Nun denn ...
"One Battle After Another" von Paul Thomas Anderson ... again: es handelt sich nicht um Paul W.S. Anderson, und ich hab gegoogelt, beide sind auch nicht miteinander verwandt. Puuuuh, hätten wir das geklärt! Aber das wird lang jetzt ...
Worum geht's?
In den späten 00er-Jahren, als die USA zunehmend autoritär und von Tech-Oligarchen geprägt wurden, führte die Gruppe
"French 75" eine Reihe von Sabotageaktionen durch, darunter Stromausfälle, Banküberfälle und die Befreiung von Migranten aus ICE-Gefängnissen. ICE steht für
Immigration and Customs Enforcement und ist die größte Polizei- und Zolbehörde, die Homeland Security untersteht, und wurde im Zuge von 9/11 gegründet, weil wir ja alle wissen, dass nichts Muselmanen so sehr davon abhält, mit einem Flugzeug in Hochhäuser zu fliegen, wenn sie einfach keine Einreise- bzw. Überfluggenehmigung kriegen, weil ... naja, weil sie eben Muselmanen sind. Unsere komplett kompetent qualifizierte Kohlmeise weiß sowas natürlich, weil sie sich diese ganzen Zoll-Dokus ansieht ... ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, wusste es nicht, weil ich stattdessen lieber Kochsendungen ... mea culpa ... egal, hab ja Google.
Weiter im Text: Während einer besonders riskanten Befreiungsaktion von
"French '75" lernten sich
Perfidia (Teyana Taylor) und der Sprengstoffexperte
"Ghetto Pat" bzw.
"Rocketman" Bob Furgeson (Leonardo DiCaprio) kennen und lieben.
Perfidia ist ein ziemlich durchgeknalltes Flintenweib, das anscheinend auch irgendein inneres Organ besitzt, welches ihr Koks ins Hirn leitet, denn
Perfidia ist immer irgendwie unter Strom. Bei so einer Befreiung aus einem Flüchtlingslager ganz am Anfang des Films, lernen sich auch Perfidia und der erzkonservative
Colonel Steven J. Lockjaw kennen, und
Perfidia demütigt
Lockjaw erstmal, indem sie ihn mit einer Erektion durchs Lager laufen lässt, seitdem ist er von ihr fasziniert.
Lockjaw beobachtet
Perfidia heimlich und befriedigt sich im Auto selbst, während er sie dabei beobachtet, wie sie so Guerilla-Zeugs veranstaltet. Denn
Lockjaw ist nicht nur ein lupenreiner Rassist, er hat auch ein Faible für schwarze Frauen.
Bei einem Banküberfall, bei dem
Perfidia einen Wachmann erschießt, gerät sie erneut ins Visier von
Lockjaw (Sean Penn), mit dem sie sich zwangsweise in einem Hotelzimmer zum Stelldichein treffen muss, nur so bleibt sie auf freiem Fuß. Zwischen
Perfidia und
Bob beginnt es leicht zu kriseln, trotzdem wird sie irgendwann schwanger und gebärt ein Töchterchen,
Willa. Bei besagtem Banküberfall wird sie geschnappt, kommt aber frei, da sie - reichlich frustriert darüber, dass sie nach ihrem Baby für alle nur noch "zweite Wahl" ist - sich als Kronzeugin zur Verfügung stellt. Sie verrät die ganze Bande, kommt ins Zeugenschutzprogramm, flieht aber daraus, setzt sich ins Ausland ab und wird den Rest des Films nie wieder gesehen.
Jahre später ... 16, um genau zu sein, lebt
Bob - mittlerweile arg verpeilt und mit Hang zu Joint, Flasche, Verschwörungstheorien und Bademantel - mit seiner nun teenagigen Tochter
Willa (Chase Infiniti) in einem Californischen Küstenkaff in einer Hütte ... sooo malerisch wie ein Alptraum Wes Andersons nach einem Stromausfall und keinem Baumarkt in der Nähe.
