So,
„Spider-Noir“ … das Fazit vorweg: eine absolute Enttäuschung!
Ich habe einen chronisch overactenden Nicolas Cage erwartet, Humor auf dem typischen Pipi-Kacka-mein-Pullermann-ist-größer-als-wie-Deiner-Level, hektische Michael-Bay-Memoriam-Schnittfolgen mit overkilliger CGI-Überfrachtung und Explosionen im Minutentakt. Ich hatte fest mit mehr einstürzenden Gebäuden gerechnet, als New York jemals hatte, mit marveltypischem Multiversums-Geschwurbel nebst (un)passenden CGI-Effekten und Aliens, die zu disneytypischer Fahrstuhlmusik die Erde erobern wollen ... und natürlich auch noch andere und viel knuddeligere Aliens, die dem Protagonisten helfen, vierzehn Universen at once zu retten, und die man hernach wunderbar als Merchandising-Artikel im Spielwarenladenregal Deines Vertrauens hochpreisig anbieten kann. Ich ging fest davon aus, Männerrollen, die im Skript einfach auf eine Frau gepresst wurden, zu sehen zu bekommen, mit den dazu passenden genretypischen MMA Kampf-Choreos. Ich dachte wirklich, ich krieg einen Film Noir-Ulk, eine Persiflage auf das Genre zu sehen, mit der unzweifelhaften Botschaft, dass Noir total altmodisch und deshalb total doof ist und nur Disney weiß, wie Film heutzutage geht. Ich war gefasst auf miese, wirklich mies gespielte Bösewichte, die an Zweidimensionalität auch nur heranreichen, wenn man mit beiden Augen schaut, und einen Cast aus den Leuten, die beim GZSZ-Casting samt und sonders mit Pauken und Trompeten vor die Tür gesetzt wurden. Mein Hirn hatte sich bereits halb im Schlummermodus befunden, weil es (unfreudig) KI-geschriebenen Dialogen entgegen sah, die alle zwei Minuten zwanghaft witzig sein wollen, und bei denen sich der windowseigene Copilot beim Lesen vor lauter Fremdscham über seine „Kollegen“ selbst defragmentieren würde. Mein Restverstand hatte Expositionen à la
„Ich schieße Dir jetzt Netze aus meinen Handgelenken in die Fresse!“, Ich schwinge mich jetzt dank meiner Superkräfte von Gebäude zu Gebäude.“ oder
„Ich kann Hauswände hochklettern, siehst Du … hier … ich klettere jetzt, siehst Du?“ eingeplant … nichts, aber auch wirklich gar nichts davon habe ich bekommen. Marvel/Disney hat mal wieder nicht abgeliefert, wie man es erwartet. Es gab noch nicht einmal eine Szene, in der Pro- und Antagonisten vor einem Lagerfeuer über ihre Gefühle reden. Das … das … das ist, als würde ich zu McDonald’s gehen, mir eine Bic Mac bestellen, und dann krieg ich da plötzlich einen Burger wie auf dem Werbeplakat serviert: perfekt geschichtet, saftig und stabil, ein wohlschmeckendes, architektonisches Meisterwerk aus Fleisch, Hoffnung und leicht erhöhtem Herzinfarktrisiko.
Was erlaube Sony???
Ich.
Kann.
So.
Nicht.
ARBEITEN !!!
Worum geht’s überhaupt: ich fang gar nicht erst an mit „Paralleluniversum“ und diesem ganzen Kokolores, der mir die Hirnwindungen verstopft. Denn die Serie kann wunderbar auch einfach nur in der Vergangenheit in unserem Universum spielen. Und Spiderman heißt da auch nicht
„Peter Parker“, sondern
„Ben Rilley“, und das kommt auch nicht von ungefähr, denn wir kennen Peter Parker aus tausend Ablegern eigentlich immer nur als Mitzwanziger, jung, frisch, agil … aber Ben Rilley ist Mitt- bis Endfuffziger und schon lange nicht mehr so gelenkig wie früher. Er hat auch mittlerweile seine liebe Müh und Not, unfallfrei durch ein Fenster zu steigen, auch weil er seine Maske eigentlich schon vor Jahren abgelegt und seinem Helden-Leben abgeschworen hat.
