die ganze Zeit auf einen einsamen Mann, in einer verlassenen Gegend, herabschien. Mit jedem Spatenstich grub sich Mike tiefer und tiefer in den Erdboden hinein. Trotz der lockeren Erde dauerte es Stunden, bis er das Loch als tief genug empfand. Schließlich sollte sich Calvins letzte Ruhestätte als würdig erweisen. Doch worin lag die Würde, als er ihn dann wie ein totes Tier hinter sich herzog? Dabei wollte er ihn doch eigentlich tragen, wie es einem Toten zustand, aber er brachte es nicht über sich. Herbert hatte Recht gehabt, als er gesagt hatte, dass Calvin nicht gut aussah.
Die Schrotflinte stellt eine grauenvolle Waffe dar. Viele würden ihm da widersprechen, aber diese Leute wussten nicht wovon sie da sprachen. Richtig wissen konnten es nur Personen, die die Folgen eines solchen Schusses betrachten durften. Die sahen, wie sich jedes Kügelchen in den Körper bohrte und dabei etwas Fleisch mitriss. Und die, die wirklich diese Waffe verfluchten, mussten bereits ansehen was eine solche Waffe auf kurze Distanz anrichten konnte. So kurz, dass keine Kugel verloren ging und das Mündungsfeuer die getroffene Stelle auch noch verbrannte. Diesen Anblick hielt Mike nicht aus. Deshalb zog er Calvin hinter sich her und stieß ihn mehr in das Grab, als dass er ihn hineinlegte.
Einmal mehr ließ die abendliche Sonne die Einöde in einem satten Rot erstrahlen. Niemals hätte sich Mike erträumen lassen, dass er von diesem Anblick genug haben könnte. Doch dem war nun so. Er freute sich bereits darauf, wenn sich die Dunkelheit der Nacht breit machen würde. Sie sollte ab nun besser zu diesem Ort passen.
„Hrmpf.“, räusperte sich Mike, wie er nach erneut langer Arbeit, vor dem wieder aufgeschütteten Grab stand.
„Calvin, ich hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich etwas Blödsinn rede, aber ich habe so etwas noch nie machen müssen. Ich nehme an, es wäre für den Anfang gut, wenn ich mich für einige Dinge entschuldigen würde, die ich dir angetan habe. Ah. Wieso kommt man immer erst auf solche Ideen, wenn es bereits längst zu spät ist? A-Aber du hast es trotzdem verdient und deswegen hoffe ich, dass du mich hörst, egal wo du nun auch bist.
Calvin, es tut mir leid, für all das Unrecht, das ich dir angetan habe. Es tut mir leid, wie wir dich damals im Waisenhaus auslieferten, wie ich dein Leben zuerst auf die schiefe Bahn brachte und dir dann auch noch dieses Leben ruinierte. Es tut mir leid, wie schlimm ich dich hier anfangs behandelte, wie ich dich schikanierte und schlug und wie mir dein Schicksal mehr als egal war, solange ich mein Versprechen halten konnte. Es tut mir leid, dass du aufgrund meines Plans noch einmal verfolgt worden bist. Und es tut mir auch leid, dass ich dir kein ordentliches Begräbnis geben kann.
All das habe ich dir zugemutet, obwohl du im Gegenzug so viel für mich getan hast. Leider ist es mir erst viel zu spät aufgefallen. Das begann bereits im Waisenhaus. Auch, wenn du dich nur unfreiwillig geopfert hast, so hast du uns anderen doch vor Hardins Adoption bewahrt. Wer weiß wie mein Leben verlaufen wäre, wenn mich dieser Schweinehund zu sich genommen hätte?
Danach kreuzten sich unsere Wege eine lange Zeit nicht, aber als sie es wieder taten, sollten sie sich nie wieder trennen. Mein Leben bestand ab einem gewissen Punkt nur noch aus der Jagd nach dir. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, wie in dieser Zeit. Außerdem habe ich all meine Freunde, all die Leute, die mir am Herzen liegen, während dieses Abenteuers getroffen. Im Grunde genommen hast du mein Leben erst zu dem gemacht, was es heute ist.
Und dann? Nachdem ich dich geschnappt habe und erfahren musste, dass ich eine große Teilschuld an deinem Schicksal hatte? Ich nahm dich auf, um meine Schuld zu begleichen. Unser Start verlief nicht ganz reibungslos, das muss man zugeben. Aber weißt du was? Ich habe es nicht anders erwartet. Was mich allerdings überrascht hat war, wie du dich dann geändert hast. In meinem schwächsten Moment war ich dir ausgeliefert, doch du hast es nicht ausgenützt. Du hast mir den „Anstoß“ gegeben, den ich in dieser Nacht so dringend gebraucht habe. Nur dank dir kann ich nun wieder ruhig schlafen. All das hast du für mich getan, ohne dass ich es erkannte. Jetzt sehe ich es aber. Ich sehe es und will mich bei dir für alles bedanken.
Und nun bist du fort. In deinen letzten Momenten hast du dich der Schuld für deine vergangen Taten gestellt und dafür werde ich dir auf ewig meinen Respekt zollen.
Du hast mein Leben und meine Überzeugungen mehr beeinflusst, als irgendjemand sonst auf diesem Planeten. Du hast mir gezeigt, dass sich Menschen von Grund auf ändern können, solange sie es nur wollen und du hast mich gelehrt, dass auch aus früheren Feinden Freunde werden können. Und deshalb kann ich nur hoffen, dass Gott deiner Seele gnädig sein wird. Mach es gut, Calvin. Ich bin mir sicher, dass wir uns irgendwann wiedersehen.“

Ein letztes Mal blickte Mike auf den verlassenen Außenposten zurück. Dann trieb er sein Pferd an und ritt, mit der untergehenden Sonne im Rücken, gen Osten. Er würde diesen Ort für immer verlassen, aber er sollte doch stets ein Teil seiner Erinnerungen bleiben. Ein Platz, den er lange Zeit sein Zuhause nannte, der für die aufregendsten Jahre seines Lebens stand und auf dem ein unbeschriebenes Grab zu finden war.

The End
 

Jigelp

Wildwest-Legende
The-West Team
Ich muss zugeben, dass ich mich bei den ersten Teilen manchmal schwer getan habe, weiterzulesen. Aber schließlich wurde es doch noch eine gute, spannende Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Du hast die Vorgaben aus der Main Story untergebracht, aber etwas eigenes geschaffen. Danke für deine Geschichte.