Lockjaw hingegen hat richtig Karriere gemacht durch die ganzen Festnahmen der
"French '75"-Mitglieder, er gilt mittlerweile als Geißel aller Nicht-Arier. Und so bekommt er in Aussicht gestellt, dem
"Christmas Adventurers Club" beizutreten ... so 'ne Art Nobel-Version der Ku-Klux-Klans quasi, die das "White" in "White Christmas" wirklich sehr, sehr, sehr ernst nimmt. Blöd nur, dass die Gerüchte um
Lockjaw und seine Affinität zu maximalpigmentierten Frauen einfach nicht abreißen will, und so ein eventuelles "Mischlingskind" (und
Willa, fürchtet er, ist so eins) von ihm wäre natürlich nicht nur eine "Rassenschande", sondern auch ein Riesengrund, ihm die Aufnahme in diesem tollen Santa-Claus-Club zu verwehren (kein Scherz: die legen da die Fingerspitzen aufeinander und huldigen dem heiligen Nikolaus). Also macht er jetzt Jagd auf
Willa und
Bob.
Genug der Spoilerei. Und eins vorweg: ich darf jedem direkt die Illusion rauben, dass es sich bei
"One Battle After Another" um
"einen der besten Filme aller Zeiten" handelt, wie zehn von zehn Kritikern sich gerade zu solcher hanebüchener Übertreibung hinreißen lassen. Es ist ein guter Film, nicht mehr und nicht weniger.
Den Score hat der Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood beigesteuert, mit dem Anderson seit
"There Will Be Blood" (2007) zusammenarbeitet. Der Sound wird nicht jedem schmecken, da bin ich mir sicher. Mir hat er ganz gut gefallen, weil er Dich durch den ganzen Film treibt. Der ist mir knapp drei Stunden Laufzeit nämlich was fürs Sitzfleisch, aber seltsamerweise kommt Dir der Film irgendwas zwischen 90 Minuten und zwei Stunden vor. Was auch am verdammt guten Schnitt liegt. Die Musik tut dann ihr Übriges.
Kamera und Schnitt sind der Wahnsinn schlechthin! Gedreht in VistaVision, und ich hatte das Glück, diesen fast dreistündigen Film (Überlängen-Zuschlag) auf 70mm zu sehen (Widescreen-Zuschlag) ... wenn man jetzt noch Popcorn-Zuschlag, Nachos-Zuschlag und Cola-Zuschlag einberechnet, muss ich das revidieren, denn das Kino hatte das Glück, dass ich bei dem Film zugeschlagen hab. Die Verfolgungsjagd am Ende, drei Autos über einem Wüsten-Highway ... und da geht es immer rauf und runter, wie Serpentinen, nur halt in der Horiozontalen ... einfach nur WOW! Das dann auf 70mm, allein dafür hat sich der Kinobesuch schon gelohnt. Genau für sowas nimmt man VistaVision, genau für sowas bucht man 70mm und genau für sowas hat der liebe Gott einst das Kino erschaffen!
Kommen wir zu den Schauspielern: Leo orientiert sich ungeniert und unverkennbar an den
Dude aus
"The Big Lebowski" (1998). Den halben Film über rennt er im Bademantel durchs Bild, spielt hübsch verpeilt ... schauspielerisch jetzt keine Meisterleistung, aber die Rolle gibt auch einfach nicht mehr her. Teyana Taylor als
Perfidia war mir zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise so etwas wie sympathisch, eher das Gegenteil ... interessant wurde ihre Rolle erst, als sie auf die Aufmerksamkeit, die ihr Töcherchen erfährt, eifersüchtig wird, doch der Faden wird nicht weitergesponnen, sondern direkt abgeschnitten, als sie sich deswegen ins Ausland absetzt und im Film dann einfach nicht mehr vorkommt. Chase Infiniti als
Willa spielt eine selbstbewusste junge Frau, und das wirklich hervorragend. Sean Penn als
Lockjaw spielt schlicht meisterhaft, mich würde nicht wundern, wenn er dafür nochmal einen Oscar bekommt, die Nominierung ist ihm jedenfalls sicher. Allen die Show stiehlt aber Benicio del Toro, der als
Willas Karate-Lehrer
Sensei Sergio der Inbegriff von Coolness ist, das selbst John Travolta nervös wie einen Priesteranwärter im Puff wirken lässt. Del Toro hatte richtig Spaß mit und in seiner Rolle, das merkst Du in jeder Sekunde. Und auch alle anderen Rollen hervorragend besetzt, da ist nicht eine einzige schauspielerische Mistmade bei, die den Cast ruiniert. Die Besetzung ist einfach hervorragend.