Die Serie spielt Anfang der 30er Jahre, ca. 15 Jahre nach Ende des ersten Weltkriegs, in dem
Ben Rilley (Cage) mitgewirkt hat. Dort wurde er von einem Mutanten gebissen, bekam seine Kräfte, nähte sich ‘ne Maske und vigilierte durch New York. Vor fünf Jahren allerdings hörte er auf, „Die Spinne“ zu sein, denn als er seine Frau und große Liebe (
Ruby?) nicht retten konnte, sah er keinen Grund mehr darin, den Superhelden zu mimen. Stattdessen begann er zu saufen und wurde ein leicht abgehalfterter und höchstens zweitklassiger Privatdetektiv (alternativlose Berufswahl in den Genre) mit mehr Vergangenheit als Zukunft und leicht fatalistischer Weltanschauung, der von einem vermeintlichen Ehemann den Auftrag erhält, dessen Frau, die Nachtclubsängerin (fast alternativlose Berufswahl für eine Femme Fatale)
Cat Hardy (Li) zu beschatten. Wie sich herausstellt, ist die aber gar nicht mit dem Auftraggeber verheiratet, vielmehr scheint man den Bürgermeister erpressen zu wollen, denn den trifft sie auf ein Schäferstündchen. Ein anderer Auftrag ist die Suche nach einem Mann namens
Addison. Er findet ihn auch, aber
Addison ist kein normaler Mann mehr, denn er kann in Flammen aufgehen, wird aber dennoch erschossen. Da es aber der Verbrecherboss
Silvermane (Gleeson) ist, der hinter Addison her ist, kommt
Ben auf den Trichter, dass er benutzt wird und dass es besser ist, sich aus allem herauszuhalten. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn
Cat taucht in seinem Büro an und bietet ihm einen neuen Auftrag an: jetzt soll er deren Freund
Flint Marko suchen, der Kräfte hat und verschwunden ist.
Bestellt hatte ich maximal minderwertig-meschuggenen Marvel-Murks, den man getrost auf dem Second Screen „hören“ kann. Geliefert bekam ich aber Noir-Niveau … wohl auch, weil Sony sich von Marvel/Disney nicht die Drehbücher diktieren lässt, denn die Rechte an der freundlichen Spinne aus der S/W-Nachbarschaft liegen bei Sony, nicht bei Marvel, und somit auch nicht bei Disney! Die Serie nimmt das Genre erschreckenderweise echt ernst, hat mit Li Jun Li eine Femme Fatale zu bieten, absolut im Geiste einer Veronica Lake, Lauren Becall, Rita Hayworth, Barbara Stanwyck, Lana Turner, Joan Bennett, Jane Greer und wie sie nicht alle hießen, die stärker ist als alle Männer, weil sie eben eine Frau und kein umgeskripteter Girlboss ist. Sie bietet eine stilistisch passende und konsequente Kamera, dazu gesellt sich eine richtige Noir-Atmosphäre … ein New York quasi als eine Art Entität, die Du (ähnlich wie Gotham) spüren kannst, wie sie atmet, wie sie drückt, wie sie beobachtet, anstatt nur Kulisse zu sein. Als Topping gibt’s teilweise messerscharfe Dialoge, wie man sie von Bogey, Robertson und Cagney gewöhnt war (
„Fühlst Du Dich von mir nicht wertgeschätzt? Nun, ich spreche jeden Abend ein kleines Gebet aus Dankbarkeit.“ -
„Du solltest jeden Morgen eines sprechen, an dem es Dir vergönnt ist, aufzuwachen.“). Der Humor wird ebenfalls total untypisch in Häppchen statt als Schlachtplatte serviert, und die Häppchen schmecken sogar lecker.
Es ist selbstverständlich weder Chandler noch Hammett noch Tourneur, sondern „Noir mit Marvel“, aber halt in der Tradition von Chandler, Hammett und Tourneur. Und es ist Noir, in das man Marvel reingeschrieben hat und nicht umgekehrt! Es ist eben keine kunterbunte Marveldisneyfizierung des Genres (und ich kann unserer Zweidrittel-Cyborgdrossel da nur zustimmen: sich die Serie in S/W anzuschauen, ist ein MUSS!), sondern eine ganz altmodische Detektiv-Geschichte ohne Aliens und ohne, dass der Protagonist mindestens die ganze Galaxie retten muss … er muss noch nichtmal die Erde retten oder gar auch nur die Stadt, nichtmal einen Stadtteil ... ganz altmodisch: ein leicht zynischer, alter, müder Good Guy gegen böse Buben, von denen halt manche Superkräfte haben (im Endeffekt halt die 30er Jahre Versionen von
Electro und
Sandman). Da rennt auch keiner in Capes rum oder mit der Unterhose über den Leggins, es sind Menschen mit Superkräften, die, wie es sich für die 30er gehört, Anzüge und manchmal Trenchcoats tragen.
Als bösen Oberbuben hat Sony sich auch nicht irgendeinen unbekannten und untalentierten Laiendarsteller ins Boot geholt, was bei Disney wahrscheinlich für kollektives Kopfschütteln gesorgt hat, sondern mit Brendan Gleeson einen, dessen faltige Charakterfresse wie für Noir gemacht ist. Allein, dass für Hollywood tatsächlich noch ein Unterschied besteht zwischen „Charakterfresse“ und „Reinkloppfresse“, lässt mich ja an den Fortbestand der Filmfabrik glauben. Und dann Nicolas Cage … in meinen Augen war der ja der größte Fallstrick bei der ganzen Show, aber was liefert der ab, meine Fresse! Zurückhaltend, wenn es sein muss, overactend, wenn es sein muss, exzentrisch, wenn er muss, introvertiert, wenn er muss … aber auch nur dann und das alles mit einem perfekten Timing! DAS ist Cage, wie ich ihn liebe! DAS ist endlich wieder der Cage, der im Handumdrehen alles und jeden an die Wand spielen könnte. Aber der Regie sei Dank, ist das hier keine One-Man-Show (was unweigerlich zu dem Over-Cage geführt hätte), denn alle durch die Bank sehr guten Darsteller bekommen ihre wohlverdiente Screentime. Aber Cage ist es allein schon wert, dass man sich die Serie anschaut, anders kann man sich den gealterten Spiderman einfach nicht mehr vorstellen. Zudem dürfen auch Amy Aquino und
Garak himself, also Andrew J. Robinson ihre faltigen Gesichter in die Kamera halten.
