Natürlich gibt es auch jede Menge positiver Beispiele (Oldboy, Akira, Ghost in a Shell, Train to Busan uvm.), aber immer wenn ich so einen asiatischen "Blockbuster" sehe, dann frage ich mich, wieso die Japaner oder auch Koreaner ihre "Helden" neuzeitlicher Filme meist so überzogen dümmlich darstellen müssen. Gibt es da eine Vorgabe? Ist das kulturell bedingt, dass ich es einfach nicht verstehe?
Das kann ich aufklären, glaube ich: es ist tatsächlich kulturell bedingt. Und ich glaube, das wird jetzt wieder lang ... schulligung!
Die Asiaten können filmisch eigentlich alles, was Hollywood auch kann, da gibt's Top-Schauspieler, die ihr Spiel auch nicht auf irgendeiner Baum- oder in einer Walschule gelernt haben (und danach ihre Lehrer fressen), sondern in Theatern - in China, Japan und Korea besitzt Theater noch einen richtig hohen Stellenwert, ähnlich wie in England. Und die besten englischen Schauspieler sind vorher groß auf der Theaterbühne gewesen (
Daniel Day-Lewis,
Malcolm McDowell, Patrick Stewart, Judi Dench um nur ein paar zu nennen). Und auch in Asien wirst Du ohne Zeit unterm Vorhang seltenst Schauspieler fürs Kino oder Fernsehen (einer meiner Lieblinge,
Ma Dong-seok zB ist da eine der berühmten Ausnahmen, die diese Regel bestätigen).
Und Theater ist in Asien - und England sowieso - auch etwas vollkommen anderes als hier. Nimm als Beispiel England, da wird oft und viel
Shakespeare gespielt (nicht nur, aber für dessen Stücke sind die halt berühmt), und die legen höchsten Wert auf Authentizität. Da kommst Du zB als Kostümbildner nicht durch, wenn Du für
König Lear den Mantel mal eben bei Deiters oder Woolworth kaufst. Die nähen selbst, und wehe, da sitzt mal ein Stich nicht an der richtigen Stelle ... das sieht zwar keine Sau im Zuschauerraum, aber der Intendant sieht alles und würgt Dich für Fehler). Und da gibt es auch keinerlei Spielraum für moderne Spielereien. Da trägt keine der Wachen einfach mal Birkenstock, weil die für stundenlanges auf-der-Bühne-Stehen halt bequemer sind, nö, die tragen das an den Füßen, das man zu der Zeit getragen hat, in der das Stück spielt. Theater in England ist halt sehr, sehr traditionsbewusst.
Wie würde zB
Heinrich V. in Deutschland aussehen?
Könich Hans kommt mit dem Fahrrad auf die Bühne gefahren (um ein Zeichen zu setzen für den Umweltschutz), trägt eine Dornenkrone (um ein Zeichen gegen Islamismus zu setzen), trägt Jeans, Jackett (um ein Zeichen gegen die Verbrämung der Tradition zu setzen) und Air-Jordans (um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen), schaut kurz auf seine Armbanduhr (ein allgemein bekanntes Symbol, das uns unserer Vergänglichkeit mahnen soll), und dann rappt er die St. Crispins-Rede und nennt jeden (also
Exeter, Westmoreland, Salisbury, Gloster und wie sie nicht alle heißen
"Alter" - mit stereotypisch migrationellem R, also
"Altaaa" - um ein Zeichen für Vielfalt zu setzen), und während er sich dann langsam bis zum Ende durchhiphopt, schwenkt er die Ukrainische Flagge (Zeichen), bevor im Jubelsturm des Publikums der mit weißen Tauben verzierte Vorhang (Zeichen) fällt und die experten- und expertisenreiche Fach-Presse in orgiastischer Glückseligkeit ihre Kritiken verfasst, weil das Stück ja
"hervorragend modernisiert und für das moderne Auge blabla", und die
"Tradition wundervoll mit der Moderne blabla", während den Schauspielern
"allen der Schüttelspeer'sche Geist innewohnte blabla", der Intendant bekäme das Bundesverdienstkreuz, hält eine Rede, in der er betont, dass es ihm gelungen sei
"die Metaphysik der allgegenwärtigen Säkularität mit der Entropie des Unvergänglichen greifbar und die Utopie des Eskapismus angreifbar gemacht" zu haben, was ihm nur möglich gewesen sei, indem er
"die Langeweile der Tradition angeprangert" hätte, obwohl sein Stück "
in aller Bescheidenheit" (um ein Zeichen für Bescheidenheit zu setzen) ja eigentlich nur dieses "
starre Festhalten an Konventionen geißeln" möchte, und beendet seinen Monolog mit
"Die identische Bildkonzeption zu vergleichbaren englischen Produktionen unterliegt keinem Zweifel - ich bitte um die besondere Beachtung der beiden linksbündig platzierten Rauchen-verboten-Schilder neben dem Thron (um ein Zeichen für Gesundheit und gegen Rechts zu setzen) - und so scheint es, dass wir mit unserem synoptischen Konglomerat uns, den einfachen Bürgern, die weitaus bessere Voraussetzung, für eine ungebändigte Worthypertrophie verschafft haben, als Shakespeare's monotone Kammerstücke." ... machen wir uns nichts vor, in England würde der Intendant dafür kastriert werden. Dann ausgeweidet. Dann ertränkt. Dann gevierteilt. Dann erhängt. Dann gerädert. Und schlussendlich müsste er ausreisen.