Und jetzt kommen wir zu den Abers, und das sind eine ganze Menge.
Fangen wir bei dem Hype an: Berufskritiker werden untenrum schon ganz erregt, wenn sie den Namen Paul Thomas Anderson nur hören oder lesen, umd nicht zu sagen: sie kriegen einen Berufs-Stä**er. Anderson hat sich - und ganz sicher nicht zu Unrecht - den Ruf eines "
Auteurs" erworben, also eines Filmregisseurs, der als "Autor" des Films gilt, weil sein unverkennbarer, persönlicher Stil und seine künstlerische Vision das Werk maßgeblich prägen. Dies zeigt sich meistens durch die absolute künstlerische Kontrolle über alle Aspekte des Films, von der Idee über das Drehbuch und die Regie bis hin zum Schnitt. Das macht Filme unverwechselbar ... man denke allein an Wes Anderson (ebenfalls nciht verwandt oder verschwägert), bei dem erkennst Du auch nach zwei Minuten, dass ein Film von ihm ist. Und Paul Thomas Anderson hat bereits mehrfach bewiesen, dass er vollkommen zu Recht als einer der größten Regisseure Hollywoods gilt, ich kann da nur auf
"Boogie Nights" (1997),
"There Will Be Blood" (2007) und
"The Master" (2012) verweisen, der Mann kann ganz großes Kino, aber er kann auch unteres Mittelmaß, zB
"Last Exit Reno" (1996) oder auch
"Licorice Pizza" (2007), der ebenfalls nicht gut war. Aber PTA und Kritiker ... das gleicht fast schon einem Regisseur-Kult, den da manche veranstalten. Der Hype lebt einzig und allein vom Zeitgeist, nicht von filmischer oder gar narrativer Substanz.
Und irgendwo dazwischen bewegt sich
"One Battle After Another". Das Problem bei dem Film ist nämlich, wenn man der Story die realpolitische Aktualität raubt, ist sie nur noch Mittelmaß, außerdem wird er ja hauptsächlich eben wegen dieses realpolitischen Bezugs gelobt - vor zehn Jahren hätte man den Film nicht so überschwänglich bewertet. Und auch der Film wäre nur Mittelmaß, wenn da nicht die Schauspieler wären, die Tatsache, dass der Film handwerklich/technisch fast perfekt ist und aufgrund einer aber mal so richtig geilen Verfolgungsjagd am Ende.
Dann gibt es noch die Kritik:
"Trump wird diesen Film hassen!". Erstens ist das absolut kein Qualitätsmerkmal, denn
"Citizen Kane" (1941) gilt als Trump Lieblingsfilm (quelle surprise aber auch

), und der ist nicht weniger als ein verdammtes Meisterwerk! Und zweitens darf man sich fragen, warum Trump diesen Film hassen soll, werden er oder seine Machenschaften dort gar nicht angeprangert. Klar, die ICE ist staatlich, aber die gibt es ja nicht erst seit Trump, sondern seit 9/11 (s.o.). Der Antagonist ist
Col. Lockjaw, ein White Supremecist (der Trump eben nicht ist, der ist nur gegen jegliche Einwanderer bzw. Nicht-Amerikaner, die Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit sind ihm dabei ziemlich egal, so fair sollte man sein). Der bemächtigt sich zwar des Staatsapparats, in dem Fall der Ausrüstung und Mitarbeiter der ICE, um persönliche Fehden auszutragen (das könnte man vielleicht als Trump-gleich auslegen), aber er ist nicht der Staat. Und auch dieser KKK für Reiche da ... der wird kaum ausreichend beleuchtet, um ihn zu hassen. Der Film ist gegen Rechts, das kann man durchaus so sagen. Wem die Merz'-Stadtbild-CDU zu weit links ist, rate ich vom Konsum ab. Aber er ist kein Mittelfinger in Richtung Trump, absolut nicht. Gegen Rechts ist gefühlt jeder zweite amerikanische Film, aber keiner derer wird dafür so gottgleich gefeiert wie
"One Battle After Another", dabei ist er dahingehend noch nicht einmal so aussagekräftig oder bezieht so klar Stellung wie seinerzeit
"American History X" (1998). Und dieser
Lockjaw wird, je länger der Film andauert, immer mehr zu seiner eigenen Karikatur, der wird nicht perfider, böser oder gemeiner, der wird immer nur lächerlicher ... am Ende des Films gegen ihn zu sein, wäre in etwa so, als würdest Du plötzlich gegen Comic-Rassisten sein.