Und eben diese Kamera muss ich auch noch lobend erwähnen: sanfte Schnitte, nicht diese abgehackten Stakkato-Bildwelten, die Dir die Stäbchen im Auge umsortieren und Risse auf die Netzhaut zaubern. Ab und zu sogar eine „Dutch Angle“, um Perspektive zu verdeutlichen. Und ab und zuer wird bei Gewalt auch total altmodisch auf die Wand geschwenkt, dann sieht man sie dort als Schattenriss. Überhaupt liebt die Kamera Schatten und arbeitet wirklich frappierend effektiv mit ihnen … wenn ich wirklich was finden müsste, was es daran zu meckern gäbe, dann, dass die die Serie ruhig ein bisschen grobkörniger hätten filmen können. Sie hätten auch künstliches Rauschen einfügen können, dann wär’s noch geiler geworden, aber das ist jetzt echt Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau.
Der Score war mir an manchen Stellen auch etwas zu generisch, es gibt kein wirklich eigenes Thema … das stört nicht, absolut nicht, aber ich bin gerade so schön im Rosinenpick-Modus.
Storytelling … naja … leider Gottes wohl der größte „Minuspunkt“ bei den heutigen „zuhörenden“ Abonnenten, und ich schätze, dass die Serie deshalb durchfällt beim pubertierenden Zielgruppenpublikum. Denn das ist „altmodisches“ Geschichtenerzählen, sprich (Brüller!): „show don’t tell“ wird wieder großgeschrieben. Dem Zuschauer wird die Bedeutung und Wertung einiger Szenen überlassen, Szenen werden Dir nicht von handelnden Figuren erklärt, damit Du sie moralisch auch richtig in Deinem Oberstübchen abheftest. Manchmal hat man sogar ein paar Minuten ganz ohne Dialoge, die Kamera zeigt Dir die Szenerie, der Score drängt Deinen Puls dann entweder nach oben oder nach unten … total altmodisch halt … aber geil! Hervorzuheben wäre vielleicht noch, dass die da eine Sache für Noir genau richtig machen: es gibt nicht diese comicverfilmungstypische Origin-Füllfolge, die man getrost skippen kann, weil deren informativer Nährwert deutlich unter dem eines Fruchtzwergs liegt. Sowas gibt es im Film Noir nicht, dort ist die Vergangenheit ein Schatten. Und genauso wird sie auch hier behandelt, das Origin bekommt seinen Platz in einem Cold Opening (der Teil einer Episode, der vor dem Intro kommt) und in ein paar Rückblenden.
Und wenn es Dialoge gibt, dann nicht ein einziges Mal auf Blinden-Sonderschulen-Niveau (
„Ich gehe jetzt zur Tafel. Und jetzt nehme ich ein Stück Kreide in die rechte Hand. Und jetzt male ich in Großbuchstaben ,LMAA’ an die Tafel … in Braille!“) … nein, die lassen da die Figuren miteinander sprechen statt übereinander, richtige Gespräche, so mit richtigen informationsgeschwängerten Aussagen und so, im Schuss/Gegenschuss-Modus ... kennt man heutzutage gar nicht mehr (schönen überheblichen Gruß an die Gen-Z-wannabe-Filmnerds an dieser Stelle). Denn ich wette, ich muss nur drei Kritiken lesen, dann sehe ich schon den großväterlich-generösen Vorwurf
„hat gewisse Längen“ … die Serie hat keine einzige! Sie ist zur Abwechslung nur mal wohltuend ruhig und ohne jegliche Hektik erzählt, das ist alles. Es gibt auch erfrischend wenige Explosionen, überhaupt wird CGI dort tatsächlich unterstützend und nicht als Hauptdarsteller eingesetzt.
„Spider-Noir“ ist kein Noir der alten Schule, da hat
@Birdie schon ganz Recht, Cage spielt seinen Privatdetektiv auch nicht ganz so desillusioniert, zynisch und nihilistisch wie Bogart damals, aber in Grundzügen ist das durchaus vorhanden. Man darf auch nicht vergessen, dass es kein reiner Noir ist, sondern Noir mit Marvelfiguren, von daher passt das eigentlich.
Bist Du erst in diesem Jahrtausend geboren, wirst Du die Serie bestimmt stinklangweilig finden.
Für alle anderen alten Säcke wie mich, die bei Filmen und Serien Qualität vor Quantität stellen: Kucktipp!!!