Wo war ich? Traditionelles Theater. So, England ist klar, kommen wir zu Asien. Wer hat
"Last Samurai" gesehen, mit
Tom Cruise und
Ken Watanabe? Darin gibt es eine Szene, in der "
Katsumoto" auf einer Bühne vor den Dorftheatern in einem Stück spielt. Da wird das eigentlich sehr deutlich: im Gegensatz zum Englischen Theater liegt im Asiatischen der Fokus nicht auf dem gesprochenen Wort, sondern in der Gestik, da wird einfach viel, viel mehr mit dem Körper
"gesprochen", weit ausholende Gesten, fast schon groteske Mimik, Overacting pur im Grunde genommen. Das ist halt deren Tradition, an der die auch (wohl unter Androhung der Todesstrafe) nie im Leben rütteln würden. Und Komödien werden in diesen Ländern auch nur so gespielt ... wir ach so theatertraditionellen Deutschen fühlen uns da eher an eine Kindervorführung von "Räuber Hotzenplotz" erinnert ... von Fünfjährigen für Vierjährige inszeniert. Aber bei denen ist das Usus. Und die "
verasiatischen" auch nicht Stücke aus anderen Ländern. Ein "
Romeo und Julia" dort würde sehr wohl Gefallen in England finden, denn die wahren auch anderer Länder Traditionen. Aber halt alles Asiatische wird auch asiatisch aufgeführt. Also mit (für uns) vollkommen überzogenem Spiel.
Jetzt ist zwar jedem der Spruch geläufig "Andere Länder - andere Sitten" ... aber der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass viele Asiatische Länder, bzw. deren Bewohner das haben, was man hierzulande einen "Sockenschuss" nennt, aber einen ganz gewaltigen! Nur ein paar Beispiele: ich bin jetzt schon ein paar Mal im wirklich wunderschönen Japan gewesen. Ich kann wirklich nur jedem dazu raten, Japan nicht um den April herum zu besuchen, und wenn doch, dann sich um Gottes Willen keinen Mietwagen zu leihen. Denn man darf sich da nicht wundern, wenn der Typ vor Dir auf einer Schnellstraße plötzlich voll in die Eisen geht, den Wagen mitten auf der Fahrbahn stehen lässt, aussteigt und auf einen Baum zugeht. Denn zu der zeit blüht bei denen die Kirschblüte, und die ist da sowas wie heilig ... nein, nicht "sowas wie", die ist heilig! Kein Scheiß, die gehen dann zum Baum, bleiben ehrfürchtig davor stehen, mancheiner handyknipst dann noch, dann gehen die wieder zurück zu dem Stau, den sie verursacht haben und fahren weiter. Das ist bei denen das Normalste der Welt. Bei uns kämst Du ins Gefängnis für sowas.