Lockjaws Figur ist einfach nicht mehr "greifbar", weil sie zu künstlich wirkt, zu "armwürstchenig" am Ende - gleiches trifft auf
Perfidia und
Bob zu, die sind einfach zu "over".
Ein weiteres Problem habe ich mit der Zuordnung zu einem Filmgenre, der Film ist ein bisschen Stoner- bzw. Screwball-Kömödie, mit einer patriotischen Prise Politikfilm, ein wenig Vater-Tochter-Beziehungsdrama, manchmal ein Actioner, ein gerüttet Maß Sozial- bzw. Gesellschaftskritik, und zum Ende hin ein Abenteuerfilm und ganz kurz dann noch ein Thriller ... ein ganz kruder Genre-Mix. Ich weiß nicht, was ich da gesehen habe ... einen Film, das steht fest ... einen guten sogar, auch das steht fest ... aber welchen? Dadurch, dass er auch viel zu "episodenhaft" erzählt wird in einigen Szenen, kann sich der Fim nie entscheiden, was er eigentlich sein will. Dem ganzen Film fehlt die narrative Wucht, wie sie zB
"Die zwölf Geschworenen" (1957) oder auch
"Parasite" (2019) hatten ... den Trump ja auch nicht mochte. Und er funktioniert in keinem einzigen Genre. Für eine Komödie nimmt er sich zu ernst, als Politikfilm kann man ihn auch nicht sehen, weil er zu unpolitisch und zu brav für eine Gesellschaftskritik ist ... der Film will alles sein, ist aber tatsächlich nichts so wirklich davon, sondern "nur" ein guter Film. Vielmehr befürchte ich ja, dass mir der Film durch die Vorschusslorbeeren weniger gefallen hat, als er eigentlich könnte. Aber das hier ist nicht
"Die Verurteilten 2", ganz sicher nicht. Aber ich wünsche den mittlerweile weltweit wohl nur noch zwei Handvoll Kritikern, die Genre-Bewertungen vergeben, viel Spaß.
Die Dialoge ... puuuh ... manchmal schlicht grandios, dann aber wirken sie so, als hätte Anderson seine ChatGPT mit Kaffka gefüttert und gesagt:
"Schreib mir mal 20 Seiten Dialoge für meinen neuen Film." Das tut der Figurenzeichnung natürlich auch nicht gut, denn die beschränkt sich fast schon zwangsläufig auf 2D. Weder charakterliche noch emotionale Tiefe bekommt man wirklich geboten.
Ich habe sehr wohl einen guten Film gesehen mit einem klasse Star-Ensemble, einer klaren Regisseur-Handschrift und auch einer politischen Botschaft, einer überragenden Kameraarbeit und dank Schnitt einer Wahnsinns-Pace, nur habe ich weiß Gott kein Meisterwerk gesehen. Ich begreife den Hype nicht so ganz, denn das hier ist nicht
"Der Pate 4" oder
"Citizen Kane 2",den so manch ein Kritiker darin sieht, und er ist auch nicht ein
"There Will Be Blood 2". Ich weiß auch nicht, welche Drogen man konsumiert haben muss, um auf sowas zu kommen und so dermaßen "Masterpiece of Art" in diesen Film hineinzuinterpretieren. Ich geh sogar so weit und bezeichne ihn gerne als "besten Film des Jahres" ... nur sollte man sich da auch der Konkurrenz vergegenwärtigen, die mit
"Jurassic World - Episode CCLIX", "A Working Man" und den tronlosen
"Tron 3" die Messlatte für das Kinojahr nun wirklich nicht sonderlich hochgehängt haben.
Das klingt jetzt bestimmt alles viel zu negativ, denn nochmals: der Film ist gut! Aber dieser Hype ... unbegreiflich für mich.
Dennoch ein absoluter Kuck-Tipp!!!
