„Nürnberg“ also … naja …
Vorweg: jeder Vergleich mit dem großen „Der Prozess von Nürnberg“ aus dem Jahre 1961 mit Spencer Tracy, Richard Widmark, Maximilian Schell und dem Rest, der aus dem Who-is-Who des damaligen Hollywoods gecastet wurde, hinkt schlimmer als Goebbels, nämlich beidbeinig, denn eigentlich ist nur das narrative Setting dasselbe. Ein Film über Nürnberg bzw. die damaligen Gerichtsprozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher trägt automatisch Verantwortung . Nicht nur für historische (und der Film wurde wohl nach original Gerichtsaufnahmen gedreht, das sollte man ihm zugute halten), sondern auch für moralische Präzision. Und man muss noch nicht einmal rechtsgedrallt unterwegs sein, um zu wissen, dass man einen ganzen Weltkrieg nicht nur mit „Wir: gut - Ihr: böse“ erklären kann oder gar darf. Es geht auch erst recht nicht darum, die Nazis und ihre Taten zu rechtfertigen oder sogar zu relativieren (um Gottes Willen!), sondern einzig und allein darum, die Geschichte ernstzunehmen. Und „Nürnberg“ tut das nicht im Ansatz!
Und wir decken auch das Mäntelchen des Schweigens darüber, dass Göring damals aufgrund von Beweisen verurteilt worden ist und nicht, weil er sich nicht von Hitler lossagte, wie es der Film suggeriert. Der Prozess bestand zu 99% aus Lesungen und Vortragen von etwas über einer Million Dokumenten, aber das ist ein Film, da muss man ja irgendwas Dramaturgisches draus machen, kann ich sogar verstehen.
„Nürnberg“ ist ein Film von James Vanderbilt, der davor nur bei einem einzigen Film Regie geführt hat, nämlich 2015 „Der Moment der Wahrheit“ … angesichts des damaligen Casts um Blanchett und Redford ein unverständlicherweise sehr unbekannter aber weiß Gott kein schlechter Film. Und jetzt führt er wieder Regie, und das bei keinem leichten Thema. Kriegsaufarbeitung bzw. Kriegsverbrechenaufbereitung, dafür musste 1961 schon einer der ganz Großen, nämlich Stanley Kramer geholt werden, heute reicht dafür ein einziger Film in der Vita eines Regisseurs, um sich dieses Themas widmen zu dürfen. Aber dem Regisseur Vanderbilt kann man auch recht wenig vorwerfen, denn handwerklich ist der Film absolut gelungen. Super Kamera, guter Score, Sets und Kostüme stimmen, trotz fast zweieinhalb Stunden Laufzeit gibt es keine Längen, technisch wirklich ein Film, wie man sich ihn nur wünschen kann … aber das Drehbuch ist absoluter Müll! Und das wurde ebenfalls von James Vanderbilt geschrieben. Selten habe ich einen Autorenfilmer das Ganze so verkacken sehen, was auch an dem durchaus sensiblen Thema liegen mag, dem er ganz offensichtlich nicht gewachsen war. Aber der Film hat mich furchtbar enttäuscht.
Wo sich sein Vorgänger noch wirklich und absolut ehrenhaft darin versuchte, beide Seiten zu beleuchten, also auch die deutsche Seite, die der Bevölkerung, bzw. die „Schuldfrage“, die sich jeder einzelne Bürger damals stellen sollte, ob man das Ganze hätte verhindern können, und wenn ja, wie? All das wischt „Nürnberg“ direkt in der ersten Szene mit einem Handstreich weg, indem man einen amerikanischen Soldaten zeigt, der auf ein mit einem Hakenkreuz verziertes Blech pinkelt. Großer Zapfen(hand)streich nennt sich das wohl. Ob man bei einem Weltkrieg, der immerhin so um die 70 Millionen Leben einforderte, unbedingt so einseitig an die Thematik rangehen muss … vielleicht auch, damit hierzulande die „Neue Rechte“ kein neues Futter bekommt, das ist eine andere Frage, die ich für mich allerdings wahrscheinlich verneint hätte. Aber es ist nunmal der Film geworden, der er jetzt ist ... leider.