Oder sagt einem hier "
Kanamara Matsuri" etwas? Das ist ein Fest, das jährlich in Kawasaki stattfindet zu Ehren ... wie soll ich das sagen? ... des männlichen Reproduktionsorgans halt. Wörtlich übersetzt heißt das "
Fest des stählernen Phallus", und ist heute so eine Art (nicht nur Sex-)Touristenatraktion, bei der unter anderem Süßigkeiten in Form weiblicher Brüste, Vaginas und halt auch eben Penissen verkauft werden ... auch sogenannte
"Merchandise-Artikel" dazu - ich muss wohl keinem erklären, was das in dem Zusammenhang ist, nur soviel: Beate Uhse würde erröten! Da darf man sich auch nicht wundern, wenn einem eine Horde Kinder entgegengerannt kommt, die sich alle wahlweise an Schokokuss-Brüsten, Schleckmuschel-Vaginas oder Lollies in Form eines erigierten Penisses laben. Und die Eltern laufen freudestrahlend hinterher und sind stolz auf ihren Nachwuchs.

Aber ich würde wirklich was dafür geben, dass ich mal Alice Schwarzer bei diesem Festival sehen könnte ... nur ihr Gesicht ... Close-up ... stundenlang ... Oscarmaterial !!! Vor allem, wenn zum Ende hin ein drei Meter großer Penis per Prozession und unter dem Jubel der Massen durch die Straßen getragen wird.
Und was die "Humor" nennen, bezeichnen wir als "Dschungelcamp". Da gab's damals mal eine Fernsehsendung (Namen vergessen) mit geradezu straßenfegenden Einschaltquoten, in der wurden Filmchen abgespielt, wie Menschen mitten in einer Fußgängerzone auf eine Bahre geschnallt werden, ihnen wurden dann mit Tesafilm die Augenlider hochgeklebt, und dann wurden denen kübelweise aufgeschnittene Zitronen über dem Gesicht ausgepresst. Und es wurden Taschentücher gereicht, weil die Passanten Tränen lachten ... echt, die haben sich gekringelt vor Lachen. Als Deutscher schaut man bei sowas anders drein, eher so:
Worauf ich hinauswill (und um zum Ende zu kommen): die sind echt anders als wir, und zwar in vielen Dingen. Die können sehr wohl gute Filme mit authentischen bzw. ernsthaften Helden bringen, aber mancher Regisseur möchte seine Filme halt mit ein wenig mit Humor aufhübschen oder anreichern, und bei Humor kennen Asiaten nur eine einzige Richtung: nämlich totales Overacting und totale Karikatur des Normalen, da ist halt
Didi Hallervorden und nicht
Heinz Erhardt das einzige Mittel der Wahl. Sieh Dir mal die alten
Jackie Chan-Filme an, da siehst Du das auch noch (zB typische Geste: weit ausholen und mit dem Daumen auf sich zeigen, wenn man von sich selbst spricht, erstaunte Gesichter, die Muskeln beanspruchen, die wir eigentlich nur als
"Fratze" kennen), und der lustige Sidekick ist da auch nicht wie hier
Weasel, der barkeepende Tresenwischer in "
Deadpool", der mimisch unterspielt und nur durch Wortwitz glänzt, nope, in asiatischen Produktionen wird der in einen kanariengelben Latexanzug gepackt, ihm wird ein Gebiss mit Hasenzähnen in den Mund gestopft, er läuft gegen wirklich jede Tür, und Schauspieler dürfen so eine Figur auch nie mit einem IQ oberhalb der Zimmertemperatur darstellen.
Zwar haben die sich dahingehend auch schon etwas angepasst, sprich: nicht jeder humorige Oneliner wird mit übertriebener Gestik und Mimik gebracht, aber sollten es mehr als drei Einzeiler sein, sollte der Film nicht nur ein Actiongewitter oder Drama sein, sondern auch unterhalten, sollte der Held als Normalmensch und halt nicht als Superheld gezeigt werden, kennen die nur eine Richtung, und die heißt
Karikatur. Das ist für unsere Sehgewohnheiten halt fremd, wenn der totale Supertrottel zwischendurch ernst wird und ernst spielt oder auf Leben und Tod kämpft, also Dinge bringt, die Du der Rolle eigentlich so nie zutrauen würdest. Ob die das nur "leider" immer so machen, möchte ich gar nicht mal unterschreiben. Warum sollten die unbedingt Hollywood nachahmen, wenn dort doch schon genug Filme produziert werden? Ich finde, dieser Umgang mit Humor macht diese Filme halt auch aus.