• Howdy, Freund! Du scheinst neu hier zu sein. Warum erstellst du dir nicht einen Forenaccount, um mitdiskutieren zu können? Du kannst dich hier registrieren.
    Du hast schon einen Forenaccount? Dann kannst du dich hier einloggen. Viel Spaß!

    Was denkst du zum Beispiel über diese Themen?

Der Westmann, der Indianer und das Greenhorn

Cerberos59

Einst, als der Westen noch wirklich wild und unerforscht war, zogen ein Westmann und ein Indianer gemeinsam Fährten suchend und jagend durch die Wälder und Prärien.

Bei einem ihrer Streifzüge, die Dämmerung war nicht mehr fern, ein guter Lagerplatz zum Nächtigen musste gefunden werden, stießen sie auf eine ziemlich frische Spur. Nein, kein Tier, wohl ein Mensch musste nicht lange vor ihnen durchs Unterholz in Richtung des dichten Waldes gebrochen sein. Da es in jenen unsicheren Zeiten wichtig war, zu wissen, wer oder was sich in der Nähe befand, verfolgten die beiden vorsichtig und nach allen Seiten sichernd den Weg des Unbekannten in der niedersinkenden Dämmerung. Nach der Größe der Abdrücke sowie der Tiefe der Eindrücke handelte es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Mann. Die vor ihnen liegende Spur betrachtend, zeigte sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Westmannes, selbst der üblicherweise ernste Indianer konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht erwehren. Zu Fuß in der Wildnis, einen Trampelpfad wie eine Herde Büffel hinterlassend, abgenickte Äste, ein Stück Stoff an einem abgebrochenem Zweig, so etwas konnte nur von einem Greenhorn stammen.

Als langsam aus der Dämmerung Dunkelheit zu werden begann, hob der Indianer warnend und um Stille gemahnend die Hand, während er mit dem Zeigefinger der anderen zwei mal an seine Nase tippte. Tatsächlich, es roch schwach nach bennendem, nassem Holz. Sich dem Brandgeruch näherschleichend bemerkten die beiden ungleichen Jäger ein bewegtes, leicht flackerndes und in seiner Intensität wechselndes, schwaches Leuchten zwischen den Bäumen, etwa 50 Schritte entfernt. Jedes Geräusch vermeidend, die Beschaffenheit des Bodens vor dem Auftreten prüfend und sich immer im Schatten der Bäume, die das Unterholz langsam ablösten haltend näherten sie sich auf etwa 10 Schritte. Was sie da zu sehen bekamen, erfaßte die Beiden mit baffem Erstaunen.

An einem rauchenden Lagerfeuer, das schon fast einem Scheiterhaufen glich, saß ein etwa 40-jähriger Mann auf einem dreibeinigen Segeltuchstuhl. Seine Kleidung nach hätte er eher in eine Oper als in den Westen gepaßt. Er war gekleidet mit einem schwarzen Gehrock, schwarzen, dezent weiß längs gestreiften Hosen, schwarzen Lackschuhen mit weißen Gamaschen, eine weiße, gestärkte Hemdbrust strahlte aus dem Geleeleibchen hervor, den Kopf bedecke ein seidener Chapoclaque und in der behandschuhten Rechten hielt er einen Gangstock, versehen mit einem geschwungenen Elfenbeingriff. Unübersehbar war auch der Überwurfmantel, den der Fremde sich über die Knie gelegt hatte, welcher deutlich erkennen ließ, dass ein Stück Stoff herausgerissen worden war.

Also doch – ein Greenhorn reinsten Wassers.

Als erstes trat nun der weiße Jäger zwischen den Bäumen hervor, sich dem Fremden zu erkennen gebend, um ihn nicht allzu sehr zu erschrecken. Nun zeigte sich auch sein roter Begleiter dem am Feuer Sitzenden.

Als die, in der Wildnis Erfahrenen, den Scheiterhaufen in ein angemessenes Lagerfeuer verwandelt hatten, begannen sie, das Greenhorn nach dem Woher und Wohin und dem Umstand seines alleinigen Hierseins, auch noch ohne Pferd oder Maultier, auszufragen, als der rote Waldläufer plötzlich lauschend innehielt. Nach einer kurzen Weile bewegte er sich, angeblich Feuerholz zu suchen vom Lager fort ins Unterholz. Längere Zeit geschah nichts, bis plötzlich ein dumpfes, leises „Klong“ zu hören war. Nach einer weiteren, vielleicht 15 vergangenen Minuten erschien der rote Krieger wieder am Feuer. Ein deutlich sichtbares Monokelhämathom bildete sich an seinem rechten Auge. Schweigend setzte er sich zu seinem weißen Freund und dem Fremden ans Feuer.

Kurze Zeit später erhob sich der Westmann und verschwand auf gleiche Weise wie sein roter Bruder zuvor im Unterholz. Nicht lange, und wieder ertönte das schon bekannte „Klong“. Als dieser wieder zu Feuer zurückgekehrt war, zierte auch ihn ein „Veilchen“, allerdings am linken Auge.

Wieder verging einige Zeit, und der Fremde verschwand, den Beiden nacheifernd, auf die selbe Art und Weise. Gespannt lauschten der Westmann und der Indianer in die Dunkelheit. Es dauerte nicht lange, und aus dem Dickicht ertönte es: „Klong, Klong“.

Der Indianer wandte sich an den Westmann und fragte: „Hat mein weißer Bruder dies vernommen?“
Letzterer antwortete: „Doch ein Greenhorn, und was für eines. Ist der Trottel doch glatt zweimal auf den Rechen getreten.“
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

DeletedUser28935

Tolle Geschichte. Find ich sehr spannend und mit lustigem Schluß. Gut gemacht.