Handwerklich topp, da gibt es nix zu mäkeln. Schauspielerisch ebenfalls. Russel Crowe als Hermann Göring liefert ein Beispiel dafür ab, zu was er wirklich imstande ist, Rami Malek, den ich vor dem Film ja für vollkommen fehlbesetzt hielt, der mich dann aber mit jeder Minute Leinwandpräsenz eines Besseren belehrte, ebenfalls. Wofür Michael Shannon, den ich durchaus für einen respektablen Schauspieler halte, allerdings so dermaßen für seine Leistung über den grünen Klee gelobt wurde und wird, entzieht sich mir schlichtweg. Er spielt passabel, nicht mehr aber nicht weniger, und allzu viel Screentime bekommt er auch nicht. Colin Hanks, der seinem Vater immer ähnlicher sieht, und James Slattery machen einen guten Job, genauso wie der Rest des Casts. Aber Richard E. Grant stiehlt in seinen zehn Minuten Screentime als Sir David Maxwell Fyfe eh allen die Show.
Worum gehts? Hermann Göring (Crowe) ergibt sich. Richter Jackson (Shannon) versucht, einen Prozess auf die Beine zu stellen, und Richard Kelley (Malek), ein junger Psychiater, soll die Psyche all der gefangenen hochrangigen Deutschen (neben Göring zB auch Dönitz, Ley und Heß) und deren Zurechnungsfähigkeit begutachten, man will eindeutig psychisch Kranken ja schließlich keinen Strick um den Hals legen.
Das war’s, darum geht’s. Das hätte man im Falle von Göring und Kelley natürlich auch wie einen Zweikampf mit Worten zeigen können … aber der Film verheddert sich in Briefen, die Göring seiner Frau und Tochter schreibt, Briefen, die Görings Frau und Tochter ihm schreiben, Briefen die von Kelley ins Gefängnis und aus dem Gefängnis geschmuggelt werden, nebst Klavierklängen vom Töchterlein … und 20 Minuten vor Ende rennt Kelley dann ganz aufgeregt zu Jackson und sagt: „Oh mein Gott, Sie Werden diesen Fall verlieren. Wenn Sie Göring in den Zeugenstand rufen, wird er Sie in der Pfeife rauchen!!!“ Nur deutet nichts, aber auch wirklich gar nichts, was der Film bisher gezeigt hat, auch nur im Entferntesten darauf hin, denn Göring wird als durchaus sympathischer Familienmensch portraitiert, als hollywoodtypischer Devil in Disguise, rhetorisch geschult, mit guten Manieren und Herzleiden. Und bis dahin macht der Film tausend Plots auf: Görings Familie, die geheimnisvolle Frau, die mit Kelley flirtet, Kelleys Zaubertricks mit Karten und Münzen, der amerikanische Übersetzer, der eigentlich deutscher Jude ist (Leo Goodall), die Kabbeleien zwischen Kelley und dem danach noch zusätzlich rekrutierten Psychiater Gustave Gilbert (Colin Hanks) undundund … der Film verschenkt das mögliche und mit Sicherheit packende (und leider viel zu selten in Szene gesetzte) Duell zwischen Kelley und Göring für etliche Nebenkriegsschauplätze (Wortspiel unbeabsichtigt!). Natürlich haben die beiden auch Szenen zusammen, nicht gerade wenig sogar, aber da duellieren sie sich kaum, da bringt Kelley Göring einen Münztrick bei oder man spielt Karten und spricht dabei über Gott und die Welt … nichts, aber auch wirklich gar nichts lässt einen vermuten, was für Sprengstoff Göring im Zeugenstand wirklich wäre, außer vielleicht in einer Szene, in der Göring seinen Antisemitismus mittels eines Kindheitserlebnisses erklärt. Und es kommt, wie es kommen muss: Göring raucht Jackson in der Pfeife, aber Sir David Maxwell Fyfe rettet in Mighty-Mouse-Manier the day.
Wirklich ärgerlich, was bei dem ganz offensichtlichen Können des Regisseurs und Drehbuchautoren (zB 2007 „Zodiac - Die Spur des Killers“), diesem wirklich guten und gut aufgelegten Cast und diesem sensiblen Thema dort liegengelassen wurde, was da verschenkt wurde für die Plattitüde, dass Nazis doof/schuld sind. Manches wird nur in Nebensätzen erwähnt, zB dass Deutschland durch den Vertrag von Versailles über Gebühr gedemütigt wurde und es eventuell auch deshalb zu Hitler kam, es wird angeschnitten, dass es völkerrechtlich doch ein paar Klippen zu umschiffen gab, um als faktische Besatzungsmacht einen Prozess in einem fremden Land gegen die Führer genau dieses Landes zu führen, gefällte Unrechtsurteile wegen „Rassenschande“ und „Schwachsinn“ (die mal in einem Nebensatz erwähnt werden), wie die Nazis sich damals die Justiz gefügig und zunutze machten (was mal in einem Nebensatz erwähnt wird - ohne das es das Dritte Reich aber gar nicht erst gegeben hätte) usw. (Görings sogenannte „Judenaktionen“, bei denen er mehrere Dutzend Juden wie Freiwild in einer pittoresken Landschaft zum Zeitvertreib abknallte, werden zB gar nicht erwähnt). Und die Verantwortung des Einzelnen, sprich: die Eigenverantwortung in einem totalitären System, dass es mit keinem gut meint … also genau das, was Göring im Film vorgeworfen wird, bleibt komplett unthematisiert, denn all das wird ersetzt durch themenfremdes Gelaber, ein paar Taschenspielertricks, eine dreiminütige Rede eines Gefreiten, die wohl Tränen in die Augen der Zuschauer treiben sollte, einen künstlich aufgebläht hektischen Oh-mein-Gott-die-Welt-geht-unter-wenn-Sie-Göring-in-den-Zeugenstand-rufen-Topos, der vorher einfach nicht unterfüttert wurde und durch das Portrait eines sympathischen Familienmenschen in Uniform (die anderen Nazis werden entweder als hirnverbrannt oder wimmernde und jammernde kleine Häuflein Elend dargestellt). Der Film nimmt sich vielleicht drei Minuten Zeit, „etwas“ von damals zu zeigen, nämlich Originalaufnahmen, wie zB ganze Leichenberge in einem KZ, die von Planierraupen in Massengräber geschoben werden … da kriegste zwar echt einen Knoten im Magen, wenn Du die Bilder siehst, und das Schlucken fällt Dir schwer, aber Du wirst einfach nicht das Gefühl los, dass sowas nur plakativ genutzt wird, um die eigene simple Böse-Nazis-These mit irgendetwas Realgeschichtlichem zu untermauern. Denn mit Aufarbeitung, die man von so einem Film erwartet, war es das auch schon. Du bekommst „Nazis = böse“ als alleinseligmachende Erklärung für die Greueltaten unsererdamaligerseits vorgesetzt.
Hollywood kann vieles, es kann zB einem Kannibalen eine ganze Film- und Fernsehreihe widmen und den Hauptdarsteller mit Ehrungen überhäufen, es kann Filme und Serien über den Teufel höchstpersönlich bringen und ihn so darstellen, dass man als Zuschauer Sympathy fot the Devil empfindet. Hollywood kann amerikanischen Massenvernichtungswaffen-Erfindern nicht nur ein Denkmal setzen, es kann diese Denkmäler sogar auf einem unangreifbar moralischen Fundament fußen lassen. Was Hollywood aber seit mindestens fünf Jahrzehnten nicht mehr kann, ist, das „Naziböse“ genauso ambivalent zu betrachten oder gar versuchen, zu erklären, wie all das andere, das „normale“ Böse auch. Jeder, der hierzulande an die Schule gegangen ist und wenigstens in jeder dritten Geschichtsstunde aufgepasst hat, weiß, dass Hitler damals nicht an die Macht kam, weil er böse war und die Deutschen zu der Zeit alle total auf das Böse abfuhren, wie so eine Art grundgermanischer Gendefekt. Aber anscheinend glaubt Hollywood das.
Damals war Versailles, bzw. der Vertrag von Versailles, absolut gebrochenes Selbstbewusstsein aller Deutschen, die den Vertrag bzw. die Entscheidung, dass Deutschland die alleinige Schuld am ersten Weltkrieg haben sollte, nicht verstehen konnten. Damals war auch flächendeckende Arbeitslosigkeit in einer Weimarer Republik, die zwar demokratisch aber bestenfalls auch nur halbfertig war. Und dann kam Adolf im Stechschritt! Er versprach allen Arbeit, und er hielt seine Versprechen auch, denn es ging allen zuerst auch wieder besser mit ihm an der Macht. Leibesübungen für alle? „Ach Gott, ein bisschen Bewegung kann ja nicht schlecht sein.“ Hitlerjugend? „Jo mei, wenns die Buam dadurch wieder a bissl Disziplin lern’, gern!“ Judenhass? „Ja gut, ich bin zwar nicht so der Hass-Typ, aber die Juden werden ja schon seit 2000 Jahren verfolgt, da muss dann ja was dran sein.“ Eintritt in die Partei? „Ja, wenn ich doch nur so an Arbeit komme, um meine Familie ernähren zu können, soll’s mir recht sein.“ Das wirklich Gruselige, nämlich diese perfide und hochintelligent gesteuerte Stück-für-Stück-Verwandlung einer Demokratie in den schlimmsten aller totalitären Staaten, wird nirgends mehr erwähnt oder filmisch aufbereitet.
Hollywood will heute anscheinend zwei Dinge nicht mehr wahrhaben: erstens, dass das erste Land, das Hitler überfiel, Deutschland war und zweitens, dass er vollkommen legitim, vollkommen legal und in vollkommener Übereinstimmung mit den damaligen (Notstands-)Gesetzen zum Reichskanzler ernannt wurde. Und dann gibt es da noch einen dritten Punkt: Armut macht Wut! Nichts in der Welt ist einfacher, als arme Menschen politisch zu radikalisieren, wirklich nichts - noch nicht einmal: nach einem Fußballspiel zu erklären, woran es gelegen hat! Und damals waren hierzulande fast alle arm, und wütend wird man dann zuallererst auf Ausländer. Damals gab es aber so gut wie keine Ausländer in Deutschland, da musste eine andere Volksgruppe für den Hass der christlichen Deutschen herhalten, und das waren eben die Juden. Sprung ins Jahr 2026 ins selbe Land: Arbeitslosigkeit ist nicht gerade gering, Armut ist noch weniger gering (die Regierung hat damals unter Merkel schon die Armutsgrenze nach unten verschoben, damit das nicht so auffällt, kein Witz!), wir haben einen Bundeskanzler, der Arbeitslose generell als faul bezeichnet, dito die arbeitende Bevölkerung, die es wagt, wegen eines gebrochenen Arms oder gar solcher eingebildeten Krankheiten wie Depression oder Burnout zum Arzt zu laufen. Man kann ihm dabei zusehen, wie er sich weigert, die Unter- und Mittelschicht zu stärken, während der Oberschicht die Steuern gesenkt werden, wohlgemerkt in einem Land, in dem die Reichen Jahr für Jahr immer reicher werden (ganz ohne Steuersenkungen) und die Armen immer ärmer … und dann wundert er sich und wir uns, warum die Partei der Alternativpolitiker stündlich Zuwachs erhält, obwohl Merz doch jetzt bestimmt schon dreimal gesagt hat, dass Nazis doof seien? Ja, total unverständlich.
Und genau deswegen könnte ich bei so einem filmischen Machwerk wie diesem hier regelrecht kotzen! Statt aufklärerisch zu wirken, statt wirklich zu versuchen, den Leuten klarzumachen, auf was wir (nicht nur in Deutschland) wieder zusteuern, denn es sind exakt die gleichen Prozesse zu beobachten wie damals mittlerweile (gerade gut zu erkennen in Amerika, wo die Regierung versucht, sich die Justiz zu eigen zu machen und Gesetze ändert, die dem politischen Gegner helfen könnten, Stichworte: "Project 2025" und "Gerrymandering"), wird stattdessen „Nazis = doof“ auf Buttons gedruckt und sich selbst dabei auf die Schulter geklopft, ob des eigenen „Kampfes“ gegen Rechts. Wenn ich die IMDB-Wertung von 7,4 sehe, weiß ich, dass die Wertung um 7,5 Punkte zu hoch angesetzt ist. "Faschisten können auch total liebe Väter sein." ... das möchte ich auch gar nicht bestreiten, aber ist das wirklich die Aussage, die man bei einem Film über die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg erwarten kann oder gar sollte?
Back to topic: das ist weder Justiz- noch Psycho-Thriller noch ein, wie gerade erwähnt, dank der simplifizierten Betrachtungsweise, ein dem Thema angemessener Film. Das soll wohl ein Drama sein. Dramatisch ist allerdings nur das Scheitern des Films selbst … denn wenn wir jetzt mal all das außen vor lassen, was ich dem Film eigentlich vorwerfe, wenn wir jetzt nur den Film nehmen, dann steht er sich einfach nur selbst und seinem Plot im Weg, mir fehlt dahingehen wirklich eine halbe Stunde Filmzeit, die das auch untermauert, was es in der letzten halben Stunde erzählt. Und man sollte sich hüten, überhaupt Vergleiche mit dem großen Vorbild „Das Urteil von Nürnberg“ ziehen, weil der eine mit dem anderen nichts gemein hat. Denn „Nürnberg“ ist zwar groß gespielt, groß ausgestattet, aber minderwertig geschrieben. Zugegeben: seinem Vorbild ging es nicht um Göring, sondern um einen fiktiven deutschen Richter (Burt Lancaster), der dem amerikanischen (Spencer Tracy) am Ende des Films versichert, dass er nur Urteile gefällt habe, die ihm vorgeschrieben wurden, aber nie, niemals im Leben hätte er wissen KÖNNEN, was er damit lostritt. Und Tracy erwidert, dass er beim ersten Urteil, das er über einen Unschuldigen gefällt hat, es hätte wissen MÜSSEN. Das war und ist großes Kino, „Nürnberg“ hingegen ist seichte Unterhaltung mit dem unglaublich aufklärerischem Plot, dass Nazis böse sind … uuuuuuuuuuuuh! Der eine Film erklärt, dass Deutsche damals ganz sicher nicht alle die Verantwortung trugen für all das Leid, aber einen Teil Schuld durchaus dazu beigetragen haben, weil sie das einfach haben geschehen ließen und sich selbst dabei betrogen, indem sie sich andauernd einredeten, dass sie ja ex nix dagegen hätten tun können. „Nürnberg“ erklärt, dass Nazis böse sind … abermals: uuuuuuuuuuuuh!
Anstatt argumentativ sich mit der ganzen scheiß Thematik von damals auseinanderzusetzen, wie es „Das Urteil von Nürnberg“ gemacht hat, bringt man heute lieber einen Film raus, dessen Prämisse die ist, dass alle Nazis böse sind, und glaubt wahrscheinlich auch noch, man hätte damit Gutes bewirkt. Der Film verflacht das Kern-Thema, er kümmert sich nicht um moralische Komplexität oder historische Ambivalenz (obwohl in einem Nebensatz ja tatsächlich erwähnt wird, dass Amerika schließlich auch mit einem Knopfdruck mal eben ein paar Tausend Japaner weggebombt hat ... allerdings von Göring, also zählt das nicht). Er traut sich nicht, komplexe oder gar unbequeme Fragen zu stellen, sondern setzt nur auf das platte Nazis=böse-Schema. Der Film hätte ein psychologisches und ein moralisches Duell sein können, stattdessen wurde er eine Art krude Briefroman-Verfilmung mit Uniformen und der moralischen Gut-Böse-Demarkationslinie der Gangsterstreifen aus den 40er Jahren. Einer der wenigen guten deutschen Filme der Neuzeit, nämlich „Die Welle“ (2008) mit Jürgen Vogel ist dahingehend die unzweifelhaft bessere Wahl. Und wenn ich schon einen deutschen Film der Neuzeit empfehle ...
Gut gespielt, gut ausgestattet, aber deutscherschäferhundsmiserabel … regelrecht feige verfilmt, tut mir leid! Gerade heute, wo Geschichtsrevisionismus hart an der Grenze zur Geschichtsklitterung (Stichwort: „Hitler war Kommunist.“ von A. Hi… ääh Weidel) wieder salonfähig wird, wäre ein differenzierter Film wichtiger denn je. Ich würde ihn wenigstens gerne schauspielerisch empfehlen (können), denn Crowe und vor allem auch Malek, den ich wirklich sehr schätze und der hier die Bond-Bösewicht-Scharte eindrucksvoll auswetzt, zeigt, dass er mehr kann als „nur“ Freddy Mercury … aber erstens reicht keiner an Maximilian Schell oder gar diesen Wahnsinnsauftritt von Montgomery Clift (eine der größten courtroom scenes der Filmgeschichte!) im Vorbild heran, keiner der Figuren brennt sich Dir ins Gedächtnis, was allerdings wohl auch fast ausschließlich daran liegt, dass der Film es sich ärgerlicherweise wirklich sehr einfach macht mit der Moral und sich andauernd seinem eigenen Plot in den Weg stellt. Und zweitens sollte man sich gerade in der heutigen Zeit nicht auf die Schulter klopfen dürfen, wenn man das Narrativ „Nazis = böse“ als Neuerfindung des Rades oder gar als Heilung vor dem erneuten rechten Irrweg ganzer Völker verkauft. Mir tut es ein bisschen leid für Crowe und Malek, denn die beiden melden sich schauspielerisch wirklich eindrucksvoll in der Riege der Daueroscarverdächtigen zurück, aber beide haben das Drehbuch vorher gelesen, sie hätten es wissen MÜSSEN, dass das Schund ist und das Thema so nie und nimmer verfilmt werden darf.
Heute fällt es sehr, sehr leicht, über die damaligen Geschehnisse zu urteilen, sich moralisch dagegen zu positionieren. Doch bin ich mir nicht sicher, wie ich gehandelt hätte, wäre ich dieser Richter Ernst Janning aus „Der Prozess von Nürnberg“ gewesen. Denn es ging für ihn schon lange nicht mehr um „Urteile ich richtig oder falsch?“, sondern nur noch um „Urteile ich, wie es von mir verlangt wird, oder urteile ich gerecht und verliere deshalb womöglich Stellung, Besitz oder sogar Leben?“ Man glaubt Janning, dass er das nie im Leben gewollt hatte, das stand eh außer Frage. „Der Prozess von Nürnberg“ beleuchtet aber, ob er damit hätte rechnen können, ob er durch sein Zutun mit dazu beigetragen hat, dass Deutschland damals bis ins Unfassbare eskaliert ist. Es geht um die persönliche Verantwortung in einem totalitären System. „Der Prozess von Nürnberg“ beleuchtet eben genau diese ethische Grauzone. „Nürnberg“ hingegen beleuchtet ein hakenkreuzverziertes Stück Blech, auf dem sich ein G.I. erleichtert. Soviel zum Thema „beide Filme miteinander vergleichen“. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: hätten mir das Budget und der Cast zur Verfügung gestanden, hätte ich den Stoff mutiger, unbequemer, aufgeklärter, aufklärender und wesentlich differenzierter verfilmt.
Kein Kucktipp! Schauspielerisch topp, handwerklich topp, aber ob der verschenkten Möglichkeiten, damalige und auch tagesaktuelle Politik betreffend, ein absolutes Ärgernis … ein 70 Millionen Toten gegenüber absolut respektloser Film, sorry!